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04.06.2026
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Kein Schongang
Talent, Technik, Tempo: Der 17jährige Berliner Profiboxer Darian Strehse steht vor neuer Bewährungsprobe
Der Puls rast, die Lungen fiepen, Arme und Beine sind schwer – schwer wie Blei: »Komm, zieh, zieh!« Fünf von zehn Sekunden noch. Death-Sprints, Vollgas. Auf dem Air-Bike, dem Cardiogerät für den ganzen Körper. »Das ist eine Wahnsinnsmaschine«, schwärmt Carsten Strehse. Sohn Darian wird später sagen: »Ein Höllenwerkzeug, schlimm, echt schlimm.« Aber effektiv. Ein Stresstest nach knapp zwei Stunden Training.
Darian Strehse, 17, Toptalent im deutschen Boxsport: Fassonschnitt, Mittelscheitel, rotes Shirt, schwarze Shorts, gleichfarbige Kniestrümpfe und Boxstiefel. Der Jungspund aus Berlin-Reinickendorf steht vor seinem vierten Profifight. Am Sonnabend in der Stadthalle Falkensee westlich der Hauptstadt. Auf der Undercard der zehnten Auflage der Internationalen Boxgala der KUC Boxing Promotion steht er ganz oben, bei einem der renommiertesten Veranstalter aus Berlin.
Wir sind in Treptow, Ortsteil Oberschöneweide, Donnerstag nachmittag, Ende Mai. Ein heißer Frühsommertag. Abseits der Hauptstraße und der Tramlinie liegt ein alter Industriekomplex. Die Luft flirrt über dem Asphalt. Links und rechts der schmalen Zufahrt: flache Backsteinbauten, Werkstätten, Schrauberbuden. Mittendrin ein halb geöffnetes Rolltor mit blauen Lettern: »Athletic Nation«. Das Gym von Profiboxer Ferdinand Pilz. Ein komplett ausstaffiertes Zentrum für Hobby- und Profikämpfer. Hinter dem Tor dringen dumpfe Schläge nach draußen, mal rhythmisch, mal disharmonisch. Hier ist Darian Strehse regelmäßig mit seinem Trainerduo: Exwelt- und Europameister Michel Trabant und Vater Strehse.
Heute steht vor allem Athletik auf dem Programm, erzählt Carsten Strehse. In der Endphase der zehn- bis zwölfwöchigen Kampfvorbereitung heißt die Kurzformel: Intensität hoch, Volumen runter. Etwa für Explosivität und Tempohärte im Ring. Vater Strehse ist ausgebildeter Athletiktrainer, ein Tüftler – feilt methodisch an den Abläufen, verfeinert Übungseinheiten. Und das ist schon die zweite Einheit heute.
Bevor er hier im Gym alles gibt, sitzt Darian vormittags im Klassenraum. Leistungskurse standen auf dem Stundenplan: Geschichte und Englisch. Der Gymnasiast – elfte Klasse, erstes Abijahr – kennt die Doppelbelastung. Und: Er begreift rasch, am besten im Unterricht. Wie? »Ich bin aufmerksam und beteilige mich viel.« Der Vorteil: Er muss zu Hause weniger pauken. Deshalb geht die Lernkurve steil nach oben – nicht zuletzt im Seilquadrat.
In der Trabant‑Truppe bekommt Darian Sparring auf höchstem Niveau: mit Routinier Rico Müller, mit Techniker Gurgen Hambardzumyan, mit Debütant Hamzat Katciev. Kürzlich standen elf harte Runden an – im Wechsel, teils ohne Kopfschutz. Für Darian war das genau richtig.
Seine Profibilanz: makellos. Drei Auftritte, drei Siege – alle vorzeitig durch Knockout. Bislang waren die Sparrings intensiver als die Kurzeinsätze im Profizirkus. Einen Makel gibt es dann doch: Die Deckung sei zu offen. Deshalb lautet die Devise: Defensive stabilisieren.
Auch eine Frage des Boxstils. Der Leichtgewichtler (bis 61,2 Kilogramm) switcht gerne zwischen Rechtsauslage und Normalauslage – fließend im Kampfverlauf. Variabel will er boxen – bevorzugt mittels Shoulder Roll: Schulter als Schild, Führhand lässig, Schlaghand bereit. Dafür braucht es Timing, ein waches Auge, einen Oberkörper in ständiger Bewegung.
»Lasst mich mal machen«, hat Darian gesagt. »Boxerisch hat er ein Mitspracherecht«, so das Trainerduo. Sie hätten ihrem Schützling vier Wochen Zeit gegeben, seine Deckung unter Aufsicht zu verbessern. Mit Erfolg, oder wie Trabant sagt: »Darian hat sich seit dem letzten Kampf wieder enorm entwickelt.« Der Beleg: Der Jungprofi sei immer schwerer zu stellen, werde kaum noch getroffen.
Ehrgeiz ohne Übermut – das treibt den Teenager an. Eine Frage der Mentalität: Wenn Schwergewichtschamp Oleksandr Usyk mit drei Bällen jongliert, dann will der junge Strehse einen drauflegen, es mit vier versuchen – und können. Aber er will nichts geschenkt. Beispiel: Vater Strehse berichtet vom Cooper-Test im Schulsport. Zwölf Minuten Laufen auf Tempo. »Darians Bestmarke liegt bei 3.250 Metern.« Der Youngster merkt auf – und korrigiert: »3.150 Meter, Papa«. Und traktiert weiter mit Dreier- und Fünferkombinationen den Boxsack, während Trabant den Takt vorgibt.
Die Bewährungsprobe folgt am Sonnabend – sechs Runden, die zeigen sollen, wie weit er wirklich ist. Gegner ist der Tscheche Lukas Miko (28), Rechtsausleger. »Wird der Kampf über die volle Distanz gehen?« will der Autor wissen. Darian Strehse überlegt einen Moment – und sagt selbstsicher, ohne zu prahlen: »In Runde zwei ist Schluss.«
Also, nur ein Warm-up? Sicher nicht. Vater Strehse: »Ich kann ihm ja auch nicht verbieten, ihn frühzeitig wegzuhauen.« Und wenn all das nicht reicht, bleibt die Höllenmaschine. Das Air-Bike. Wieder ruft jemand: »Komm, zieh!« Bis zum Limit.
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