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Aus: Ausgabe vom 15.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Philosophie

Wie wir lernen, die Bombe zu sein

Der Mensch als Neuerschaffer der Welt: Ewald Iljenkows »Kosmologie des Geistes« liegt erstmals auf Deutsch vor
Von Marc Püschel
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Ewald Iljenkow (18.2.1924–21.3.1979)

Die Evolution des biologischen Lebens verläuft auf der Erde seit ein paar Milliarden Jahren. Bis aus Affen Menschen wurden, vergingen ein paar Millionen Jahre. Bis der Homo sapiens Kultur entwickelte, weniger als 300.000 Jahre. Bis er lernte, Elektrizität zu nutzen, ein paar tausend. Bis er zum Mond flog, weniger als 200 Jahre. Wer sich diesen exponentiellen Fortschritt vergegenwärtigt, dem fällt die Vorstellung nicht mehr schwer, dass der Mensch in Zukunft nicht nur ins All expandieren, sondern auch beginnen könnte, das Universum selbst zu formen. Computersimulationen des Urknalls und riesige Teilchenbeschleunigerexperimente weisen bereits in diese Richtung.

Um so bemerkenswerter, wie selten die sich daraus ergebenden Probleme und Fragen in der Philosophie behandelt wurden und werden. Eigentümlich, fast schon singulär, wirkt eine Schrift wie Ewald Iljenkows (1924–1979) »Kosmologie des Geistes«, in der vor dem Hintergrund der technischen Entwicklung die Rolle des Menschen neu bedacht wird. Die Abhandlung des sowjetischen Philosophen liegt in einer gelungenen Übersetzung von Isabel Jacobs nun erstmals auf Deutsch vor. Die Schrift mit dem hübsch barocken Untertitel »Ein Versuch, in allgemeinen Zügen die objektive Rolle der denkenden Materie im System der universellen Wechselwirkung zu bestimmen (eine philosophisch-poetische Phantasmagorie, die auf den Prinzipien des dialektischen Materialismus beruht)« wurde zu Iljenkows Lebzeiten nicht veröffentlicht. Vermutlich entstand der Text in den frühen 1950er Jahren, vor dem Hintergrund der anhebenden zivilen Nutzung der Atomkraft.

Beim ersten Lesen ist es vor allem die Entfaltung einer Hypothese im zweiten Teil des Textes, die Aufsehen erregt. Iljenkow geht vom »Wärmetod« des Universums aus, also von der Prognose, dass alle Himmelskörper ihre Energiereserven verlieren, erkalten, sich wegen der zunehmenden Ausdehnung des Universums voneinander entfernen und schließlich ein Zustand ohne jegliche thermodynamische Prozesse eintritt. Um dieser absoluten Bewegungs- und Leblosigkeit zu entrinnen, müsse es zu einem umgekehrten Prozess kommen, zu einem »Zusammenziehen« des Universums und einer erneuten Konzentration »glühender Gashaufen«, aus denen wieder Sterne und Planetensysteme geboren werden können.

Warum, so fragt nun Iljenkow »ließe sich nicht annehmen, dass sich dieser umgekehrte Prozess unter Beteiligung der denkenden Materie vollzieht, des denkenden Geistes«? Zugespitzter formuliert: Allein denkende Wesen seien in der Lage, einen neuen Entwicklungszyklus des Universums anzustoßen. Dieser Akt erfolge »in Form einer gewaltigen kosmischen Explosion«. Die Menschheit opfere sich dabei bewusst selbst auf, wissend, dass sie mit einem weiteren Zyklus des Weltalls zugleich auch die Entstehung neuer denkender Wesen anstößt.

Wer von Iljenkow nur diese Hypothese rezipiert, mag das als Gedankenspielerei abtun. Dabei handelt es sich bei seinem Ansatz durchaus um philosophische Spekulationen, um strenge begriffliche Folgerungen, die der sowjetische Denker auch aus Grundtheoremen des Marxismus zieht. Friedrich Engels’ Fragmenten zur Dialektik der Natur folgt er darin, dass das Gehirn als höchstes Produkt der Materie notwendig entstehe. Mit Georg Lukács sieht er in der Totalität den entscheidenden Gesichtspunkt des Marxismus. Iljenkow folgert daraus, dass die »Entwicklung der denkenden Materie des Gehirns« integraler Bestandteil der »Kette der universellen materiellen Wechselwirkung« ist.

Auf Spinoza zurückgreifend, schließt er: »Nicht nur kann das Denken nicht ohne Materie existieren, sondern auch Materie kann nicht ohne Denken existieren.« Die Aussage ist weniger gewagt, als man glauben mag, und durchaus konsequent – zumal Iljenkow explizit sagt, dies bedeute nicht, dass die Materie »in jedem ihrer Teilchen zu jedem Augenblick die Fähigkeit zu denken besitzt und wirklich denkt«. Wenn jedoch der Mensch nicht einfach ein zufälliges, letztlich überflüssiges Nebenprodukt, sondern ein notwendiges Ergebnis der kosmischen Entwicklung ist, folgt daraus, dass die Möglichkeit der Entwicklung denkender Wesen schon immer in der Materie angelegt ist. Eine Materie aber, die immer schon dieses Potential in sich trägt, muss anders aufgefasst werden als eine völlig vom Denken abgesonderte. Die Welt muss vom Geist als ihrem höchsten Produkt ausgehend beurteilt werden. In der Gegenwartsphilosophie wird diese Argumentation seit Thomas Nagels »Geist und Kosmos« (2013) als Neuheit gefeiert. Der von dem US-Philosophen kritisierte starre objektivistische Standpunkt der Naturwissenschaften, die den Menschen und sein Handeln aus ihrem Weltbild streicht, wird jedoch bereits bei Iljenkow überwunden.

Es ist dieses Verständnis des Menschen und seiner integralen Rolle im Gesamtzusammenhang, die es zu diskutieren gilt und die aus der »Kosmologie des Geistes« einen kleinen Philosophieschatz machen. Ihn für ein deutsches Publikum gehoben und einleitend in Kontext gesetzt zu haben, ist ein großes Verdienst der Herausgeber Martin Küpper und Sascha Freyberg. Ihrem Urteil, dass Iljenkows Hypothesen immer noch »heuristischen Wert haben« lässt sich schwerlich widersprechen. Doch selbst wer diesen Wert nicht zu schätzen vermag, kann Iljenkow genießen. In den letzten Passagen gilt für seine Schrift, was er selbst über das Ziel des denkenden Geistes sagt: »kosmischgewaltig und pathetisch-wunderschön«.

Ewald Iljenkow: Kosmologie des Geistes. Aus dem Russischen von Isabel Jacobs, herausgegeben von Martin Küpper und Sascha Freyberg. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026, 126 Seiten, 11,99 Euro

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