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Aus: Ausgabe vom 23.04.2026, Seite 1 / Titel
Militärstrategie der Bundeswehr

Den Feind markieren

Verteidigungsminister Pistorius stellt »erste Militärstrategie« der Bundeswehr vor. Sie richtet sich vor allem gegen Russland
Von Philip Tassev
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Leider ziehen Verteidigungsminister nicht persönlich in die Schlacht. Pistorius in Panzer aus deutscher Herstellung (Ipswich, Australien, 26. März 2026)

Zur stärksten konventionellen Armee Europas soll die Bundeswehr hochgerüstet werden. Diese Parole hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bereits im vergangenen Jahr ausgegeben. Am Mittwoch bekräftigte sein Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) diese Zielsetzung. Anlass war die Vorstellung der »ersten Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung« bei einer Pressekonferenz in Berlin. Zwar wurden keine genauen Aufmarschpläne oder ähnliches veröffentlicht, denn »potentielle Gegner sollen natürlich vorher nicht wissen, wie die Bundeswehr auf konkrete Bedrohungssituationen oder Angriffe reagiert und wie sie dafür aufgestellt wird«, wie Pisto­rius’ Ministerium erklärte.

Zu PR-Zwecken wurden allerdings doch einige Teile freigegeben. Bekannt ist, dass die genannte Konzeption zum einen aus einer »Militärstrategie« und zum anderen aus einem »Fähigkeitsprofil« besteht. Erstere definiert die »sicherheitspolitischen« Ziele der Bundeswehr, letzteres soll die Mittel zur Erreichung dieser Ziele festlegen.

Die sogenannte internationale Rechtsordnung sei so sehr in Frage gestellt wie »wahrscheinlich seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie«, behauptete Pistorius. »Die Welt ist unberechenbarer geworden und ‌ja, man muss ‌auch sagen, gefährlicher«, sagte der Minister weiter, meinte damit aber offenbar nicht die »Partner« USA und Israel, die mit ihren Kriegen Westasien endgültig ins Chaos stürzen wollen. Nein, die angeblich »erste deutsche Militärstrategie« (so nachzulesen auf der Website des Ministeriums) richtet sich wie alle anderen Strategien des deutschen Imperialismus der vergangenen 130 Jahre in der Hauptsache gen Osten.

Russland bereite sich »durch seine Aufrüstung auf eine militärische Auseinandersetzung mit der NATO vor« und betrachte »den Einsatz militärischer Gewalt als legitimes Instrument zur Durchsetzung seiner Interessen«. Dabei wird die Auseinandersetzung mit Russland in alter Tradition zum existentiellen Überlebenskampf Deutschlands verklärt. Die deutsche Gesellschaft sei in ihrer Gesamtheit bedroht. Mit »hybriden Mitteln« wie Spionage, Sabotageakten, Cyberangriffen und Desinformationskampagnen würde Moskau bereits heute unterhalb der Schwelle des Krieges vorgehen. Eine »Entgrenzung des Krieges« sei zu erwarten, denn Staat, Wirtschaft und Bevölkerung seien ebenfalls im Visier Russlands. »Der Gegner wird die Trennung von Heimat und Gefechtsfeld, zivil und militärisch, innerer und äußerer Sicherheit, Krieg und Frieden sowie Kombattant und Nichtkombattant gezielt unterlaufen«, heißt es.

Um also die gesamte Gesellschaft auf Kriegskurs zu trimmen, wird unter anderem der Reserve eine höhere Bedeutung beigemessen. »Wir denken Reserve neu«, so Pistorius. Denn diese sei »das Scharnier zwischen Militär und Zivilgesellschaft« und solle insbesondere als »Heimatschutz« die Nachschubwege offenhalten.

Teile der sogenannten Zivilgesellschaft ziehen allerdings andere Lehren aus der deutschen Geschichte als die Bundesregierung, etwa die Streikbewegung gegen die Wehrpflicht. Am Mittwoch riefen die jugendlichen Organisatoren zum nächsten Schulstreik am 8. Mai auf und begründeten die Wahl dieses Datums ausdrücklich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie erinnerten an die Erfahrungen des Krieges, die sich in der Losung »Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!« ausdrückten. »In dieser Tradition werden wir am 8. Mai erneut auf die Straße gehen, mit allen, die kein Bock auf Wehrpflicht und den nächsten großen Krieg haben.«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (23. April 2026 um 15:47 Uhr)
    Es muss doch einen immer weiter täglichen Grund geben, dass wieder gegen Russland gekriegt werden soll, oder? Waren die schon zu Napoleons Zeiten zweifellos alles Kommunistinnen und Kommunisten? Dann die UdSSR = Föderation der rätedemokratischer Sozialistischen Republiken, leider als weltweites Vorbild bis nach München hinein nur als Startballon? 1979 waren mein Vater und ich in Masurien. Der polnische Papst war kurz vorher da. Mein Vater sagte: Ab jetzt ist es vorbei. Die erste Lüge siegt immer. Sie ist das Idealprodukt aus Historie und modernem Bewusstsein: Die Wahrheit stammt nicht aus Einsicht, Erkenntnis, Wissen, Weisheit, Erfahrung oder aus dem Wandel vom Mythos zum Logos (= Fazit), die nicht erfasst wird. Weltweit gibt’s nichts Besseres als das Verschweigen der Wahrheiten. Warum? Sie könnten verletzen. Und zwar jahrhundertelang. Was Sklaverei, Rassismus, Genozid, Apartheid, Euthanasie usw. angeht. In Fällen von Kriegen ist es vollkommen normal, nur über die Getöteten zu reden/zu berichten. Ich zum Beispiel wär schon nach drei Tagen in Gaza tot. Ohne meine sieben Tabletten am Tag. Also so weit geht weltweiter Regierungshumanismus. Morgens und abends denke ich an die vielen, denen die Tabletten fehlen, das Insulin fehlt, die Augentropfen, die Chemo, die OP. Ich hatte meinen ersten Tumor 2002 (hinterm linken Auge) mit Bestrahlung und OP. Meinen zweiten Tumor am rechten Ohr 2010, dann mein Aneurysma hinter der linken Schläfe. Ich wäre ohne Tests und Medikamente seit einem Vierteljahrhundert tot. Wer kann und will nachvollziehen, dass es in Gaza keine Krankenhäuser mehr geben darf? Die werteorientierte westliche Gemeinschaft?
    Eine Frage: Wen will diese heutige Bundeswehr auf der Position eins der stärksten konventionellen Armeen Europas ablösen? Was mir seit Jahrzehnten fehlt: der eindeutige Nachweis, dass eine Invasion aus der Russländischen Föderation überhaupt möglich wäre. Auf beiden Seiten sind die Arsenale der taktischen Atomwaffen enorm groß. In den 1980er Jahren wurden die Fernaufklärer der NVA u. a. mit den Atomminenschächten der NATO an der BRD-Grenze vertraut gemacht und geschult. Es wurde klargestellt, dass sie umgangen werden sollten, um die Region nicht zu kontaminieren, also sie nicht auszulösen. Ist dieses Ausbildungsprogramm der NVA in der deutschen Geschichtsschreibung überhaupt bekannt?
  • Leserbrief von Reinhold Schramm aus 12105 Berlin (23. April 2026 um 13:26 Uhr)
    Die SPD-Führung und CDU-Führung bereiten Deutschland für einen Krieg gegen Russland vor! Der kommende Nuklearkrieg hat Folgen für alle Deutschen und ganz Europa! »Zu diesem Zweck wird Deutschland eine enge Kooperation mit der Ukraine schließen.« Siehe in der Berliner Zeitung am 22.04.2026: »Deutschland bereitet sich auf Krieg vor: Der Feind ist Russland«.

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