Marsianer des Tages: Timmy
Von Felix Bartels
Plötzlich waren wir alle Marsianer. Die Robinsonade um Mark Watney traf pünktlich auf der Erde ein. Im selben Jahr 2015, da sich Millionen Zuschauer ob der hochaufwendigen Operation zur Rettung eines einzelnen Raumfahrers rühren ließen, ertranken Tausende Flüchtlinge im Mittelmeer. Fürs Individuum haben wir ein Herz, der Tod vieler bleibt in der Masse anonym.
Timmy ist der Marsianer der Stunde. Ein Publikum, das sich auf Basis von Massentierschlachtung ernährt, wird Mensch an diesem Tier, die Rettung zum Happening. Mit beinah religiösen Zügen, eine Walfahrt. Der Zirkus hat Tatsachen, Wissenschaft und andere Störfaktoren hinter sich gelassen. Die Meeresökologin Karen Stockin weist darauf hin, dass die Rettung, selbst wenn sie glücken soll, keine sein wird. Das Tier werde nicht überleben. Minister Backhaus schlägt mit Glückskeksen zurück: »Wer nichts macht, macht auch keine Fehler.« Soll der Mann, der das Feuer löschen wollte, aber nur Öl zur Hand hatte, auch gesagt haben.
Wo man alles in Symbolpolitik verwandelt, muss selbst ein sterbender Wal herhalten. Agieren nicht für ein greifbares Ziel, Aktionismus zur seelischen Abfuhr – der eigenen wie der der Zuschauenden. Timmy stillt die Sehnsucht nach dem unmittelbar Sozialen, nach versöhnlicher Gemeinschaft, die im Zeitalter globaler und sozialer Verschiebungen, der Krisen und Kriege, wohl größer ist denn je. Ein Wal scheint hierfür geradezu ideal: groß, erhaben, mythisch. Er konnte Jona nach Ninive, Pinocchio zu seinem Vater und Ahab zur Verzweiflung bringen. Timmy ließe sich als kontrastiertes Geschwist des weißen Wals decodieren. Die monströse Übermacht ist der machtlosen Bedürftigkeit eines sanften Riesen gewichen, als phantasiertes Freundbild aber beherrscht Timmy die Walhelfer ebenso wie Moby Dick als imaginiertes Feindbild den Captain der Pequod.
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