Aus: Ausgabe vom 10.02.2018, Seite 11 / Feuilleton

»Wo ist er heute?«

Zum 120. Geburtstag von Bertolt Brecht ein paar »Geschichten vom Herrn B.«

Von André Müller sen./Gerd Semmer
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Ist er’s? Es fehlt allerdings die Weißwurst

Am 10. Februar 1898 wurde Eugen Berthold Friedrich Brecht im beschaulichen Augsburg geboren. Gestorben ist er als einer der wichtigsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts am 14. August 1956 in Berlin, Hauptstadt der DDR. Ihm zu Ehren veröffentlichten die Schriftsteller und Dichter André Müller sen. und Gerd Semmer 1967 im Insel-Verlag »Geschichten vom Herrn B.«, die im Sommer 2016, zum 60. Todestag von Brecht, vom Eulenspiegel-Verlag wieder aufgelegt wurden. Wir bringen daraus einen Auszug, Happy Birthday BB! (jW)

Wettbetrug

In einem Theater seiner Heimatstadt sah Herr B. ein Stück über einen einsamen Dichter, der an seiner Umwelt tragisch zugrunde geht. Es stammte vom späteren Präsidenten der Reichsschrifttumskammer Hanns J., und Herr B. fand es abscheulich. Er erklärte verächtlich: »In drei Tagen schreibe ich ein besseres.«

Seine Freunde lachten darüber. Herr B. wettete mit ihnen und gewann. Es entstand ein Stück über einen stadtbekannten Wüstling, der zugrunde geht, obwohl er gleichzeitig mit zwei Schwestern schläft.

Als das Stück nach vier Jahren uraufgeführt wurde, erinnerten die Freunde Herrn B. voller Stolz an die Wette. »Ja«, erwiderte er ebenso stolz, »das Stück habe ich in drei Tagen geschrieben. Aber für die Änderungen habe ich acht Monate gebraucht.«

Deutsche Bildung

Herr B. war ein guter Schüler. Er liebte es, seine Aufsätze mit Goethe-Zitaten zu belegen, um seinen Ansichten größeren Nachdruck zu verleihen. Die Zitate erfand er selber. Trotzdem fiel er nie auf, weil kein Lehrer zugeben wollte, dass ihm ein Goethe-Werk unbekannt sei.

Courtoisie

Herr B. vertrat die Ansicht, man müsse sich den verschiedenen Lebenslagen anzupassen wissen, vor allem dürfe man nichts tun, was unbequem sei. So habe er einmal in seiner Vaterstadt A. mit einem Mädchen plaudern wollen, das sehr schön gewesen sei, aber im zweiten Stock gewohnt habe. Er habe zu dieser Zeit an einem steifen Hals gelitten, und es sei sehr unbequem gewesen, zu ihrem Fenster aufzuschauen. Da er auf die Unterhaltung aber nicht habe verzichten wollen, habe er sich auf das Straßenpflaster gelegt und so mit ihr gesprochen.

Ausbeutung

Die Entbehrungen in der Hauptstadt brachten Herrn B. ins Krankenhaus. Er fühlte sich dort sehr wohl. Er diskutierte mit Ärzten, Schwestern und Kranken, empfing Besuch, studierte die Leute, entwarf Stücke, schrieb Szenen, stapelte Bücher, verhandelte mit Verlegern, sprach mit Schauspielern, konspirierte mit seinen Freunden, kurz, er machte den großen Krankensaal zur Werkstatt.

Sein Freund Arnolt B. erschrak und wünschte, Herr B. möge da herauskommen und Ruhe haben. »Nichts ist so lehrreich«, sagte Herr B. eifrig, »wie ein Krankensaal. Du musst unbedingt hierherkommen. Eine Krankheit wird sich schon finden lassen.«

Gewöhnung

Max R. war der bekannteste Regisseur der Hauptstadt. Herr B. wurde in seinem Theater als Dramaturg engagiert. Allerdings sprachen sie nie ein Wort miteinander. In der Probe setzte sich Herr B. grußlos hinter den Regisseur und sagte kein Wort, um ihn nicht zu stören. Max R. schaute sich mehrfach nach dem Unbekannten um, sagte aber auch kein Wort. Am nächsten Tag nahm Herr B. wieder schweigend seinen Platz ein, und so blieb es in den folgenden Proben.

Eines Tages kam Herr B. nicht. Der Regisseur schaute suchend in den Zuschauerraum und fragte seinen Assistenten: »Wo ist er heute?«

Telegrammwechsel

Herr B. hatte den Roman über die Schlachthöfe der Stadt Ch. von Upton S. gelesen und kurz darauf die Tragödie der Jungfrau von O. des deutschen Dichters Friedrich Sch. Beide Werke gefielen ihm so gut, dass er ein neues daraus machte. Er bot das Stück Gustaf G. an. Dieser antwortete mit einem Telegramm: »Um Gottes willen.«

Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete Gustaf G. wieder ein Theater und bat nun Herrn B. um die Uraufführungsrechte des abgelehnten Stückes. Herr B. telegrafierte ihm: »Um Gottes willen.«

Prophezeiung

Kurz nachdem die große nationale Partei in Deutschland die Macht ergriffen hatte, wurden die Bücher von Herrn B. mit Petroleum übergossen und öffentlich verbrannt. Herr B. hatte schon vorher seine Koffer gepackt und war ins Ausland geflohen.

Als er mit seiner Frau in der österreichischen Hauptstadt eintraf, sagte der Moralist Karl K.: »Die Ratten betreten das sinkende Schiff.«

Bei allem Wohlwollen

In seiner Jugend hatte Herr B. selber komponiert und war deshalb anspruchsvoll. Die Komponisten, die mit ihm zusammenarbeiteten, wussten ein Lied davon zu singen. Hanns E. war ein Schüler des Komponisten Arnold Sch., der die Zwölftonmusik erfunden hatte. Da er seinen Lehrer sehr verehrte, versuchte er, Herrn B. mit dieser Musik bekanntzumachen. Er fürchtete jedoch, die atonale Musik werde ihm nicht gefallen.

Schließlich spielte er sie ihm vor. Herr B. reagierte, wie erwartet, ablehnend. Er sagte: »Diese Musik ist mir zu melodisch.«

Staatslehre

Im dänischen Exil unterhielt sich Herr B. mit seinem Freund Walter B. über neueste Theorien des Literaturwissenschaftlers Georg L. Es ging um den Expressionismus, und beide lehnten die Ansichten von Georg L. erbittert ab.

»Mit solchen Leuten ist eben kein Staat zu machen«, sagte Walter B.

»Doch«, widersprach Herr B. »Eben nur ein Staat, aber kein Gemeinwesen.«

Bescheidenheit

Die Frage wurde erörtert, ob die Regisseure für den ständig wachsenden Bedarf von Film und Theater ausreichten. Man zählte die Regisseure auf, die in Frage kamen.

Herr B. überlegte eifrig mit. »Es gibt nur zwei Regisseure auf der Welt«, sagte er dann. »Der andere ist Chaplin.«

Zumutung

Ein Kritiker schlug Herrn B. vor, eine dunkle Dialogstelle zu verdeutlichen; er meinte, das Publikum werde sie nur schwer verstehen. Herr B. antwortete kühl: »Warum muss man alles beim ersten Mal verstehen? Da müssen halt die Leute ein zweites Mal ins Theater gehen.«

Der Kritiker gab zu bedenken, viele Leute könnten sich einen zweiten Theaterbesuch nicht leisten – kaum den ersten. Herr B. antwortete noch kühler: »Da müssen sie eben eine soziale Ordnung schaffen, in der sie sich das leisten können.«

Eingeständnis

In einem Gespräch über das Sonettwerk des Dichters Johannes R. B. behauptete der Schriftsteller Peter H., eigentlich könne man heute gar keine Sonette mehr schreiben.

Herr B. widersprach heftig und sagte: »Meines Wissens habe ich Sonette geschrieben.«

»Meines Wissens aber nur zu parodistischen Zwecken!« antwortete Peter H.

Herr B. hob den Kopf und Zeigefinger und sagte stolz: »Und zu pornographischen!«

Metaphysik

Seine Liebe zu der süddeutschen Spezialität bekannte Herr B. bei vielen Gelegenheiten. Er erklärte kategorisch: »Die Weißwurst ist der höchste Genuss.«

Er wurde gefragt: »Warum?«

Verklärt antwortete Herr B.: »Wenn man anfängt, sie zu verstehen, ist sie schon weg.«

Gefahren guter Architektur

Auf eine Prachtstraße im Osten der Hauptstadt wurde viel geschimpft. Das Schimpfen machte Herrn B. zornig. »Was wollen Sie?« sagte er. »Wir unterdrücken die Bevölkerung, zwingen sie, Hochschulen zu besuchen, die Wirtschaft zu organisieren, den Staat zu leiten. Würden wir auch noch gute Architektur machen, könnte die Regierung sich keinen Tag mehr halten.«

Traumdeutung

Zur Verwunderung seiner Besucher las Herr B. mit großem Interesse dicke sowjetische Romane der Nachkriegszeit, in denen der Sozialismus in rosarotem Licht geschildert wurde.

Auf die Frage, warum er solche Bücher lese, antwortete Herr B.: »Ich will gern wissen, wie sie sich die Welt vorstellen.«

Entnommen aus: André Müller sen./Gerd Semmer : Geschichten vom Herrn B. Gesammelte Brecht-Anekdoten. Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2016, 128 S., 9,99 Euro


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