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Literatur

Köln, Allgemeinplatz

Clara Leinemanns Debütroman »Gelbe Monster« über verselbständigte Wut und Gewalt am Mann

Foto: Max Zerrahn/Suhrkamp Verlag
Clara Leinemann schreibt Prosa-, Dramen- und Hörspieltexte

Ob Aufklärung und Erziehung zur Kunst gehören, ist so eine noch nicht abschließend beantwortete Frage. Geklärt ist lediglich, dass die Frage selbst dazugehört. Wegen Herman Melville hat noch niemand aufgehört, sich einer das eigene und womöglich fremde Leben verschlingenden Lebensaufgabe zu widmen. Dank »Moby Dick« begreift man aber, wenn schon nicht auf Meerestiefe, mehr davon, was es heißt, dass manche Menschen einem weißen Wal nachjagen. Sicher mögen sich manche dem Vegetarismus und/oder der Arbeiterbewegung nach der Lektüre von Upton Sinclairs »The Jungle« angeschlossen haben. Nahe liegt, dass es für Bekehrungswillige auch ein Agita­tionsgespräch mit Flugblatt getan hätte. Wahrscheinlich ist das aber nicht, haben diejenigen doch nicht ohne Grund ins Bücherregal gegriffen, statt einen Infostand anzusteuern. Will man den Roman seiner Form wegen, muss man seinen Inhalt, strenge ­Formitarierin oder nicht, mitfressen. Oder doch nicht: Was man schmeckt, kann man nach dem genüsslichen Kauen auch ausspucken.

Ob, wer Clara Leinemanns Roman »Gelbe Monster« liest, davon absieht, innerhalb einer Beziehung Gewalt anzuwenden, ist fraglich. Vielleicht erkennt die eine oder der andere nur, was da passiert, wenn’s aushakt; begreifen bedeutet nicht zwangsweise, sich dementsprechend zu verhalten.

Leinemann jongliert in ihrem Debüt mit den Klischees: Die Kölner Mathematikdoktorandin Charlie lernt Valentin kennen. Das zwischen ihnen kommt nur schwer in Gang, auch wegen mancher Schiefhänge: Sie ist klein, weniger normschön und sozial unsicher, kein »Main Character«, wie ihre BFF Ella. Er dagegen ist aus dem Unterwäschekatalog ausgeschnitten worden. Charlie verliebt sich und saugt jeden pfützentiefen Spruch auf, der die Zuckerschnute des Nachwuchsliteraten verlässt, als käme die Weisheit von Gott persönlich: »Er erzählte, er arbeite in einer Buchhandlung, und Charlie erzählte, sie arbeite in einem Kino – sie würden beide Visionen verkaufen, stellte er fest. Was für eine durch und durch geistreiche Bemerkung, fand Charlie, und sie stellte sich vor, wie sie mit Valentin in einer hellen Wohnung voller Pflanzen an einem Doppelschreibtisch sitzen würde, sie würden Kaffee trinken und geistreich sein, kluge Sachen am Schreibtisch machen und abends mit ihren gemeinsamen Freunden essen gehen.« So ähnlich kommt es auch, wenn man die Schattenseiten ausklammert, wie Charlie das versucht.

Leinemann macht von vornherein klar, dass nicht Valentin derjenige ist, dem die Impulse nicht gehorchen, sondern Charlie. Dass es auch Gewalt gegen Männer in Beziehungen gibt, mag man schon einmal gehört haben. Hier wird eine solche toxische Konstellation durchexerziert: Charlie holt nicht nur aus, sie manipuliert ihren Liebsten fortwährend. Der nimmt immer wieder Abstand und kommt trotzdem nicht von ihr los. Mag bei beiden, wenn man das aus Andeutungen und Nebenfiguren schließen mag, mit ihren jeweiligen Müttern zusammenhängen – und damit verbunden nicht wenig an vorherrschenden Geschlechterrollenbildern.

Eine der Teilnehmerinnen des Antiaggressionstrainings, das Charlie besucht, zieht ihre eigenen Schlüsse daraus: »›Wir alle‹, sagt sie inbrünstig, ›sind feministische Rachegöttinnen, und wir können auch ein bisschen stolz drauf sein. Noch werden wir als Verbrecherinnen gesehen, aber wenn das Matriarchat erreicht ist, werden wir wie Königinnen behandelt.‹« Die im Scherz gehaltene Pathosrede ist die Ausformulierung dessen, was manch einer hört, wenn die von ihm als solche ausgemachten Feminazis zu laut sprechen.

Die Operation mit Klischee, Kitsch und großen Wörtern aber ist heikel, weil sie andernorts und auf verschiedenen Ebenen unironisch auftauchen: Charlie fährt in von Valentin induzierten Glücksmomenten »ein Stich direkt in den Uterus«; und natürlich verschmähen einsilbige Bauarbeiter den dargebotenen veganen Klumpatsch in der Mittagspause und gehen männlich-blue-collar-mäßig dönieren.

An anderer Stelle fragt man sich, ob Leinemann testen möchte, ob man nicht doch dem Opfer die Schuld zuschiebt, wenn Valentin offensichtlich sein Notizheft mit ihn belastender Pennälerlyrik liegen lässt, auf dass Charlie es liest und die Contenance verliert. Oft aber passen die Allgemeinplätze, so schmerzhaft sie zu lesen sind: Dort, wo Charlie, aus deren Sicht nicht ganz konsequent erzählt wird, über die Romanze zu Valentin sinniert. Der Schein legt sich über das zwischenmenschlich Eigentliche, und folgerichtig fragt sich Charlie irgendwann selbst, ob sie Valentin wirklich liebt oder ob ihr da nur die Verlassensängste einen Streich spielen und der soziale Druck, eine romantische Bilderbuchbeziehung zu führen, sein Übriges tut. Eine Sache der Form, die Charlie krampfhaft und mit aller Gewalt zusammenhalten will, auch wenn ihr das unmöglich gelingt. Mit dem weißen Wal stets vor Augen, aber unerreichbar weit weg, macht sich ihre Wut selbständig.

Wer sich zu schnell, zuviel, zu unkontrolliert ärgert, und wer das auch noch an anderen auslässt, sollte sich vor »Gelbe Monster« hüten.

→ Clara Leinemann: Gelbe Monster, Verlag Suhrkamp Nova, Berlin 2026, 192 Seiten, 22 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.04.2026, Seite 11, Feuilleton

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