Warum protestieren Sie gegen Heidelberg Materials?
Interview: Ben Francke
Das Bündnis »End Cement« hat seit vergangenem Sonntag in Heidelberg seine Zelte aufgeschlagen. Das Protestcamp ist bis diesen Sonntag geplant und richtet sich gegen die Zementindustrie sowie den Konzern Heidelberg Materials. Mit einer zusätzlichen Aktion haben Sie am Donnerstag ein Zementwerk in Leimen blockiert und ein Banner mit der Aufschrift »Klimakiller« am Werk in Eppelheim angebracht. Worum geht es Ihnen?
Das grundlegende Problem ist, dass die Zementindustrie für etwa acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich ist. Heidelberg Materials, HM, ist der zweitgrößte Zementkonzern weltweit. Wir befinden uns direkt vor der Hauptzentrale. In der Stadt sowie im Umland gibt es mehrere Werke des Unternehmens. Wir sehen es als unsere Aufgabe, vor Ort Druck auszuüben.
Eine Schwierigkeit besteht darin, dass sich HM als »grüner« Vorreiter darstellt. Die einzige wirksame Möglichkeit, die CO2-Emissionen von Zement zu reduzieren, besteht jedoch darin, weniger Zement zu produzieren. Zugleich machen wir auf Menschenrechtsverletzungen und Völkerrechtsbrüche aufmerksam, die im Zusammenhang mit Tochterunternehmen weltweit begangen werden.
Was sollte unmittelbar getan werden, abseits eines Zurückfahrens der Produktion?
Wir fordern, dass HM einen unabhängigen Menschenrechtsbericht entlang der Lieferketten in Auftrag gibt und einen Entschädigungsfonds einrichtet, der aus Dividenden finanziert wird. Dieser Fonds soll denjenigen zugute kommen, die unter Umweltzerstörung leiden. In Heidelberg fordern wir die Einrichtung eines Bürgerrats zur Bauwende. Außerdem sprechen wir uns dagegen aus, dass städtische Institutionen durch HM gesponsert werden, was derzeit beispielsweise beim »Heidelberger Frühling« der Fall ist. Der Konzern sollte keine solche Werbeplattform erhalten.
Gab es von diesem bislang Gesprächsangebote?
In diesem Jahr hat der Konzern bislang kein Gesprächsangebot gemacht. Im vergangenen Jahr kam nach unserem Protest erstmals ein konkretes Angebot zustande, nachdem zuvor über Jahre hinweg Gesprächsbereitschaft signalisiert, aber nicht umgesetzt worden war. Dieses erste Gespräch hat stattgefunden. Wir haben deutlich gemacht, dass wir an einer Fortsetzung interessiert sind.
Ihr Programm spricht von internationalem Protest gegen HM. Mit wem vernetzen Sie sich?
Wir arbeiten mit Menschen aus dem Kendeng-Gebirge in Indonesien zusammen. Auch mit Menschen aus der Westsahara stehen wir in Kontakt sowie mit Aktivisten aus Palästina und mit Gruppen in Togo. In den letzten Jahren haben sich Menschen aus Schweden und Australien bei uns gemeldet, weil dort neue Werke von HM geplant werden.
Zudem wurde vor dem Heidelberger Landgericht eine Klimaklage eingereicht, die sich gegen RWE und HM als zwei der größten deutschen CO2-Emittenten richtet. Die Klage wird von 39 pakistanischen Bäuerinnen und Bauern getragen. Hintergrund sind die schweren Überschwemmungen im Jahr 2022 in Pakistan, deren Folgen bis heute verheerend sind. Viele Menschen haben Angehörige oder ihre Lebensgrundlage verloren. Da ein Teil der Emissionen auf Unternehmen wie RWE und HM zurückgeführt wird, wird nun auf Entschädigung geklagt.
Sie hatten erklärt, dass Sie auch mit Beschäftigten ins Gespräch kommen wollten. Hat sich in dieser Hinsicht etwas entwickelt?
Wir haben entsprechende Versuche unternommen, stoßen jedoch auf strukturelle Schwierigkeiten. Es gibt einerseits Personen, die direkt bei HM arbeiten, häufig in gut bezahlten Positionen. Andererseits gibt es viele Beschäftigte auf Baustellen, die oft nicht gewerkschaftlich organisiert sind. In diesem Bereich spielen Subunternehmen und Leiharbeit eine große Rolle. Das erschwert den Zugang und vor allem die Organisierung dieser Beschäftigten erheblich. Wir stehen im Austausch mit der IG BAU und haben durch Aktionen versucht, Beschäftigte anzusprechen. Es bestehen einzelne Kontakte, aber insgesamt ist dies ein langfristiger und anspruchsvoller Prozess. Wichtig ist uns dabei zu betonen, dass sich unser Protest nicht gegen die Beschäftigten richtet.
Darya Sotoodeh ist Sprecherin des Bündnisses »End Cement«
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