Dokumentarist der Schoah
Von Gerhard Hanloser
Der Filmemacher Claude Lanzmann wurde als Sohn eines Dekorateurs und einer Antiquitätenspezialistin am 27. November 1925 nordwestlich von Paris in Bois-Colombes geboren. Der marxistische italienische Historiker Enzo Traverso urteilte über den am 5. Juli 2018 verstorbenen »Shoah«-Regisseur: »Er war ein Kämpfer, der seine Überzeugungen stark verteidigte und beeindruckende Energien aufzubringen in der Lage war, um seinen – nicht immer edlen – Motiven zu folgen. Seine Arroganz, sein Narzissmus und sein Größenwahn sowie seine Intoleranz und Verachtung für seine Kritiker waren berüchtigt, ebenso wie seine Leidenschaft für das Leben.« Hier überwiegt die negative Zeichnung. Aber Traverso erinnerte ebenfalls daran, dass Lanzmann eine wichtige Stimme der französischen Neuen Linken war. Lanzmann war bereits mit siebzehn Jahren in den antifaschistischen Kampf eingetreten und schloss sich als junger Mann der Kommunistischen Partei an. Er war Teil des Widerstands im Lycée Blaise Pascal in Clermont-Ferrand und nahm an mehreren Partisanenkämpfen der Résistance gegen die deutsche Besatzungsarmee teil.
Antikoloniale Anfänge
1952 lernte Claude Lanzmann Jean-Paul Sartre kennen, der ihn bat, für Les Temps Modernes zu schreiben. Lanzmann wurde zum »Vertrauten« des renommierten und für die französische Linke zentralen Zeitschriftenprojekts. Im Mai 1958 reiste er als einer der ersten Bürger aus dem Westen nach dem Koreakrieg beruflich nach Nordkorea. In seiner Autobiographie »Der patagonische Hase« (2010) schildert er recht ausführlich eine Liaison mit einer Nordkoreanerin. Diese »Liebesepisode in Pjöngjang« kommentierte der Publizist und Soziologe Klaus Theweleit sehr treffend: Hier inszeniere sich Lanzmann »als Prinz aus dem Westen, der das schlafende Dornröschen des Kalten-Kriegs-Kommunismus (in Gestalt einer koreanischen Krankenschwester) wachküssen und erlösen könnte. Der Melodramatiker aus Hollywood ist auch in ihm vorhanden; und der Hitchcock aus Filmen wie ›Torn Curtain‹ und ›Topaz‹.«
Doch dies ist der bereits antikommunistisch eingestellte alte Lanzmann in seiner eigenen Lebensrückschau. In den 1960ern war er noch ein reflektierter und treuer Weggefährte der Kommunisten. Als überzeugter Antikolonialist unterstützte er die Befreiungsbewegung FLN während des Algerienkriegs und unterzeichnete 1960 das berühmte »Manifest der 121«, das den Unabhängigkeitskampf in Nordafrika befürwortete und die Greueltaten der französischen Armee anprangerte. Er rief Wehrpflichtige zur Meuterei und Desertion auf. Ein Jahr später organisierte Lanzmann ein folgenreiches Treffen in Rom zwischen Sartre und dem auf Martinique geborenen französischen Psychiater und Revolutionär Frantz Fanon, der bereits von Leukämie gezeichnet war. Sartre wurde von dieser Begegnung tief berührt.
So hat Lanzmann entscheidend dazu beigetragen, dass Sartre sein leidenschaftliches Vorwort zu Fanons »Die Verdammten dieser Erde« schrieb, in dem der große Existenzialphilosoph sich mit der Notwendigkeit befreiender Gewalt im kolonialen Kontext auseinandersetzte. Denn nicht weniger als ein Aufruf, sich mittels revolutionärer Gewalt von der strukturellen zu befreien, ist in Sartres Vorwort formuliert. Nicht nur Sartre, auch Lanzmann zeigte sich von Fanon stark beeindruckt, der in seinen theoretischen Vorstellungen über eine rein auf Algerien bezogene Strategie hinausging und eine gesamtafrikanische Revolution propagierte.
Den Völkermord aufarbeiten
Lanzmann hätte aufgrund seiner Herkunft aus der antifaschistischen und antikolonialen Linken, mit seiner Résistance-Erfahrung und seinem Kontakt zu Fanon ein Vorreiter einer multidirektionalen Erinnerung werden können. Eine solche Weise der Erinnerung, wie sie etwa von dem Literaturwissenschaftler Michael Rothberg vertreten wird, will unterschiedliche Erfahrungen mit faschistischer und kolonialer Unterdrückung narrativ und politisch aufeinander beziehen. Zu einer solchen Multiperspektivität sollte es bei Lanzmann nicht kommen. Er wurde mit seinem filmischen Wirken allerdings zu einem genauen Dokumentaristen des Holocaust und der jüdischen Gewalterfahrung. In Hinblick auf die Naziverbrechen ist Lanzmanns künstlerische Leistung aufklärerisch und wertvoll, besonders im Land der Täter. Der Völkermord an den europäischen Juden war in der westdeutschen Öffentlichkeit, aber auch in der Forschung lange Zeit gemieden und verdrängt worden. Durch die Hollywoodserie »Holocaust«, die 1979 im deutschen Fernsehen lief, und Lanzmanns neunstündige Dokumentation »Shoah« (1985) rückte er aber in den medialen Mittelpunkt. Dabei setzt sich »Shoah« von der Hollywoodserie durch einen unbestechlichen Blick ab, der jeden Kitsch und falsches Mitgefühl verhindert.
Lanzmann hatte für dieses Monumentalwerk weder auf Archivbilder noch auf anderes Material zurückgegriffen. Obwohl der Film nur auf Gesprächen fußt, ist der Ablauf der Massenmorde vor den Augen der Zuschauenden nachvollziehbar. Zu den interviewten Personen gehören Täter wie Widerstandskämpfer. Gegenüber SS-Bediensteten will Lanzmann das alltägliche Vernichten von Menschenleben in Form eines »technischen Berichts« abfragen, was ihm gut gelingt. Seine Gesprächspartner sind zuweilen überraschend gesprächig, wohl weil Lanzmann nicht urteilt und keine Rechtfertigungen hören will. Wichtige Figuren der Zeitgeschichte wie der polnische Widerstandskämpfer Jan Karski kommen ebenso zu Wort wie Überlebende.
Das rund vierstündige Gespräch mit Karski schnitt Lanzmann schließlich auf vierzig Minuten zusammen. Er strich dabei fast alles, was Karski über seine Enttäuschung angesichts der Erfolglosigkeit seiner Mission, die Weltöffentlichkeit über den Völkermord zu informieren, berichtete. Karski verurteilte »Shoah« jedoch nicht, sondern verlangte nach einem »ebenso großartigen, ebenso wahrheitsgetreuen« Film, der »eine zweite Realität des Holocaust« enthüllen soll, »nicht um der zu widersprechen, die Lanzmann zeigt, sondern um diese zu ergänzen«.
Für die Dokumentation schonte Lanzmann weder seine Protagonisten noch die Zuschauer noch sich selbst. Regelmäßig ging er über Grenzen, etwa in dem Interview mit dem Friseur Abraham Bomba. Dieser berichtete von seiner Arbeit im Konzentrationslager. Er schnitt Frauen die Haare unter der Vortäuschung, sie zu »verschönern«, damit sie nichtsahnend und ohne Widerstand in die Gaskammern gingen. Bomba erzählte mit tränenerstickter Stimme und bat, nicht weiter darüber sprechen zu müssen, dass seine Frau und seine Schwester ebenfalls vergast wurden. Doch Lanzmann bestand darauf, dass erzählt wird, um zu erinnern. Ihm ging es um die ganze Geschichte der Vernichtung, nicht um ein Einzelschicksal.
Unendlich viel Material hat Lanzmann gesammelt, das keinen Platz in der immerhin neunstündigen Dokumentation finden konnte. So entstanden später noch zwei kürzere Filme über die deutsche Vernichtungspolitik. Ein Film über Feigheit und Täuschung im Angesicht der Naziverbrechen sowie ein Film über Mut, Befreiung und Revolte. Den kürzeren, einstündigen Film hat Claude Lanzmann 1997 fertiggestellt – »Ein Lebender geht vorbei«: Es ist das Gespräch mit Maurice Rossel, einem Schweizer General und jungen Delegierten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), der sowohl Auschwitz als auch Theresienstadt besuchte. Rossel wurde von den Nazis getäuscht, ihm wurde Theresienstadt, einem Potemkinschen Dorf gleich, als eine Art Musterghetto vorgeführt, in dem angeblich ein normales Leben geführt werden konnte. Der Legationsrat Eberhard von Thadden schrieb im Juni 1944 in einem persönlichen Brief an Rossel, dass er dessen Bericht gelegentlich verwenden werde, »wenn mich Ausländer erneut auf angebliche Greuel in Theresienstadt ansprechen«. Rossel wurde getäuscht und täuschte mit seinen Berichten seinerseits die Weltöffentlichkeit. Unerträglich ist es, wie er im Gespräch mit einem vorsichtig und klug fragenden Claude Lanzmann den Opfern, den Juden in Theresienstadt, die Schuld an der Täuschung zu geben versucht. Rossel behauptet gegenüber Lanzmann, in Theresienstadt wären nur privilegierte und reiche Juden gewesen, die in Komplizenschaft mit den Nazis gelebt hätten.
Der Bruch in der Dokumentation erfolgt, als Lanzmann den überheblichen Schweizer mit den Fakten über Theresienstadt konfrontiert: Vor wie nach dem Besuch Rossels wurden Juden in Theresienstadt ermordet, von einem privilegierten Vorführlager kann keine Rede sein. Rossels Versuch, den in Theresienstadt gefangenen Juden die Schuld an dieser Täuschung zu geben, steht in einer Reihe mit anderen Verstrickungen des Internationalen Roten Kreuzes, das damals mit dem Direktor Max Huber und dessen Vize Carl Burckhardt zwei veritable Antisemiten an der Spitze hatte. So blieb etwa Kritik an Hitlerdeutschland aus, und nach Kriegsende wurden Nazikriegsverbrechern wie Josef Mengele und Adolf Eichmann vom IKRK Pässe ausgestellt.
Wiederinbesitznahme der Gewalt
Ähnlich eindrucksvoll, wenn auch in Gesprächsführung und Sympathieverteilung vollkommen anders gelagert, gestaltete sich das Gespräch mit Jehuda Lerner, der sich im Oktober 1943 aktiv an der Revolte gegen die Vernichtung im Lager Sobibor beteiligt hatte. Vor dem ausführlichen Gespräch mit Lerner zeigt die Kamera das Vernichtungslager, den Bahnhof von Sobibor, die Gleise, den Bahnsteig. Hier fand er also statt: der einzige erfolgreiche Aufstand, den es je in einem Vernichtungslager gegeben hat. Zum Erfolg der Revolte trug auch die sprichwörtliche deutsche Pünktlichkeit bei, denn die Nazimörder fanden sich genau zur geplanten Zeit ein. Zusammen mit einem jüdischen Rotarmisten griff der 16jährige Lerner an und spaltete dem SS-Mann Siegfried Graetschus mit einer Axt den Schädel. In Anlehnung an Frantz Fanons berühmte Redewendung könnte man für die damalige historische Konstellation sagen: Einen Deutschen erschlagen, heißt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.
Für Claude Lanzmann war Sobibor ein Symbol für die »Wiederinbesitznahme der Gewalt durch die Juden«. In weiteren Filmen zieht er eine Kontinuität bis zu den Kriegshandlungen der israelischen Armee. Ein keineswegs uninteressantes Detail ist deshalb, dass Lerner im Gespräch mit Lanzmann das Kämpfen und Töten in Armeeverbänden von dem Akt der befreienden und rächenden Gewaltausübung in Sobibor klar unterschieden sehen will. So ist der Dokumentarfilm »Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr« von 2001 auch eine eindrucksvolle Illustration der Thesen von Walter Benjamin über Gerechtigkeit, Rache und das Recht der Unterdrückten auf Gewalt. Letzteres unterschied der Philosoph bekanntermaßen scharf von staatlicher Gewalt.
Eindrucksvoll ist auch das Ende von »Sobibor«, mit dem Verlesen der Herkunftsdörfer und -städte, des Deportationsdatums und der Anzahl der insgesamt 250.000 dort ermordeten Juden – am Schluss dieses Filmes erstarrt der Betrachter. Claude Lanzmann hat für diese zwei Dokumentarfilme nicht umsonst sehr viel Lob bekommen.
Enzo Traverso konstatierte allerdings eine gewisse Neigung Lanzmanns zur Schwarz-Weiß-Sicht: »Jan Karskis Ausnahme bewies, dass die Polen auf der falschen Seite gewesen waren, und ›Shoah‹ subsumiert einfach die gesamte Geschichte Polens – eine Nation, die der Nationalsozialismus als Ganzes zu zerstören beschlossen hatte – unter der Kategorie des Antisemitismus. In Lanzmanns Augen mussten die Polen en bloc, als Nation, ohne Milde, auf die gleiche Weise verurteilt werden, wie Israel per Definition unschuldig war, und alle seine Kritiker folglich Antisemiten.« Tatsächlich kann festgehalten werden, dass Lanzmann keine universalistischen Lehren aus Auschwitz zog. Für ihn stand im Vordergrund, dass Juden nie wieder Opfer von Antisemitismus werden sollten. Diese Haltung sollte ihn schließlich auch zu einem vehementen Verteidiger Israels werden lassen.
Vom Staatskritiker zum Zionisten
Claude Lanzmanns erste Arbeit »Warum Israel« (1972), die dreizehn Jahre vor seinem Monumentalwerk »Shoah« erschien, ist wie dieses ein Klassiker des Dokumentarfilms. Der Film ist weder ein »zionistischer Propagandafilm«, wie einige »Antiimperialisten« behaupten, noch ein fahnenschwenkendes proisraelisches Bekenntnis, wie es die deutschen Israel-Solidarischen behaupten. Es ist ein Film über Ende und Anfang einer sehr spezifischen nationalen Befreiungsbewegung. Für Enzo Traverso zeigt dieser Film die tief empfundene Empathie Lanzmanns mit einer Gemeinschaft von Siedlern und Soldaten, die vor Verfolgung geflohen waren und bereit waren, sich nach dem Holocaust ein neues Leben aufzubauen. Gleichzeitig ist es aber auch ein Film, der über diese jüdischen Bauern, Soldaten und Polizisten staunt und die Frage aufzuwerfen scheint, ob sie die richtigen Konsequenzen gezogen haben. Wenn Lanzmann etwa einen Polizisten fragt, wie er denn als Jude Polizist sein könnte, schwingt die Erfahrung des Antisemitismus des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit, die Polizisten lediglich als solche kennt, die Pogrome dulden oder gar unterstützen.
»Warum Israel« ist eine Dokumentation über die innere Verfassung eines aus der Diaspora und der Verfolgung geborenen Staates, es ist eine Bestandsaufnahme eines Staatwerdungsprozesses, an dessen Ende manche Juden Gefängniswärter und Polizisten, manche Häftlinge sind. Israel, so zeigt uns Lanzmann in diesem Film, ist ein Staat, in dem der frühere jüdisch-sozialistische Universalismus nur noch in einer Nische existiert, als bloße Reminiszenz und fernab jeder politischen Wirksamkeit. Der damals noch vom linken Geist beseelte Lanzmann sucht Orte der Ungleichheit auf, er staunt über die Klassenunterschiede in Israel, aber auch über den Kampfgeist der sephardisch-jüdischen Black-Panther-Bewegung der 1970er Jahre, die sich einem weißen aschkenasischen Establishment gegenübersah. Der Film zeigt, was sowohl regressive Antizionisten wie deutsche Israel-Verherrlicher nicht zur Kenntnis nehmen wollen: dass Israel eine von Antagonismen, Spannungen und unterschiedlichsten Interessen durchzogene Gesellschaft ist.
Ausgerechnet dieser Film sorgte im Jahre 2009 für einen kleinen deutschen Skandal. Als die antideutsche Gruppe »Kritikmaximierung«, die in der Vergangenheit zum Boykott des palästinensischen Filmes »Paradise Now« aufgerufen hatte, den Film am 25. Oktober im Hamburger B-Movie zeigen wollte, sperrten Aktivisten aus dem Umfeld des benachbarten internationalen Zentrums B5 den Zugang zum Kino ab. Dabei wurde, im Rahmen einer Agitprop-Vorstellung, ein »israelischer Checkpoint« errichtet. Die dargestellten israelischen Soldaten waren mit selbstgeschnitzten Holzgewehren ausgerüstet, andere an der Blockade beteiligte Personen waren mit Fahrradschlössern und Schlaghandschuhen bewaffnet. Nach einem heftigen Schlagabtausch wurde dem Filmboykott nachgesagt, antisemitisch motiviert gewesen zu sein. Aus einer irrsinnigen lokalen Szeneauseinandersetzung wurde ein internationaler Skandal, bei dem Zeit, Spiegel, Le Monde und das Wall Street Journal kräftig mitmischten. Großer Beliebtheit erfreute sich in der Folge eine Unterschriftenliste mit dem Slogan »Es darf keine antisemitische Filmzensur geben«. Zu den Erstunterzeichnern gehörten neben Claude Lanzmann auch der 68er Historiker Wolfgang Kraushaar, der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir, und einige linksradikale Prominente.
Der israelische Soziologe Moshe Zuckermann kommentierte den Fall lakonisch: »Erschien ihnen die Aktion einer linken deutschen Randgruppe in der Tat so gefährlich und bedrohlich, dass sie gleich das Schwerstgeschütz des Antisemitismus ausfahren mussten? (…) Man sollte nie mit Kanonen auf Spatzen schießen. Die Munition könnte sich nämlich schnell verbraucht haben, wenn es politisch und sozial mal ans Eingemachte geht.« Die hysterischen Reaktionen, so Zuckermann, könnten auch mit dem Namen Claude Lanzmanns zusammenhängen, der zwar als der großartige Dokumentarist von »Shoah« rezipiert wurde, jedoch als problematischer Verteidiger des israelischen Militarismus hierzulande offensichtlich nicht ins Bewusstsein rücken durfte.
Claude Lanzmann stellte in der offiziellen politischen Kultur der BRD den wohlgelittenen »guten Juden« dar, wie Zuckermann feststellte. Tatsächlich sucht man in deutschen Presseerzeugnissen eine Kritik seines Bellizismus und seiner vehementen Israel-Verteidigung vergeblich. Lanzmann nahm 1991 eine klare Position pro Golfkrieg ein und begründete dieses Bekenntnis für die US-Intervention im Sinne der »neuen Weltordnung« von George W. Bush senior in ähnlicher Weise wie andere aus der Linken kommende Bellizisten. Ob Lanzmann, Wolf Biermann oder Hans Magnus Enzensberger: Die antimilitaristische, internationalistische Linke erschien ihnen als »antisemitisch« und »antiamerikanisch«, wohingegen die USA in den Fußstapfen der Antihitlerkoalition wandeln würden – nur dass Hitler nun Saddam Hussein hieß.
Auf dem Weg nach rechts
Den späten Lanzmann kann und muss man als Militaristen bezeichnen. Dies zeigte sich in seinem ästhetisch wie inhaltlich schlechtesten Film »Tsahal« von 1994 über das israelische Militär. Dieser Film ist zweifellos ein Propagandastreifen, der einer Besatzungsarmee ein Denkmal errichtet. 1987 hatte sich Yitzhak Rabin, der damalige israelische Verteidigungsminister, mit der Bitte an Lanzmann gewandt, ob er nicht einen Film über den sogenannten Unabhängigkeitskrieg (1947–1949) drehen könne. Lanzmann habe nach eigenem Bericht abgelehnt, mit dem Verweis, dass es tatsächlich zwei mögliche Erzählungen über diesen Krieg gäbe, nämlich die israelische und die arabische Geschichte. Würde man beides berücksichtigen, käme nur ein sehr schlechter Film heraus.
Im Gegenzug bot Lanzmann Rabin einen Film über »die Wiederaneignung von Gewalt durch die Juden Israels« an. Der Verteidigungsminister war begeistert und sagte Lanzmann zu, frei im israelischen Militär filmen zu können. Im Alter von 67 Jahren konnte der Regisseur so »Phantom«- und F16-Kampfflugzeuge besteigen und »Merkava«-Panzer fahren. Lanzmann nahm 48 Stunden lang an kombinierten Manövern in der Wüste teil. In seinen Memoiren fasste er seine Gedanken hinter diesem Film zusammen, indem er Salmen Lewenthal (polnischer Jude, der im Oktober 1944 am Aufstand im KZ Auschwitz teilnahm, jW) zitierte: »Die Wahrheit, schrieb er, ist, dass du um jeden Preis leben willst, du willst leben, du willst leben, weil du lebst, weil die ganze Welt lebt. Es gibt nur Leben …«
Der Film beschreibt die großen Kriege Israels gegen seine Feinde vom Unabhängigkeitskrieg 1948 über den Sechstagekrieg 1967 bis zum Libanonkrieg 1982. Obwohl letzterer auch im linksliberalen Milieu Israels und unter Linkszionisten eine scharfe Kritik erfuhr und sich schließlich eine große israelische Friedensbewegung gegen diesen Krieg erhob, wurde Lanzmann von dieser Stimmung nicht erfasst – statt dessen wanderte er sukzessive weiter nach rechts. Bei vielen öffentlichen Gelegenheiten nahm Lanzmann Argumente der zionistischen Propaganda auf, stellte alle Kritik an der israelischen Politik als eine Form von Antisemitismus dar und verglich sie mit dem Hass der Nazis auf die Juden. Im September 2001 beschuldigte er die französischen Intellektuellen, die sich dem amerikanischen Krieg gegen Afghanistan widersetzten, »zu ihrem ursprünglichen Hass, dem Hass auf Israel, zurückzukehren«.
Menschenrechtsimperialist
Im französischen Kontext trat Lanzmann an die Seite von prowestlichen Interventionsbefürwortern wie Bernard-Henri Lévy, Jane Birkin und André Glucksmann. Sie riefen, unter Berufung auf den Antifaschismus und die Lehren aus dem Faschismus, westliche Staaten dazu auf, keine »Appeasementpolitik« auszuüben und militärisch gegen »Despoten« vorzugehen – etwa gegen den libyschen Staatschef Muammar Ghaddafi, der im Verlaufe der länderübergreifenden Revolte des »arabischen Frühlings« in einer gemeinsamen Kampagne von Islamisten, NATO-Staaten und den reaktionären Golfmonarchien gestürzt und ermordet wurde. Mit einem historisch entleerten Hinweis auf den Spanischen Bürgerkrieg formulierten Lanzmann, Glucksmann und Lévy einen Aufruf zur Intervention in Libyen: »Wir sind weder Militärexperten noch Berufsdiplomaten. In wessen Namen rufen wir SOS? Im Namen der Erinnerung. Als die Naziflugzeuge und die spanischen Faschisten am 26. April 1937 die Einwohner von Guernica bombardierten, hat die zivilisierte Welt es geschehen lassen. Picasso hat den Horror gemalt, er wurde erst acht Jahre später verstanden. Noch heute haben die Meuchelmörder stets einen Schritt Vorsprung vor der Weltöffentlichkeit.«
Lanzmann war im Laufe seines Lebens nicht in der Lage, »Treue zum Ereignis« (Alain Badiou) zu halten – in seinem Fall dem Antikolonialismus und der Kritik der Neuen Linken an der globalen weißen Vorherrschaft. Sein Mentor und Freund Jean-Paul Sartre hatte 1973 im Gespräch mit französischen Maoisten noch erklärt: »Man kann nicht proarabisch sein, ohne auch ein bisschen projüdisch zu sein. (…) Und man kann nicht – wie ich – projüdisch sein, ohne proarabisch zu sein. Und dadurch gerät man in eine komische Position (…)« Doch Lanzmann, Enkel jüdischer Immigranten aus Osteuropa, der bereits als Schüler des Lycée Condorcet mit Antisemitismus konfrontiert war, meinte, nur dann die Drohung gegen jüdisches Leben abwenden zu können, wenn er der palästinensisch-arabischen Position die Anerkennung verwehrte.
Gerhard Hanloser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 15. Oktober 2025 über die Instrumentalisierung von Antisemitismusvorwürfen: »Demokratieabbau mit gutem Gewissen«
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Hassan Ammar/AP Photo/dpa25.11.2025Straflosigkeit treibt Israel an
Sepp Spiegl/IMAGO08.08.2025Imperialismus der feinen Herren
Jens Büttner/picture-alliance / dpa22.08.2022»Als was waren Sie dort?«