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20.05.2026
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Generationen
Bist du X, Y oder Z? Hinter solchen Zuordnungen verbirgt sich kein pädagogisches Mathespiel einer Waldorfschule, sondern ein medialer Trend: die Einteilung von Menschen in Generationen. Die liegt einerseits auf der Hand, denn schon immer wurden Menschen innerhalb der generationalen Abfolge Kinder – Eltern – Großeltern verortet. Andererseits ist der Gedanke, dass eine bestimmte Alterskohorte, also eine Gruppe von in demselben Zeitraum Geborenen, die gleiche Prägung hat, neueren Datums. In früheren Zeiten, in denen sich gesellschaftliche Veränderungen nur sehr langsam vollzogen, stellte sich das Problem schlicht nicht. Erst mit der Industriegesellschaft und den politischen Revolutionen der Moderne drängte sich die Vorstellung auf, dass es einzeln bestimmbare Generationen gibt, die jeweils durch historisch einmalige Situationen und Umwälzungen geprägt wurden.
Das heutige Verständnis von Generationen stammt im wesentlichen von Karl Mannheim, der in seinem Essay »Das Problem der Generationen« 1928 erstmals ein entsprechendes Konzept vorlegte. Der aus Budapest stammende Soziologe rückte die persönlichen Erfahrungen bestimmter Altersklassen in den Vordergrund. Einschneidend sind dabei vor allem weltpolitische Großereignisse wie die beiden Weltkriege oder Revolutionen. Das leuchtet ein: Ein junger Rekrut erlebt etwa den Krieg im Schützengraben viel unmittelbarer als ein 70jähriger Mann, sein Leben wird entsprechend anders geprägt. Allerdings verführt dieser Unterschied dazu, allzu rasch die gemeinsamen Kriegserfahrungen fast aller Menschen (Hunger, Vertreibung, Bombardierungen usw.) zu vernachlässigen.
Indem Mannheim Kategorien schuf, die quer zu politischen oder ökonomischen Einteilungen der Gesellschaft – vor allem in Lohnarbeiter und Kapitalisten – verlaufen, werden reale Konfliktlinien durch eine Überbetonung von Altersunterschieden in den Hintergrund gerückt. Die entpolitisierende Wirkung zeigt sich vor allem in der mittlerweile üblichen Kategorisierung. Unterschieden werden heute vor allem Boomer (geboren zwischen 1946 und 1964), Generation X (1965–1980), Generation Y bzw. die Millennials (1981–1994), Generation Z (1995–2010) und Generation Alpha (ab 2011). Im Fokus stehen dabei immer weniger politische Großereignisse als vielmehr Moden. Prägend sollen eher ein bestimmter Lifestyle, bestimmte Haltungen oder die Art des Medienkonsums sein. Entsprechend häufig sind »lustige« Beinamen wie »Generation Smartphone«. In anderen Etikettierungen wie etwa »Generation Praktikum« ist immerhin noch ein Bezug auf ökonomische Umstände enthalten. Doch selbst hier macht der Generationenunterschied keinen rechten Sinn. Zu Zeiten des BRD-Wirtschaftsbooms in den 1950er und 60er Jahren hatten es sowohl junge als auch ältere Menschen leicht, Arbeit zu finden. Wer heute über 50 Jahre alt ist, wird zwar nicht von Praktikum zu Praktikum geschoben wie die Jüngeren, hat es aber genauso schwer, eine Arbeitsstelle zu finden, die zum Leben reicht.
In der Wissenschaft, die noch etwas auf sich hält, stellt man das Konzept ohnehin längst in Frage. Der Soziologe Martin Schröder hat in seiner Studie »Der Generationenmythos« aus dem Jahr 2018 gezeigt, dass sich die deutschen Nachkriegskohorten in ihren Einstellungen kaum unterscheiden. Ganz egal, ob Boomer oder Gen Z, in Bezug auf Lebensziele, normative Urteile oder die Bedeutung politischer Aktivität zeigten sich bei einer Befragung von über 80.000 Menschen kaum generationsspezifische Unterschiede. »Man kann«, so Schröder in einem Fazit seiner Forschung, »Einstellungen von Menschen mit ihrem Alter erklären und man kann Einstellungen von Menschen damit erklären, wann sie befragt wurden. Aber man kann Einstellungen von Menschen kaum mit deren Geburtsjahr erklären. Und insofern gibt es keine Generationen.«
Der Generationenbegriff als politisches Deutungsmuster unterstellt Homogenitäten, die es nicht gibt, und übertreibt Differenzen, wo Verständigung gefragt wäre. Als solcher ist er heute zwar virulent wie nie – allerdings nur im Marketing und in Bereichen der öffentlichen Debatte, die so seriös sind wie etwa die sogenannte Zukunftsforschung.
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