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Festivalfilm

Vorteil des Verzichts

So waren die 72. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

Von David Siegmund-Schultze
Foto: Martyna Marciniak
Apokalypse KI? Szenenbild aus »Anatomy of Non-Fact, Chapter 1: AI Hyperrealism« von Martyna Marciniak

In ihrem Beitrag zum NRW-Wettbewerb »Hope Road« (BRD 2025) fragt sich die Regisseurin Susann Maria Hempel aus dem Off, welchen Sinn Kunst angesichts einer von Krisen dominierten Gegenwart hat – ob sie nicht bloß eine »geschwätzige Ausflucht« ist. Sie ist Mutter geworden, erzählt Hempel, während KI-generierte Bilder von Kindern zu sehen sind, die in einer dystopischen Trümmerlandschaft mal viel zu gelenkig, mal komplett ungelenk tanzen. »Das Baby hat begonnen, mein früheres Leben zu entwerten, indem sie mich als Künstlerin dekonstruierte. Ich weiß nicht, ob ich das, was ich vor ihrer Geburt begonnen hatte, noch fortsetzen kann, weil mir die Wirksamkeit von Kunst zweifelhaft geworden ist.«

Die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen wollen keine Kunst zeigen, die nur einer »Ausflucht« dient, sondern innovative und relevante Filme. Diesen Anspruch zu erfüllen gelang bei der mittlerweile 72. Ausgabe des Festivals naturgemäß mal mehr, mal weniger. Am ehesten im Rahmen der Nebenprogramme zu den Wettbewerben wie das Programm »Training the Image«, das sich mit der Rolle von sogenannter künstlicher Intelligenz im Film und der dahinterliegenden Ausbeutung von Menschen und Ressourcen befasste. So stellt »Their Eyes« (Nicolas Gourault, Frankreich 2024) Arbeiter aus Kenia, Venezuela und den Philippinen in den Vordergrund, auf deren Arbeit das »maschinelle Lernen« für selbstfahrende Autos beruht. Man sieht sie, wie sie Bildteile einkreisen und als Autos, Menschen, Pfeiler, Fußgängerüberwege usw. markieren. Währenddessen berichten sie davon, wie sie sich von der langweiligen Arbeit ablenken oder versuchen, mehr Lohn zu bekommen, indem sie sich per VPN-Client eine Adresse aus Ländern des globalen Nordens verschaffen. Irgendwann ist nur noch eine Welt aus sich bewegenden, markierten Bildschnipseln zu sehen. Die Botschaft: Künstliche Intelligenz ist keine Magie und die Autos fahren nicht wirklich von selbst. »Wir sind im Grunde ihre Augen«, wie es eine der Protagonistinnen ausdrückt.

»Apokalypse KI?«, wurde in der dazugehörigen Podiumsdiskussion gefragt. Dass KI als Technologie bei Kriegführung oder der Repression gegen Migranten bereits Realität ist, kam da zur Sprache. In »The Gospel« (Emmanuel Van der Auwera, Belgien 2024) wird Israels Einsatz von KI-Systemen zur Zielerfassung in Gaza erwähnt. Das Wort »Palästinenser« fällt in dem Film, wie auch im gesamten Festivalprogramm, nicht. Man scheint einen großen Bogen um das Thema machen zu wollen. Wenige Wochen nach dem Massaker der ­Hamas und verbündeter Militanter am 7. Oktober 2023 hatte der damalige Festivalleiter Lars Henrik Gass auf der Facebook-Seite der Kurzfilmtage zur Solidarität mit Israel gegen »die Neuköllner Hamas-Freunde und Judenhasser« aufgerufen. Daraufhin rief man in der Branche zum Boykott des Festivals auf, selbst mehrere Filmverleiher brachen ihre Zusammenarbeit ab. Mehr als zweieinhalb Jahre des israelischen Genozids an den Palästinensern mit Unterstützung der Bundesrepublik später will man offenbar keinen weiteren Eklat riskieren.

Ohnehin waren die politischen Bezüge in den Wettbewerbsfilmen meist vage bis belanglos. In »an open field« (Teboho Edkins, BRD/Frankreich u. a. 2025) wird der Boeing-Konzern für den Absturz einer Passagiermaschine nahe Addis Abeba im März 2019 verantwortlich gemacht (der Zivilprozess gegen Boeing wurde im November 2025 eröffnet), Hintergründe werden jedoch nicht geliefert. Der Film handelt eher von der Trauer des Regisseurs, der bei dem Absturz seinen Bruder verlor.

Viele Beiträge sind recht selbstreferentiell, meist in essayistischem Stil, an Fiktion wird sich selten gewagt. Es ist zumindest folgerichtig, dass die wichtigsten Preise an Werke verliehen wurden, die sich auf die Ästhetik des Bewegtbildes, die Magie von Licht und Dunkelheit konzentrieren: »Opera« (Internationaler Wettbewerb), »Hei Dong Dong«, (Hauptpreis der Internationalen Jury).

Lichtblicke bot der ­Internationale Wettbewerb mit Filmen, die wenigstens auf Humor nicht verzichten wollten. Etwa wenn die russische Regisseurin Alina Titorenko in »Les femmes en feu« (Frankreich 2025) in ihrem französischen Exil bei Wahrsagerinnen und Quacksalberinnen nach Abhilfe für ihre Einsamkeit sucht und absurd komisch scheitert. Oder wenn der schlacksige Protagonist in »August och kriget« (Leandro ­Netzell Cerón und Samori Tovatt, Schweden 2026) seine Mutter am Küchentisch mit einem Maschinengewehr davon überzeugen will, er würde für seine Heimat Schweden in den Krieg ziehen, wenn es sein müsste. Und wenn im Animationsfilm »Green Noise« (Ewa Einhorn und Jeuno Kim, Schweden 2026) die Zimmerpflanzen in der Umweltbehörde zum Aufstand blasen und die Menschen per Sauerstoffentzug zum Handeln in der Klimapolitik zwingen, sorgt das nicht nur für einen der wenigen Momente lauten Lachens im Publikum, sondern vermittelt auch die Einsicht, dass politische Veränderung organisierte politische Subjekte braucht, die für ihre Interessen kämpfen.

Ernsthafter wird dies auch von einem Mitglied des belgischen Kollektivs La Voix des Sans-Papiers in »La maison« (Belgien 2019) zum Ausdruck gebracht. Die aus Staatenlosen bestehende Gruppe kämpft seit mehr als zehn Jahren in Brüssel für ihre Rechte und wird dabei bereits fast ebenso lange von den Filmemachern Elie Maissin und Mieriën Coppens begleitet. Drei ihrer Kurzfilme wurden in Oberhausen als Sonderprogramm »Les films de la maison« gezeigt – einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals. In ausdrucksstarken Schwarzweißbildern zeigt »Carry On« (Belgien 2019) die Gesichter so erschöpfter wie willensstarker Menschen, die nach einem zwölfstündigen Protestmarsch zum Essen zusammenkommen. In »Et leurs lettres« (Belgien 2024) werden innere Organisierungs- und Willensbildungsprozesse der Voix des Sans-Papiers dokumentiert, die Kamera ist immer nah dran, ohne in Voyeurismus zu verfallen. Während Hempel an Sinn und Wirksamkeit ihrer Kunst zweifelt, klammern Maissin und Coppens die Außenwirkung ihrer Arbeiten ganz aus und verzichten sogar auf Anstrengungen für die Verbreitung ihrer Filme, wie sie im Nachgespräch berichten. Einziger Zweck soll die Archivierung und Dokumentation der Voix des Sans-Papiers für das Selbstverständnis des Kollektivs selbst sein. Dieser Verzicht ist offensichtlich fruchtbar. Schade nur, dass bis auf die überwiegend akkreditierten Festivalbesucher im kleinen Kinosaal wohl fast niemand die Filme zu Gesicht bekommt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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