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Boxen

Abgezockt mit fünfzehn

Ein Jahr im Profigeschäft, den fünften Fight vor der Brust – und Arminius Rolle denkt schon an seinen ersten Titel

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Ob Sparring oder Wettkampf: Arminius Rolle lässt sein Gegenüber nicht aus dem Sichtfeld (Berlin, 16.4.2026)
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Ein Youngster auf der Überholspur: Arminius Rolle ist Musterschüler und Ausnahmetalent zugleich (Berlin, 16.4.2026)
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Pause nach dem Schlagabtausch: Arminius Rolle nimmt sich für gewöhnlich keine Auszeit in seiner noch jungen Laufbahn (Berlin, 16.4.2026)
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Ein perfektes Duo: Vater Robert Rolle und Sohn Arminius bei der ersten Nachbesprechung der Übungseinheit (Berlin, 16.4.2026)
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Ein Teenager mit Vision: Der Jungprofi aus Neukölln strebt noch in diesem Jahr seinen ersten Gürtel an (Berlin, 16.4.2026)
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Generationen einer Boxerfamilie: Vater Robert Rolle war Europameister im Halbschwergewicht – und ist Mentor seines Sprosses Arminius (Berlin, 16.4.2026)

Die Ansage kommt ohne Vorwarnung: »Mach noch was für die Runde, investier mehr!« Arminius Rolle zieht das Tempo an, erhöht die Arbeitsrate. Punkten, siegen – das ist sein Job. Selbst bei Trockenübungen in der Schwitzbude. An diesem Donnerstag im April steht er im lichtdurchfluteten Hinterhof des früheren Karstadt am Hermannplatz, fünfter Stock, ein Fitnessstudio mit viel Fläche. Hinter zwei Ecken, fast versteckt, ein Glaskasten: Ergometer, Matten – ein Raum ohne Schnickschnack.

»Und Stopp!« Der Ruf knallt über das Parkett. Drei Minuten sind vorbei. Arminius hat eine Minute Pause, sein Sparringspartner Max Teschke ebenfalls. »Halbzeit«, sagt Vater Robert Rolle. Der Tonfall ist ruhig, aber fordernd. Arminius soll intensiver werden, über den Erschöpfungspunkt hinaus. Für den nächsten Auftritt, den fünften Profifight mit fünfzehn.

Arminius Rolle ist Deutschlands jüngster Profi­boxer – seit einem Jahr. Eine kleine Ewigkeit in diesem Alter. In der Schule Musterschüler, im Ring Supertalent. »Ein Außenseiter«, wird er später sagen. »Aber in positivem Sinne.«

Robert Rolle (43) sitzt auf dem Sattel eines der zusammengeschobenen Ergometer. Exeuropameister im Halbschwergewicht, heute Vater, Manager, Mentor in Personalunion. Er blickt auf die Stoppuhr seines Smartphones. »Weiter geht’s!« Arminius steht wieder vor Max Teschke, seinem doppelt so alten Gegner aus dem zweiten Profikampf. Gemeinsam zu trainieren – im Boxen völlig normal.

»Locker anfangen, dann härter werden«, ruft der Vater. »Und keinen Schritt zurück, Arminius. Gib ihm keine Ruhe.« Teschkes Atem wird schwer, sein Puls hämmert. Nach drei weiteren Runden ist Schluss. Fast. »Später noch Intervallaufen«, sagt der Senior und wirft dem Junior einen Seitenblick zu. Arminius stützt sich auf die Griffbügel eines Ergometers, Kopf gesenkt, zischt durch den Zahnschutz: »Ich bin kaputt.« Das gehöre dazu, erwidert der Vater knapp. Dann die kleine Stichelei: »Übrigens, dein Bruder ist gerade joggen. Von allein.«

Die Kurzanalyse der Trainingssession folgt. »Max, wie war’s?«, will der Coach wissen. »Gut. Arminius war ja nett zu mir.« Gelächter. In den ersten Runden habe der Youngster auf Distanz geboxt, »mit seinem arroganten Wichserstep«, sagt Teschke. Wieder Gelächter. Bei Arminius komme vieles zusammen: Talent, Erfahrung, Abgeklärtheit. »Das ist eine große Qualität.«

Arminius und Max kennen sich vom Schach­boxen – drei Minuten am Brett, drei Minuten im Ring. Was als Performance begann, ist heute Wettkampfsport. Arminius stieg mit zwölf ein, wurde zweifacher Juniorenweltmeister im Leichtgewicht. Das abrupte Umschalten habe ihn fasziniert, sagt er: Puls hoch, Puls runter, Taktik, Präzision. »Vieles aus dem Schach lässt sich in einen Profikampf übertragen.« Immer einen Schritt voraus sein, darum gehe es.

Vor anderthalb Jahren traf er eine Entscheidung: »Ich will nur noch boxen.« Die Lust, zu Hause am Bildschirm Schachfiguren hin und her zu schieben, war weg. »Statt dessen nur noch im Ring zu stehen und auszuteilen – das ist ein richtig geiles Gefühl.« Jeder Boxer kenne das.

Nach dem Training geht es zum Asia-Bistro nebenan, Hasenheide, gegenüber von »Huxleys Neue Welt«. Biertische draußen, milde Temperaturen. Arminius bestellt Rindfleisch mit Erdnusssauce und Reisbandnudeln. »Statt Reis«, sagt er kurz. Dazu Mango-Lassi.

Zeit zum Reden. Über das erste Jahr im Profizirkus. Er will mit einem Gerücht aufräumen: Nein, sein Vater zwinge ihn nicht zum Boxen. Und nein, eine Amateurlaufbahn sei keine Pflicht vor dem Profi­einstieg. Die Diskussionen darüber seien weniger geworden.

Anfangs brauchte er eine Ausnahmegenehmigung des Bundes Deutscher Berufsboxer: maximal zwei Kämpfe pro Jahr, immer unter spezieller Beobachtung eines Ringarztes. Jetzt, im zweiten Jahr, hat er sich etabliert. »Arminius boxt Gegner, die oft nicht mal Leute nehmen, die schon zehn oder mehr Kämpfe haben«, sagt der Vater.

Kleine Rückschläge? Gehören dazu. Zuletzt musste Arminius wegen Hand- und Rippenblessuren etwas kürzertreten. Boxerwehwehchen, nichts Dramatisches. Jetzt ist alles auskuriert – das Sparring hat’s gezeigt. Arminius’ Motto: »Egal, was ich mache, ich mache es zu hundert Prozent.« Muss er auch. Geschenkt bekommt er nichts – weder im Ring noch in der Schule. Sein Modus zum Motto: Ziel setzen, Ziel erreichen, nächstes Ziel. Schritt für Schritt. An Niederlagen denkt er nicht. »Das wäre die falsche Einstellung.«

Der nächste Praxistest steht fest: Sonnabend, 9. Mai, im Eisdom in Halle (Saale). Ein Kampfabend von SES Boxing. Das Main Event läuft im MDR, Arminius’ Fight davor im Livestream. Sein Kontrahent: der Georgier Amiran Abuladze. »Das wird Arminius’ bislang härtester Gegner«, sagt der Vater. Und doch nur eine Zwischenstation. Ein Titelkampf schon in diesem Jahr? »Ja, vielleicht eine Deutsche Meisterschaft, vielleicht sogar eine Junioren-WM.« Er und sein Managementpartner »Action 89« verhandelten aktuell mit Verbänden, mehr verrät er nicht.

Was erwartet Arminius selbst? »Ganz klar, ich will gewinnen, bestenfalls vorzeitig.« Der Vater nickt. »Arminius ist im Ring eiskalt. Jetzt schon absolut abgezockt.« Eine Aussage. Eine Ansage.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.04.2026, Seite 16, Sport

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