Kommunale Macht
Von Thorben Austen, Olintepeque
Jeden Donnerstag treffen sich die indigenen Bürgermeister aus den verschiedenen Dörfern im guatemaltekischen Landkreis Olintepeque im gleichnamigen Hauptort. Der Sitz der Alcaldes Indígenas findet sich direkt am zentralen Platz, nur wenige Meter von der offiziellen Verwaltung entfernt. Der Kreis hat gut 41.000 Einwohner, liegt etwas nördlich der Großstadt Quetzaltenango, die Mehrheit der Einwohner sind Quiché-Maya.
Vier Punkte bestimmen ihre Arbeit, erklärt Carlos Mejía, stellvertretender indigener Bürgermeister: Schutz der Umwelt, Konfliktlösung, Verteidigung der Rechte der Indigenen und die Bewahrung der Kultur. Beim Schutz der Umwelt geht es um die Verschmutzung durch Müll und ökologische Landwirtschaft: Themen sind weiter das »Ley Monsanto« und aktuell das Wassergesetz. Das »Ley Monsanto«, ein Gesetz zum Schutz von Saatgutpatenten, ist nach Protesten schon fast vom Tisch. An dem Wassergesetz wird seit 2024 im Kongress gearbeitet. Offiziell soll es dem Schutz von Wasserquellen dienen, Landarbeiterorganisationen befürchten jedoch eine Privatisierung durch die Hintertür.
Vieles im Bereich des Umweltschutzes ist präventiv, sagt Mejía. Aktuell gebe es keine Bergbau- und Megaprojekte. Um 2010, erinnern sich die indigenen Bürgermeister, wollte der private Stromversorger Trecsa Guatemala eine Stromtrasse durch den Landkreis bauen. Die Einwohner konnten dagegen eine Volksbefragung durchsetzen. Mehrheitlich sprachen sie sich gegen den Bau aus, an den Jahrestag der Abstimmung wird jährlich erinnert. »Wir sind weiter wachsam«, sagt Benito Osorio, ein schon älteres Mitglied der Alcaldes. »Wir haben im Landkreis 36 Hektar weitgehend natürlichen Wald und unberührte Berge, das soll auch so bleiben.«
In den Bergen liegen auch verschiedene Maya-Altäre, deren Pflege Teil ihrer Arbeit zum Schutz der Kultur ist. Bis heute als historisches Ereignis präsent ist die letzte große Schlacht der Quiché gegen die spanischen Eroberer, zu der es im Februar 1524 im Landkreis kam. Prinz Tecún Umán fiel damals, sein Todestag am 20. Februar wird jedes Jahr mit großen Aktivitäten begangen. Beim Thema des Schutzes der Rechte der Indigenen kommt man auf die aktuelle Situation und die sozialdemokratische Regierung unter Präsident Bernardo Arévalo zu sprechen, die jetzt genau die Hälfte ihrer Amtszeit beendet hat. »Ohne Zweifel haben sich Dinge verändert«, sagt Mejía. »Monatlich finden Treffen zwischen indigenen Bürgermeistern und Präsident Arévalo sowie einzelnen Ministern statt, in vorangegangenen Regierungen undenkbar.«
Anhaltende Repression
Besorgt ist man aber über die fortgesetzten Festnahmen, initiiert von der Staatsanwaltschaft, eine »Rache für unsere Proteste 2023 zur Verteidigung der Demokratie«. Erst kürzlich war der ehemalige stellvertretende Bürgermeister der 48 Kantone aus Totonicapán, Basilio Puac, verhaftet worden; mit Luis Pacheco und Héctor Chaclán sitzen zwei weitere Mitglieder des Vorstandes der 48 Kantone seit April in Haft. Vorgeworfen werden ihnen Behinderung der Justiz, Terrorismus und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Es geht um die Straßenblockaden, mit denen der Amtsantritt von Arévalo durchgesetzt wurde, als die alten Eliten des Landes diesen verhindern wollten. Einen Tag nach dem Treffen in Olintepeque wurde Puac gegen Auflagen wieder freigelassen, das Verfahren gegen ihn läuft aber weiter.
Ob sich die Alcaldes als politische Bewegung sähen, frage ich die Anwesenden. Norma Beatriz Chávez, die einzige anwesende Frau, verneint. Juan Chiguil, ein schon älterer Herr, ist aber schon lange politisch aktiv, auch außerhalb der Alcaldes. Mit Osorio war er am Ende des Bürgerkriegs in Gremien vertreten, in denen gesellschaftliche Organisationen gemeinsam mit der linken Guerilla URNG Vorschläge für das Friedensabkommen ausgearbeitet hatten, das 1996 in Kraft trat. Regelmäßig nimmt eine Abordnung der Alcaldes aus Olintepeque an den Demonstrationen am 1. Mai und am 20. Oktober, dem Jahrestag der Revolution von 1944, in Quetzaltenango teil.
Konfliktlösungen sind eine weitere zentrale Aufgabe der Bürgermeister. Dabei kann es sowohl um Streit zwischen Gemeinden – zum Beispiel um Land – als auch um Auseinandersetzungen zwischen Personen gehen. Auch bei juristischen Streitereien oder der Schuldfrage bei Verkehrsunfällen werden die Alcaldes gerufen. Dabei gibt es regionale Unterschiede, wie ausgeprägt die Aktivitäten der Bürgermeister sind. In vielen Regionen werden auch Fälle von Kriminalität, mit Ausnahme von Kapitalverbrechen wie Mord, von ihnen geregelt. Kapitalverbrechen sind in den indigenen Regionen des Landes vergleichsweise selten. In Totonicapán gab es 2025 einen Mord auf 100.000 Einwohner, in Quiché 1,8 und in Huehuetenango zwei – im Landesdurchschnitt sind es 42.
48 Kantone
Als bekanntestes Beispiel, nicht erst seit dem Widerstand von 2023, gelten die bereits erwähnten 48 Kantone in Totonicapán, offiziell Concejo de Alcaldes de los 48 Cantones. Von vielen wird die Organisation als »Vater der indigenen Selbstverwaltung in Guatemala« bezeichnet. Sie geht zurück auf den Aufstand von Atanasio Tzul und der indigenen Bevölkerung von Totonicapán gegen die spanische Kolonialherrschaft im Jahre 1820. Auffallend ist, dass viele Mitglieder des Rates der 48 Kantone jung sind, bei den Alcaldes in Olintepeque überwiegen die älteren Semester. »Viele von ihnen in Totonicapán sind auch gut ausgebildet, haben studiert, sind Ärzte oder Anwälte. Wir hatten diese Bildungsmöglichkeiten noch nicht«, erklärt Chiguil.
Die Alcaldes bildeten zunächst eine parallele Struktur zur offiziellen Verwaltung. In Olintepeque wurden sie daher auch »Hilfsbürgermeister« genannt. Nach dem Friedensabkommen von 1996 änderte sich die Bezeichnung zu »indigene«, manchmal auch »kommunale Bürgermeister«. 2002 regelte das Gemeindegesetz im Artikel 55 »die Anerkennung, den Respekt und die Förderung indigener Autoritäten durch den Staat«. Ob man mit dem Status quo zufrieden sei, frage ich die Bürgermeister. »Wir hatten nach dem Friedensabkommen schon erwartet, dass jetzt ein plurinationaler Staat kommt, der unsere Vorstellungen deutlich berücksichtigt. Das ist aber bisher nicht der Fall«, sagt Osorio.
Wie viele indigene Bürgermeister es gibt, ist unklar, auch weil nicht immer das gleiche gemeint ist. »Es gibt indigene Autoritäten, indigene Bürgermeister, manchmal werden aber auch die Cocodes, offizielle Gemeinderäte, die ebenfalls nach dem Friedensabkommen entstanden, mit dazugezählt«, erklärt Mejía. Geschätzt wird aber, dass in rund 8.000 Gemeinden indigene Autoritäten bestehen, vor allem im Norden und Westen des Landes, insgesamt in 13 der 22 Departamentos Guatemalas.
Gegen Korruption
Gemeinsam ist den indigenen Autoritäten, dass die Wahlen in öffentlichen Versammlungen stattfinden, in der Regel per Handzeichen. Wahlberechtigt sind meist alle Einwohner ab 15 Jahren, ein »Wahlkampf« mit Kampagnen und Versprechungen nach westlichem Muster findet nicht statt. Die Arbeit der indigenen Bürgermeister ist unbezahlt, es sei eine »Ehre, dem Volk zu dienen«, betonen die Alcaldes aus Olintepeque. Wichtig sei aber, dass die Kandidaten eine »weiße Weste« haben. In der Regel werden die Posten jährlich neu besetzt, in manchen Regionen für zwei Jahre, in anderen Gemeinden gilt die Wahl auch lebenslang. Auch zur Frage einer Wiederwahl gibt es unterschiedliche Regelungen, der Posten des Präsidenten der 48 Kantone kann beispielsweise nur einmal im Leben ausgeübt werden.
Frauen sind vertreten, aber deutlich unterrepräsentiert. In vielen Gemeinden sind ausschließlich Männer zu finden. Das ist ein »komplexes Thema«, hatte eine indigene Bürgermeisterin aus dem benachbarten Landkreis Cajolá im vergangenen Jahr gegenüber jW erklärt. »Es gibt viel Machismus, und viele Frauen haben Angst, sich öffentlich zu engagieren. Da spielen die Gewohnheit, aber auch der häufig geringere Zugang zur formellen Bildung eine Rolle«, sagte sie.
Die indigene Bevölkerung machte 2023 rund 44 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, andere Statistiken nennen noch höhere Zahlen. Die Armut ist deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung, so lebten 2023 75 Prozent der Indigenen in Armut, bei den Nichtindigenen waren es 36 Prozent. Besonders deutlich wird dies auch bei der Armut in den einzelnen Departamentos. In Alta Verapaz leben 90,3 Prozent der Einwohner in Armut, gefolgt von Quiché mit 86,4 Prozent, Huehuetenango mit 81,2 Prozent und Baja Verapaz mit 80,2 Prozent, alle vier Departamentos haben einen hohen Anteil Indigener.
Die chronische Unterernährung bei Kindern beträgt bei der indigenen Bevölkerung 58 Prozent gegenüber 38 Prozent bei Ladinos. 2023 waren lediglich 15 Prozent der Abgeordneten und höheren Staatsbeamten indigener Herkunft. Auch beim allgemeinen Schulbesuch sowie bei höheren Schul- und Universitätsabschlüssen ist, trotz Fortschritten in den vergangenen Jahren, die indigene Bevölkerung deutlich unterrepräsentiert.
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