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15.04.20261 Leserbrief
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Wie wir lernen, die Bombe zu sein
Der Mensch als Neuerschaffer der Welt: Ewald Iljenkows »Kosmologie des Geistes« liegt erstmals auf Deutsch vor
Die Evolution des biologischen Lebens verläuft auf der Erde seit ein paar Milliarden Jahren. Bis aus Affen Menschen wurden, vergingen ein paar Millionen Jahre. Bis der Homo sapiens Kultur entwickelte, weniger als 300.000 Jahre. Bis er lernte, Elektrizität zu nutzen, ein paar tausend. Bis er zum Mond flog, weniger als 200 Jahre. Wer sich diesen exponentiellen Fortschritt vergegenwärtigt, dem fällt die Vorstellung nicht mehr schwer, dass der Mensch in Zukunft nicht nur ins All expandieren, sondern auch beginnen könnte, das Universum selbst zu formen. Computersimulationen des Urknalls und riesige Teilchenbeschleunigerexperimente weisen bereits in diese Richtung.
Um so bemerkenswerter, wie selten die sich daraus ergebenden Probleme und Fragen in der Philosophie behandelt wurden und werden. Eigentümlich, fast schon singulär, wirkt eine Schrift wie Ewald Iljenkows (1924–1979) »Kosmologie des Geistes«, in der vor dem Hintergrund der technischen Entwicklung die Rolle des Menschen neu bedacht wird. Die Abhandlung des sowjetischen Philosophen liegt in einer gelungenen Übersetzung von Isabel Jacobs nun erstmals auf Deutsch vor. Die Schrift mit dem hübsch barocken Untertitel »Ein Versuch, in allgemeinen Zügen die objektive Rolle der denkenden Materie im System der universellen Wechselwirkung zu bestimmen (eine philosophisch-poetische Phantasmagorie, die auf den Prinzipien des dialektischen Materialismus beruht)« wurde zu Iljenkows Lebzeiten nicht veröffentlicht. Vermutlich entstand der Text in den frühen 1950er Jahren, vor dem Hintergrund der anhebenden zivilen Nutzung der Atomkraft.
Beim ersten Lesen ist es vor allem die Entfaltung einer Hypothese im zweiten Teil des Textes, die Aufsehen erregt. Iljenkow geht vom »Wärmetod« des Universums aus, also von der Prognose, dass alle Himmelskörper ihre Energiereserven verlieren, erkalten, sich wegen der zunehmenden Ausdehnung des Universums voneinander entfernen und schließlich ein Zustand ohne jegliche thermodynamische Prozesse eintritt. Um dieser absoluten Bewegungs- und Leblosigkeit zu entrinnen, müsse es zu einem umgekehrten Prozess kommen, zu einem »Zusammenziehen« des Universums und einer erneuten Konzentration »glühender Gashaufen«, aus denen wieder Sterne und Planetensysteme geboren werden können.
Warum, so fragt nun Iljenkow »ließe sich nicht annehmen, dass sich dieser umgekehrte Prozess unter Beteiligung der denkenden Materie vollzieht, des denkenden Geistes«? Zugespitzter formuliert: Allein denkende Wesen seien in der Lage, einen neuen Entwicklungszyklus des Universums anzustoßen. Dieser Akt erfolge »in Form einer gewaltigen kosmischen Explosion«. Die Menschheit opfere sich dabei bewusst selbst auf, wissend, dass sie mit einem weiteren Zyklus des Weltalls zugleich auch die Entstehung neuer denkender Wesen anstößt.
Wer von Iljenkow nur diese Hypothese rezipiert, mag das als Gedankenspielerei abtun. Dabei handelt es sich bei seinem Ansatz durchaus um philosophische Spekulationen, um strenge begriffliche Folgerungen, die der sowjetische Denker auch aus Grundtheoremen des Marxismus zieht. Friedrich Engels’ Fragmenten zur Dialektik der Natur folgt er darin, dass das Gehirn als höchstes Produkt der Materie notwendig entstehe. Mit Georg Lukács sieht er in der Totalität den entscheidenden Gesichtspunkt des Marxismus. Iljenkow folgert daraus, dass die »Entwicklung der denkenden Materie des Gehirns« integraler Bestandteil der »Kette der universellen materiellen Wechselwirkung« ist.
Auf Spinoza zurückgreifend, schließt er: »Nicht nur kann das Denken nicht ohne Materie existieren, sondern auch Materie kann nicht ohne Denken existieren.« Die Aussage ist weniger gewagt, als man glauben mag, und durchaus konsequent – zumal Iljenkow explizit sagt, dies bedeute nicht, dass die Materie »in jedem ihrer Teilchen zu jedem Augenblick die Fähigkeit zu denken besitzt und wirklich denkt«. Wenn jedoch der Mensch nicht einfach ein zufälliges, letztlich überflüssiges Nebenprodukt, sondern ein notwendiges Ergebnis der kosmischen Entwicklung ist, folgt daraus, dass die Möglichkeit der Entwicklung denkender Wesen schon immer in der Materie angelegt ist. Eine Materie aber, die immer schon dieses Potential in sich trägt, muss anders aufgefasst werden als eine völlig vom Denken abgesonderte. Die Welt muss vom Geist als ihrem höchsten Produkt ausgehend beurteilt werden. In der Gegenwartsphilosophie wird diese Argumentation seit Thomas Nagels »Geist und Kosmos« (2013) als Neuheit gefeiert. Der von dem US-Philosophen kritisierte starre objektivistische Standpunkt der Naturwissenschaften, die den Menschen und sein Handeln aus ihrem Weltbild streicht, wird jedoch bereits bei Iljenkow überwunden.
Es ist dieses Verständnis des Menschen und seiner integralen Rolle im Gesamtzusammenhang, die es zu diskutieren gilt und die aus der »Kosmologie des Geistes« einen kleinen Philosophieschatz machen. Ihn für ein deutsches Publikum gehoben und einleitend in Kontext gesetzt zu haben, ist ein großes Verdienst der Herausgeber Martin Küpper und Sascha Freyberg. Ihrem Urteil, dass Iljenkows Hypothesen immer noch »heuristischen Wert haben« lässt sich schwerlich widersprechen. Doch selbst wer diesen Wert nicht zu schätzen vermag, kann Iljenkow genießen. In den letzten Passagen gilt für seine Schrift, was er selbst über das Ziel des denkenden Geistes sagt: »kosmischgewaltig und pathetisch-wunderschön«.
Ewald Iljenkow: Kosmologie des Geistes. Aus dem Russischen von Isabel Jacobs, herausgegeben von Martin Küpper und Sascha Freyberg. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026, 126 Seiten, 11,99 Euro
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Bernd Vogel aus Leipzig 20. Apr. 2026 um 11:58 UhrIn der jW vom 15. April 2026 erschien ein Text (»Wie wir lernen, die Bombe zu sein«), in dem über eine Übersetzung eines Buches von Ewald Iljenkow geschrieben wurde. Einige Ergänzungen dazu. Ewald Iljenkow wie auch mein eigener erster akademischer Lehrer Ewgenij S. Linkow aus Leningrad gehörten neben vielen anderen zu einer Generation sowjetischer Philosophen, welche ihre Aufgabe darin sahen, eine Wiedereinsetzung der klassischen deutschen Philosophie in ihre ursprünglichen Rechte herbeizuführen. Das war nötig geworden, weil der vierte Klassiker aus politisch-ideologischen Motiven heraus dies verändern wollte. Es fanden sich willige Lohnschreiber, welche den Wunsch in Text umsetzten und in einem Artikel in der großen Sowjetenzyklopädie die Philosophie Hegels als aristokratische Reaktion auf die französische Revolution bezeichneten. Die diametral entgegengesetzten Standpunkte von Marx, Engels und Lenin spielten keine Rolle, denn der vierte Klassiker hatte die politische Macht. Als dann aber die sog. Tauwetterperiode einsetzte, hat die Generation Iljenkow nicht nur naive Vorstellungen kritisiert, die Bloch einst als »Klötzchenmaterie« verspottet hatte. Es fand eine produktive Diskussion zum Themenkreis Hegel und Marx und Dialektik statt. Viele Überlegungen waren auf Hegel fixiert. Das Verdienst von E. S. Linkow bestand u. a. darin, dass er in seiner Dissertation auf die Bedeutung auch von Schelling hinwies. Es war dies eine sehr produktive Phase im philosophischen Leben. Die Tauwetterperiode endete 1968 mit dem Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrages in die CSSR. Dies war der Beginn einer Periode der Stagnation, wo die politische Führung hauptsächlich auf den Erhalt der eigenen politischen Macht bedacht war. Die Stagnation endete mit dem Zerfall des sowjetischen Systems. Als symbolisches Beispiel, wie sich das auf die philosophische Entwicklung auswirkte, kann das Schicksal von Helmut Seidel in Leipzig genommen werden. Er hatte in einem Artikel die Praxis als Zentralkategorie der marxistischen Philosophie bezeichnet und wurde dafür politisch gemaßregelt, was sich für die politische Führung als wichtig aus der politischen Situation ergab. Wieder mischte sich die politische Führung direkt in die Philosophie ein. Seidel zog sich in seinen philosophischen Arbeiten in die Geschichte der Philosophie zurück, wohin ihm die Oberideologen intellektuell nicht folgen konnten. Ähnlich erging es den Philosophen der Tauwetterperiode in der Sowjetunion. Sie spürten ähnlich wie ein Seismograph die Ausweglosigkeit des sowjetischen Systems und zogen sich in ihre je eigene Festung de Geistes zurück. Ewald Iljenkow ist ja auch berühmt für seinen Versuch, eine dialektische Logik zu entwickeln. Sein Zeitgenosse Alexander Sinowjew fand seinen Ausweg in der mathematischen Logik. Er wurde einer der geschäftlich erfolgreichsten Dissidenten, der zeitweise in München lehrte. Seine Texte erreichten ihre Wirksamkeit durch das Aufzeigen des Widerspruchs von Anspruch und Wirklichkeit im sowjetischen System. In allen Fällen erzeugte die politische Führung genügend Druck, damit sich die Philosophen aus der Politik heraushielten. Philosophie als eingreifendes Denken wurde zwar formell verkündet und gefordert, wenn es aber stattfand, sofort unterbunden. Dadurch wurden Denker wie Iljenkow gezwungen, sich immer im Kreise der Philosophie zu bewegen; sozusagen den Herren Hegel noch einmal zu »überhegeln«. Der Ansatz von Marx und Engels vom Ende der Philosophie (Hegelschen Typs) und dem notwendigen Übergang zur positiven Wissenschaft wurde kaum rezipiert. Marx ist diesem Anspruch treu geblieben und den Übergang zur positiven Wissenschaft als interdisziplinäre Zusammenarbeit von Philosophie und Wissenschaft fortgeführt. Dies ist mehr als nur philosophische Fragen der Einzelwissenschaften zu reflektieren. Im »Kapital« liegt ein interdisziplinäres Werk von Ökonomie, Politik und Philosophie vor. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Philosophen und Vertretern der Fachwissenschaften ist der Weg, auf dem sich die marxistische Philosophie weiterentwickeln kann. Die Resultate dieser Zusammenarbeit werden auch gleich wieder politisch eingreifend, was zur Ablehnung durch die augenblickliche politische Führung führt. Der Philosoph Peter Ruben und der Ökonom H. Wagner haben interdisziplinäre Zusammenarbeit vorgelegt und dafür politische Disziplinierung selbst erfahren. Die Philosophen der Tauwetterperiode in der Sowjetunion haben aber aufgrund der historischen Situation den Übergang zur positiven Wissenschaft nicht vollzogen.
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