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Tiere

Intelligent, sozial, verhasst: Ratten

Foto: YAY Images/IMAGO
Die gemeine Wanderratte (Rattus norvegicus)

Unter den Tieren, die unseren waldnahen Garten zu Recht und zum Glück als den ihren betrachten, ist neuerdings auch eine Ratte. Die Tochter soll sie nicht füttern, die Nachbarn tun es längst, allerdings mit einem Blutgerinnungshemmer, im Volksmund auch Antikoagulantium genannt. Gift kommt von geben, nicht von nehmen, denkt sich das kluge Tier oder seine Gruppe von mehreren Dutzend, mit der man beim Anblick eines Exemplars angeblich rechnen muss, und labt sich an bekömmlicherer Nahrung, obwohl natürlich auch bei Rodentiziden erst die Dosis das Gift macht. In kleinen Mengen senken Gerinnungshemmer wie Marcumar das Schlaganfallrisiko, isst man sie wie Popcorn, führen sie zu einem qualvollen Tod durch innere Blutungen. Darum werden Rattenköder mit Warnhinweisen versehen: Wenn Sie befürchten, Ihr Kind oder ein anderer Hausbewohner als die Ratte könnte von den farbigen Körnern genascht haben, verabreichen Sie ihm als Gegengift ein Vitamin-K-Präparat aus der Apotheke oder sehr, sehr viel Grünkohl und Petersilie!

Warum sind die Tiere überhaupt so verhasst? Wenn Sie auf dem Kindergeburtstag erzählen, dass Sie mit Schnappfallen Igel oder Eichhörnchen erschlagen, wird Ihr Kind nicht mehr eingeladen, aber Ratten, igitt, die übertragen Krankheiten. Wer hat schon Lust, tagelang Antibiotika zu nehmen, weil er sich die Pest eingefangen hat? Andererseits: Wer kennt jemanden, der eine kennt, die wen kennt, der auch nur möglicherweise durch Ratten erkrankt ist?

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Von denen gibt es reichlich, zwei pro Mensch wird geschätzt. Die Gruppe der Mäuseartigen, zu der auch Mulle und Hamster gehören, umfasst sogar mehr als ein Viertel der beschriebenen Säugetierarten. Ratten sind billigere Sprengstoffspürhunde und, man will es nur verdrängen, Standardwegwerfversuchstiere in der humanmedizinischen Forschung. Statt hinterhältig, feige und gefährlich sind sie intelligent und sozial, weshalb sie langsam auch als Haustiere gehalten werden und sympathische Rollen in Zeichentrickfilmen übernehmen. Punks und Kinder wissen es eben besser.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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