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25.04.2026
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Prohibitor des Tages: Norwegen
Zuweilen lässt sich im ICE Absonderliches beobachten. Ein Kleinkind, das etwas, das es durchs Fenster erblickt, wegwischen will zum Beispiel. So jung, so touchpadgestählt, Chapeau. Die Realität, in der wir heranwachsen, prägt, und Teil dieser Realität ist auch die virtuelle Realität. Gewissermaßen hat Social Media einen neuen Menschen geschaffen. Vielleicht nicht unbedingt einen, den man so haben wollte.
Die norwegische Regierung kündigte am Freitag ein Gesetz gegen Social-Media-Nutzung für Menschen unter 16 an. Man folgt damit Australien, wo eine entsprechende Regelung seit Dezember gültig ist. In Europa scheinen Griechenland und die Türkei auf dem Weg, in England streitet man übers Wie, während man in Deutschland noch beim Ob festhängt.
Man darf hier gern mal prononciert sein, zudem der Reflex gegen Verbote eben das ist: ein Reflex. Reflexe wieder sind Ausfall von Reflexion. Was Social Media in adoleszenten Hirnen bewirkt, ist einigermaßen erforscht. Das Like als andere Art Bitcoin überstimuliert Dopamin, was abstumpfen und Freude an normalen Aktivitäten verunmöglichen kann. Hirnregionen, die auf soziale Reaktionen reagieren, werden neuronal gepusht, die Betroffenen abhängiger vom Bild, das andere von ihnen haben. Probleme mit Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeitsspanne, mentale Erschöpfung, Depressionen oder Schlafstörungen kommen hinzu, die exekutiven Funktionen des Gehirns entwickeln sich verzögert, narzisstische Akzentuierungen werden begünstigt. Wer mit Social Media buchstäblich aufsteht und schlafen geht, lebt gewissermaßen in einer Spiegelwelt. Alles wird in Drama verwandelt, Trost oder Bewunderung holt er sich nicht bei Bedarf, sondern beginnt Anlässe dafür zu kreieren. Beständig steht man auf der Bühne, selbst ein Snack gerät via Foodpic zum Ereignis. Die Person, mit einem Wort, verschwindet ganz in ihrer Persona.
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