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Rotlicht: Autorität

Unterzeile

Foto: United Archives/IMAGO
Ohne Autorität autoritär. Die Figur des Diederich Heßling in der DDR-Verfilmung von Heinrich Manns »Der Untertan« (1951)

Es gibt kaum ein Substantiv, das eine derart gegensätzliche Bedeutung zu einem mit ihm verwandten Adjektiv hat, wie das Wort »Autorität«. Wer Autorität hat, verfügt über Ansehen und über Eigenschaften, aufgrund derer ihm andere Menschen Anerkennung zollen oder freiwillig Gefolgschaft leisten. Das setzt voraus, dass Menschen überhaupt öffentlich etwas freiwillig tun können. Entsprechend besitzt der Begriff seine positive Bedeutung seit der Entstehung der Demokratie in der griechisch-römischen Antike. Auctoritas (abgeleitet von auctor, der Urheber) hatte ein wortgewandter Rhetor, der seine Mitbürger überzeugen, ein tugendhafter Politiker, der sich Anhang verschaffen, oder ein mutiger Feldherr, der seine Soldaten mitreißen konnte. Bis heute hält sich dieses Verständnis, wobei wir in der modernen Wissenschaftsgesellschaft bevorzugt kompetenten Forschern, Experten und Lehrern Autorität zuschreiben.

Dagegen ist autoritär, wer absoluten Gehorsam einfordert oder ihn direkt erzwingt. Das Adjektiv wird heute mehr oder weniger synonym zu unterdrückerisch und diktatorisch verwendet. Anders als das Substantiv und das ältere, positiv besetzte Adjektiv »autoritätisch« ist »autoritär« neueren Ursprung und erst seit etwa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitet. Ein genauer etymologischer Umschlag ist nicht auszumachen, aber es liegt nahe, dass er mit der Entpersonalisierung und Versachlichung von Herrschaft im Zuge der bürgerlichen Revolutionen zusammenhängt. Während im Mittelalter Herrschaftsrollen mit moralischen Ansprüchen verbunden waren – der Fürst sollte mild und gerecht, der Ritter tugendhaft sein – und daher der antike Autoritätsbegriff aufrechterhalten werden konnte, zählt in der Moderne nur noch die funktionale Rolle. Jemand wie Diederich Heßling, der Protagonist in Heinrich Manns »Der Untertan«, hat als Fabrikbesitzer gesellschaftliche Macht, aber wie bei wilhelminischen Bürokraten ist damit nicht einmal mehr ein Anspruch verbunden, den Aufgaben charakterlich gewachsen zu sein.

Den Typus Heßling benannten Erich Fromm, Theodor Adorno und andere als »autoritären Charakter«. Was bei ihnen als kluge Sozial- bzw. Massenpsychologie begann, ist heute oft nur noch eine Verfallsstufe der Theorie. Die Zuschreibung »autoritär« dient dazu, politische Verhältnisse auf eher platte Weise zu psychologisieren (etwa in Oliver Nachtweys und Carolin Amlingers Buch über den »libertären Autoritarismus«), und als politischer Kampfbegriff, mit dem politische Gegner beliebig stigmatisiert werden können – siehe das Schlagwort von der »autoritären Linken«.

Der Entleerung des Wortes bis zur Bedeutungslosigkeit entkommt man jedoch nicht, indem man als Linker »autoritär« schlicht zurückwirft und alles darunter subsumiert, was irgendwie vom Staat kommt. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man die grundlegenden Argumente aus Friedrich Engels’ kurzer Schrift »Von der Autorität« (1872/73) als Ausgangspunkt nehmen würde. Engels, der Substantiv und Adjektiv als gleichbedeutend nimmt, fasst den Begriff zunächst einfach als »Überordnung eines fremden Willens über den unseren« und stellt dann nüchtern fest, dass sowohl in industriellen Produktionszusammenhängen als auch in der Konfrontation mit der Natur Autorität immer eine Rolle spielen wird. Weder am Fließband noch etwa auf einem Schiff bei Sturm auf hoher See könne langwierig demokratisch abgestimmt werden, wie man handelt. Daher seien Autorität und Unterordnung Dinge, »die sich uns aufzwingen« und »unabhängig von aller sozialen Organisation« sind.

Es ist, so Engels’ kluges Fazit, »folglich absurd, vom Prinzip der Autorität als von einem absolut schlechten und vom Prinzip der Autonomie als einem absolut guten Prinzip zu reden«. So ist weder ein Staat, der auf Naturereignisse wie etwa Pandemien reagiert, noch ein Staat, der etwas für die wirtschaftliche Produktion Notwendige anordnet, per se autoritär. Er wird es allerdings, wenn er, als Klassenstaat, seine Maßnahmen über das objektiv Notwendige hinaus ausweitet – von der im tatsächlichen Wortsinn autoritären Unterdrückung seiner politischen Gegner ganz zu schweigen.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.04.2026, Seite 14, Feuilleton

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