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05.05.20261 Leserbrief
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Toiletten
Der Sozialwissenschaftler Hartmut Rosa legt in seiner »Soziologie der Weltbeziehung« mit dem Titel »Resonanz« (2016) nahe, »dass die Moderne ihre Aufmerksamkeit auf das Einverleiben, Kontrollieren und Verarbeiten von Welt richtet, nicht jedoch auf das Sichöffnen, Loslassen und Zurückgeben«.
Zu den Olympischen Spielen 2020 (wegen Covid 2021 ausgetragen) gönnte sich Tokio eine Reihe ästhetisch ansprechender öffentlicher Toiletten. Dann fragte man den Filmregisseur Wim Wenders, ob er nicht eine Doku über sie drehen wolle. Er entschied sich für einen Spielfilm mit dem Schauspieler Kōji Yakusho als Toilettenreiniger. »Perfect Days« (2023) bekam sogar eine Oscar-Nominierung.
Als der französische Philosoph Jean-François Lyotard in der Universität von Aarhus auf die Toilette ging, wo er ein Pissoir benutzte, war er zum ersten Mal mit einer Lichtschranke konfrontiert, die automatisch die Spülung in Gang setzte. Er meinte, damit wären wir in der »Postmoderne« angekommen. Auf diese Neuerung stieß ich nach 1990 auch bei etlichen Kneipenwirten im Osten, die ihre Existenzgründerdarlehen anscheinend vor allem für die Modernisierung ihrer nun blitzblanken Gästetoiletten ausgegeben hatten. In einer Bar in Leipzig waren die Toilettentüren aus Glas. Man mochte sie nicht benutzen, aber wenn man es doch tat und von innen abschloss, wurde die Tür undurchsichtig.
Ähnlich extrem war auch der Umbau des Parteisekretärbüros im Batteriewerk BAE in Oberschöneweide in ein »Investorenscheißhaus«, wie es genannt wurde – mit Palmen und teuren Lampen. Noch extremer war nebenan die Modernisierung der großen Toiletten für die Beschäftigten im Werk für Fernsehelektronik (WF) durch den neuen Besitzer Samsung. Zur Einweihung kam der Konzernchef persönlich. Er inspizierte auch die neuen Toiletten. Dabei fand er elf ästhetische Mängel. Anschließend wurde dafür die Geschäftsführung von ihm zusammengeschissen.
So richtig postmoderner ist man heute in Basel, wo aus dem Urin in den Pissoirs der Phosphor extrahiert wird, der als Rohstoff knapp zu werden beginnt. Im gediegenen Berliner Stadtteil Wilmersdorf wurde derweil ein einstiges Gründerzeitmietshaus vornehm modernisiert – mit goldenen Klinken und Klingeln und roten Treppenläufern. Eine Freundin, die dort eine Einzimmerwohnung hat und schon immer gerne gegen die da oben prozessierte, schaffte es dennoch, ihr versifftes Etagenklo zu behalten. Eine andere Freundin, die aufs Land in ein schmuckloses Kleinbauernhaus zog, verbrauchte ihre Erbschaft in nicht unbeträchtlicher Höhe, um damit ihr Badezimmer zu modernisieren, das nun vom Allerfeinsten ist. Ihre Schwester schenkte ihr zum »Welttoilettentag« am 19. November für das Bad einen großen Blumenstrauß, bestehend u. a. aus Wandelröschen, die nach Urin riechen.
Ich besuchte einmal die Messe Sanitär in Frankfurt am Main und war beeindruckt, wie viele chemische und technische Möglichkeiten es gibt, um den Fäkaliengeruch in Toilettenräumen zu vertreiben. Auch die aus Japan bekannten Musikanlagen, um Kackgeräusche zu übertönen, gab es dort in verschiedenen Ausführungen. Am interessantesten fanden viele Messebesucher eine Kloschüssel mit einem folienüberzogenen Sitz. Zwei Verkäufer in Schlips und Anzug mussten diese Neuheit den ganzen Tag vorführen. Das Stück Folie, auf dem man sitzt, machte nach jeder Benutzung automatisch einem neuen Stück Folie Platz.
Für Wanderungen zum Nordpol kann man sich auf Spitzbergen mit den nötigen Utensilien eindecken, z. B. mit einem Plastikgefäß, in das man Nachts im Zelt reinpinkeln kann. Eine verschämte Amerikanerin fragte ihre Führerin Birgit Lutz: »Und was benutzt man für ›Number Two‹?« – also zum Kacken? Dazu setzt man sich mit nacktem Hintern hinter eine Eisscholle, bekam sie gesagt. Ähnliche Plastikgefäße (mit einem Aufsatz für Frauen) gibt es auch in Bangkog: Man benutzt sie zum Pinkeln, wenn man mit dem Auto im Stau steht.
In seinem Film »Das Gespenst der Freiheit« (1974) hat Luis Buñuel eine andere Lösung gefunden: Sechs Gäste nahmen darin an einem großen Tisch Platz, um den Kloschüsseln plaziert sind, »auf denen alle für gemeinsamen Stuhlgang Platz nehmen – zum Essen zieht man sich hingegen einzeln in eine kleine Kammer zurück«. (Wikipedia)
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Wolf-Dieter Gudopp-von Behm aus Frankfurt am Main 6. Mai 2026 um 11:36 UhrHelmut Höge muss in seine Toilettensammlung unbedingt aufnehmen, was der Grieche Herodot (5. Jahrhundert v. u. Z.) in seinem Geschichtsbuch über Ägypten geschrieben hat (Übersetzung Th. Braun): »Wie der Himmel in Ägypten anders aussieht als anderswo und der Fluss dort anders beschaffen ist als andere Flüsse, so haben die Ägypter ganz andere Sitten und Gewohnheiten als andere Menschen … Die Weiber schlagen das Wasser im Stehen ab, die Männer im Sitzen. Die Notdurft verrichten sie im Haus und essen auf der Straße; denn nach ihrer Meinung muss man das Unanständige, wenn man es nötig hat, im Verborgenen tun, das Anständige aber vor aller Augen.«
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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