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03.06.2026
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Treffen der Betroffenen
Rezeption, die heraussticht. Eine dreitägige Tagung widmete sich Werk und Wirken von Wolfgang Heise
Verspätungen lässt man sich gefallen, wenn das Resultat um so besser ausfällt. Der 100. Geburtstag des Philosophen Wolfgang Heise im Oktober 2025 liegt schon etwas zurück. Und doch war die ihm nun gewidmete wissenschaftliche Konferenz im Literaturforum des Berliner Brecht-Hauses mehr als nur ein »Nachklapp« zum Jubiläum. Vom 28. bis zum 30. Mai erstreckte sich die Tagung unter dem Titel »Die Wirklichkeit des Möglichen«. Sicher, bei Heise, dem »Fixstern des kritischen Denkens in der DDR« (Jan Loheit), bei dem auch Oppositionelle wie Wolf Biermann studierten, fällt die Rezeption in der Bundesrepublik leichter. Doch bemerkenswert war die Tagung, ein Kooperationsprojekt der Leuphana Universität Lüneburg und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, allemal. Drei Tage intensiven Austausches zwischen Weggefährten und Nachwuchswissenschaftlern – angesichts des Beschweigens der DDR-Philosophie nach 1990 hat das Seltenheitswert.
Ein »Stachel, der zum Weiterdenken treibt« sei Heises Denken, führte Lukas Zittlau – zusammen mit Anne Gräfe und Jan Loheit Organisator der Tagung – in seiner gelungenen Einführung am Donnerstag aus. Bis zu seinem Tod im Jahre 1987 sei Heise auf der Suche nach einem »produktiven Punkt« gewesen, an dem man auch unter den schwierigen Bedingungen des erstarrenden Realsozialismus die marxistische Philosophie bereichern könne. Dass dies oft ein Drahtseilakt war, erläuterte Hans-Peter Krüger, dessen Habilitationsprojekt einer kritischen Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas in den 80er Jahren nur dank Heise durchgeführt werden konnte. Krüger erzählte auch über Begegnungen und Gespräche mit Heise. Was bei wissenschaftlichen Konferenzen eigentlich stört – Referenten und Zuhörer, die Persönliches zum besten geben –, hier war es mehr als angebracht. Es trug nicht unwesentlich zur Belebung der Tagung bei, dass nicht nur am Rednerpult, sondern auch im Publikum etliche ehemalige Studenten und Kollegen von Heise waren.
Den inhaltlichen Höhepunkt des ersten Tages setzte Christian Dietrich mit seinem Vortrag zu »Wolfgang Heises Überlegungen zum Verhältnis von Antisemitismus und Antikommunismus«. In die ab Anfang der 1960er Jahre anhebende Diskussion über die Rolle des Antisemitismus habe Heise ein neues Verständnis des Phänomens eingebracht. Es gebe, so Heise, »keinen Antisemitismus schlechthin, sondern immer nur als eine Seite der Herrschaftsmethode der herrschenden Klasse«. Antisemitismus werde von ihm weder bloß im Rahmen eines ökonomistisch verkürzten Faschismusbegriffs noch bloß kulturalistisch begriffen.
Der zweite Konferenztag widmete sich der Ästhetik, in der Heise als Professor an der Humboldt-Universität disziplinbildend wirkte (vgl. junge Welt vom 8.10.2025), und bestach vor allem durch die Vielheit an Zugängen. Jan Loheit gab den Auftakt mit Heises Analyse der Beschreibung von Achills Schild in Homers »Ilias«, bevor im Folgenden interessante, teils divergierende Bezugspunkte gesetzt wurden, um Heises ästhetische Positionen herauszuarbeiten: Frieder Stange zog Peter Weiss’ »Die Ästhetik des Widerstands« und Holger Brohm den französischen Denker Jacques Rancière heran, während Michael Schilar – auch als formales Experiment spannend – die Goethe-Rezeption des Philosophen in eine Erzählung über eine Wanderung Heises auf den Berg Kickelhahn verpackte.
Die originellste Aktualisierung gelang Anne Gräfe, die den 2025 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman »Die Holländerinnen« von Dorothee Elmiger nutzte, um ein geteiltes Kunstverständnis zwischen der Autorin und dem Philosophen aufzuzeigen. Beiden sei die Frage gemeinsam, was »es heißt, aus einem Stoff einen Text, aus einem Text ein Ereignis, aus einem Ereignis eine gemeinsame Erfahrung zu machen«. Wirklichkeit erscheine in der Kunst immer nur vermittelt, daher sollten in ihr Widersprüche nicht einfach unmittelbar benannt werden, sondern auch durch die Werkgestaltung selbst vorgeführt werden. Was Gräfe als »Heisesche Unschärferelation« bezeichnete, zeige sich auch in Elmigers Roman, einem Reisebericht, der die Frage aufwirft, wie man überhaupt über Ereignisse sprechen kann.
Das vollgepackte Programm am Freitag wurde durch eine vorzügliche Kuratierung ausgeglichen: Zum Ende hin wurde es immer anschaulicher. Jule Reuter berichtete über ihre Forschung zur privaten Kunstsammlung Heises und präsentierte spannende Bilder aus seinem Besitz, bevor Jürgen Kuttner mit einem seiner berühmten Videoschnipselvorträge auftrat. Er sei kein Experte, hielt er in seiner typisch schnoddrigen Art fest, sondern ein »Heise-Betroffener«. Negativ konnotiert war das nicht, vielmehr habe er »bei Heise das Denken gelernt«. Dieser sei eine Art Sokrates-Figur gewesen und habe viel Wert auf lebendiges, mündliches Philosophieren gelegt. Dass dies auf komische Art auch misslingen und zu einem Aneinander-Vorbeireden führen kann, zeigte Kuttner anhand eines Ausschnitts aus einem Gespräch zwischen Heiner Müller und Heise.
Der Sonnabend war den nichtästhetischen Bestandteilen der Heiseschen Philosophie vorbehalten. Hans-Christoph Rauh, von 1978 bis 1982 Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, referierte detailliert und kundig über die Rolle Heises als Autor ebenjener Zeitschrift. In einem ebenso routinierten wie eloquenten Vortrag sprach Martin Küpper über Heises Beitrag zur Ideologienlehre und spezifischer über das Werk »Aufbruch in die Illusion« von 1964, einem ersten umfassenden Versuch einer Kritik der bürgerlichen Ideologie. Auf kapitalistische Krisen reagiere die bürgerliche Philosophie mit einer Hinwendung zur Religion und mit Emotionalisierung. Daraus erwachse eine lediglich »illusorische Krisenüberwindung.«
Die Schlusspunkte setzten Konstantin Baehrens, der sich eher philosophiehistorisch und -politisch als systematisch dem Verhältnis Heises zur Hegelschen Philosophie widmete, und Kathrin Witter, die die Offenheit und Redlichkeit von Heises Adorno-Rezeption würdigte. Da ein geplantes Referat zu Georg Lukács und Heise ausfiel, hatte die Konferenz inhaltlich zwar eine leichte Schlagseite gen Kritische Theorie, doch fiel das kaum ins Gewicht. Die mit 30 bis 40 Teilnehmern ordentlich besuchte Tagung setzte in Sachen deutschsprachiger akademischer Auseinandersetzung mit DDR-Philosophie Maßstäbe.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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