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03.06.2026
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Humankapital
Die Aufregung hielt sich in Grenzen: Bill Winters, Vorstandsvorsitzender der britischen Bank Standard Chartered, löste Mitte Mai einen kurzen Skandal aus, als er einen großen Stellenabbau ankündigte. Die Streichung von fast 8.000 Stellen bis 2030 und den Einsatz von mehr KI begründete Winters damit, dass es darum gehe, »in manchen Fällen weniger wertvolles Humankapital durch unser Finanz- und Investitionskapital zu ersetzen« (FAZ, 21.5.2026). Nachdem einige Kommentatoren anmerkten, dies sei vielleicht doch etwas abwertend, ruderte der Banker rasch zurück. Damit hatte sich die Sache schon.
Im Jahr 2004 wurde »Humankapital« noch zum Unwort des Jahres ausgerufen, wogegen sich damals sogleich ein Proteststurm von Wirtschaftswissenschaftlern erhob, die die Verwendung des Begriffs rechtfertigten. Mit ihm würden die Mitarbeiter schließlich als Erfolgsfaktor der Unternehmen bewertet, was doch prinzipiell positiv sei. Eine solche Verteidigung bleibt notwendig oberflächlich, denn das Wort »Humankapital« ist aus viel grundsätzlicheren Gründen problematisch.
Gemäß einer gängigen Definition, die unter anderem die Bundeszentrale für politische Bildung anführt, ist Humankapital bzw. Arbeitsvermögen die »Summe der wirtschaftlich nutzbaren Fähigkeiten, Kenntnisse und auch Verhaltensweisen der Erwerbsbevölkerung einer Volkswirtschaft. Der Begriff bringt zum Ausdruck, dass erst die Ausbildung ein Individuum wirklich befähigt, volkswirtschaftlich produktiv tätig zu werden, so wie analog beim Boden die Urbarmachung nötig ist.« Der Mensch, der erst beackert werden muss, damit Profit geerntet werden kann – eine schaurig-treffende Metapher für das alltäglichste Phänomen im Kapitalismus, den Verkauf von Arbeitskraft und dessen Voraussetzungen. Denn »wird das Arbeitsvermögen nicht verkauft«, so Karl Marx im »Kapital«, »so nützt es dem Arbeiter nichts«.
Mit dem Gebrauch von Wörtern wie »Humankapital« wird jedoch nicht einfach ein Sachverhalt ausgedrückt, vielmehr dringt das Ökonomische in Alltagssprache und -bewusstsein ein. Der Lohnarbeiter, der seine Arbeitskraft als Ware auf dem Markt anbieten muss, um zu überleben, wird als Mensch allgemein objektifiziert. Ähnlich wie er im Militär nur als »Menschenmaterial« gilt, wird er in der Wirtschaft als bloße Messgröße dem Sachkapital gleichgestellt.
Der Begriff selbst ist älteren Ursprungs, bereits im 17. Jahrhundert verwendete etwa der englische Arzt und Ökonom William Petty den Ausdruck »human capital«. Etabliert hat er sich aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zunächst in der Volkswirtschafts- dann in der Betriebswirtschaftslehre. Zum Durchbruch verhalf ihm vor allem der US-Ökonom Gary Becker, ein Vertreter der neoliberalen Chicagoer Schule. Mit dem Problem konfrontiert, wie man den Wert von Arbeitskraft messen kann, wenn man die Marxsche Arbeitswerttheorie ablehnt, diente ihm die Rede vom »Humankapital« dazu, Einkommensunterschiede zu rechtfertigen. Nur mit diesem Trick lässt sich die sogenannte Grenznutzentheorie aufrechterhalten, in der alle Menschen als zweckrationale Marktakteure aufgefasst werden, die für sich das ökonomisch Optimale herausholen wollen. Einkommensunterschiede kommen dieser Theorie nach dadurch zustande, dass Menschen unterschiedlich viel »in sich selbst« investieren. Selbst schuld, wer weniger verdient.
Entsprechend ist der Sprachgebrauch dort am perfidesten, wo die Lohnarbeiter dadurch angehalten werden, sich selbst zu optimieren, um ihren Wert zu steigern. Um diesen kalkulieren und volkswirtschaftlich ausweisen zu können, werden in der Regel die Kosten formaler Bildungsabschlüsse und Fortbildungen berechnet – so wird ganz nebenbei auch noch das Bildungssystem auf Verwertbarkeit am Markt getrimmt.
Der Begriff »Humankapital« ist damit wesentlicher Bestandteil bürgerlicher Ideologie. Bereits 2004 dichtete Robert Gernhardt dem Wort passend hinterher: Ich sag ganz unsentimental / Wer’s nutzt, dem ist der Mensch egal / Er sieht ihn nur als Material / Pfeift ganz brutal auf die Moral / und macht den Sprachskandal total.
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