75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 26. / 27. November 2022, Nr. 276
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 19.09.2022, Seite 7 / Ausland
Nach dem Tod der Queen

Britische Krone in der Krise

Unterstützung für Monarchie im Vereinigten Königreich auf Tiefstand
Von Dieter Reinisch
imago1014797803h.jpg
Spruchband der Fans des amtierenden schottischen Meisters Celtic Glasgow am 14. September in Warschau

Auch wenn die kilometerlangen Schlangen von Monarchieanhängern in London einen anderen Eindruck vermitteln könnten: Das britische Königshaus befindet sich in einer Krise. Die Zustimmung der Bevölkerung zur Krone ist so gering wie nie zuvor.

Im Rahmen des British Social Attitudes Survey wird regelmäßig die Bedeutung der Monarchie untersucht. Dabei war die Zustimmung zur Krone seit 1994 relativ stabil, rund zwei Drittel der Befragten hielten diese für »sehr« oder »relativ wichtig«. Im nun veröffentlichten Ergebnis für 2021 gab allerdings bereits ein Viertel an, die Monarchie »nicht wichtig« zu finden, nur die Hälfte der Briten hielt sie für »wichtig«. Bei den unter 35jährigen erklärten nur 14 Prozent, das Königshaus sei »sehr wichtig«. Am vergangenen Montag erklärte der Autor der Studie, John Curtice von der Universität Strathclyde in Schottland, in einem Beitrag für The Conversation, der neue König Charles übernehme die Krone »zu einem Zeitpunkt, an dem die Unterstützung für die Institution Monarchie einen neuen Tiefstand erreicht hat«.

In der Berichterstattung eines Großteils der Medien sind solche Stimmen kaum zu vernehmen. Als der neue König am Freitag die walisische Hauptstadt Cardiff besuchte, demonstrierten 40 Personen lautstark gegen die Monarchie. Binnen weniger Tage unterzeichneten 30.000 Waliser zudem eine Petition, in der gefordert wird, den Titel »Prince of Wales« nicht mehr zu vergeben.

In einem am vergangenen Donnerstag veröffentlichten Podcast des ehemaligen Vertrauten des Premierministers Anthony Blair (1997–2007), Alastair Campbell, gestand der walisische Regierungschef Mark Drakeford (Labour): »Das Risiko, dass das Vereinigte Königreich nicht mehr so weiterbestehen wird, war noch nie so groß wie heute.« Er erwarte, dass Nordirland und Schottland sich von London loslösen: »Wie kann Wales als einziges Anhängsel von England weiter politischen Einfluss (auf London, jW) nehmen? Die Unabhängigkeitsbewegung in Wales ist klein, aber wir müssen uns trotzdem dieser Frage stellen.«

Ein Jahr vor dem geplanten Unabhängigkeitsreferendum in Schottland gibt sich die Chefin der Regionalregierung, Nicola Sturgeon von der Schottischen Nationalpartei (SNP), als loyales Staatsoberhaupt; artig wurden Beileidsbekundungen in den Buckingham-Palast geschickt. Die schottischen Unionisten hoffen darauf, dass der Tod der Königin auf ihrem Landsitz in Schottland die Unabhängigkeitsbewegung schwächt. Doch wie gespalten Schottland ist, zeigt sich unter anderem bei Fußballspielen. Während die als besonders unionistisch geltenden Fans der Glasgow Rangers am Mittwoch in der Champions League einen riesigen Union Jack und das Konterfei der Queen zeigten, verspotteten die linken Ultras von Celtic Glasgow die verstorbene Monarchin mit Bannern und Sprechchören. Am Sonnabend wurde eine Schweigeminute beim Ligaspiel der Rangers von den Fans der Auswärtsmannschaft Dundee United mit Pfiffen unterbrochen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Nordirland. Während sich die Führung der republikanischen Sinn Féin loyal und staatstragend positioniert und die Queen in Nachrufen preist, lehnte sie es ab, dass Abgeordnete des Regionalparlaments zum ersten Besuch des neuen Königs in der britischen Provinz eingeladen werden. Der Grund: Die Mehrheit der eigenen 27 Abgeordneten hatte angekündigt, einen solchen Termin boykottieren zu wollen. In der Kleinstadt Dungiven nahe Derry kam es derweil zu einem offenen Konflikt, nachdem ein protestantischer Geistlicher die lokale Suppenküche dazu aufgefordert hatte, zum Begräbnis der Queen an diesem Montag zu schließen. Auch der lokale Supermarkt, der geöffnet bleiben wird, wird von Anhängern der Monarchie bedroht.

War Queen Elizabeth zu Beginn ihrer Herrschaft noch Staatsoberhaupt von 32 Ländern, steht der neue König Charles III. heute an der Spitze von nur noch 15. Es ist wahrscheinlich, dass es bei seinem Ableben noch weniger sein werden – womöglich gehören dann auch Schottland und der Nordosten Irlands nicht mehr zum Vereinigten Königreich.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • »Kämpfe zusammenführen«: U-Bahn-Streik am Sonntag in London
    09.06.2022

    Das Königreich lahmlegen

    Britische Transportarbeitergewerkschaft RMT will Eisenbahnnetz in England, Schottland und Wales bestreiken. Ausstand auch in Londoner U-Bahn
  • Aktion von Unabhängigkeitsbefürwortern am 17. September 2020 in ...
    11.05.2021

    Johnsons Problembären

    Wahlen in Schottland und Wales: Referendum und mehr Autonomie
  • Harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik im Süden mit M...
    02.01.2021

    Alles beim alten

    Das »Brexit«-Abkommen sieht für Nordirland einen Sonderstatus vor. Die Unionisten glauben damit die nationale Souveränität unterminiert, Sinn Féin bringt dagegen die Vereinigung der Insel ins Spiel

Mehr aus: Ausland