Auf dem Land hat man mehr
Von Luca von Ludwig
In den Städten sind die Gehälter höher als auf dem Land – so weit, so allgemein. Das heißt aber nicht, dass die Städter von ihrem Lohn unbedingt mehr haben als die Landbewohner. Oft ist vielmehr das Gegenteil der Fall, wie eine Datenauswertung des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt, deren Ergebnisse am Sonntag veröffentlicht wurden.
Für die Erhebung wurden die Daten über die verfügbaren Einkommen in den 400 Landkreisen und kreisfreien Städten des Statistischen Bundesamtes mit dem regionalen Preisvergleich des IW Kölns kombiniert. So wird dem Umstand Rechnung getragen, dass ein höheres Einkommen in Wohnorten mit hohen Lebenshaltungskosten leicht dazu führen kann, dass die tatsächliche Kaufkraft geringer ausfällt als in Regionen mit niedrigeren Einkommen, wo aber auch die Mieten oder die Kosten für Dienstleistungen geringer sind.
Das Ranking wird mit Heilbronn, wo die Menschen pro Kopf gerechnet über eine Kaufkraft von rund 39.400 Euro im Jahr verfügen, zwar von einer Stadt angeführt. Ansonsten finden sich auf den zehn Spitzenplätzen jedoch nur Landkreise. Hinter Heilbronn folgen die Kreise Starnberg und Rhön-Grabfeld, aber auch Nordfriesland mit der Insel Sylt und der Hochtaunuskreis stehen auf der Liste relativ weit oben. Die untersten zehn Plätze werden hingegen ausnahmslos von kreisfreien Städten angeführt; ganz unten steht Offenbach am Main, hinter Gelsenkirchen und Duisburg. Auch die ostdeutschen Städte Halle (Saale) und Frankfurt (Oder) finden sich am unteren Ende des Rankings.
Dabei unterscheidet sich die Kaufkraft zwischen Ballungszentrum und jeweiligem Umland teils dramatisch: In Offenbach beträgt sie 21.400 Euro im Jahr, im angrenzenden gleichnamigen Landkreis sind es aber rund 28.200 Euro – mehr als 7.000 Euro Unterschied, für viele also mehrere Monatseinkommen. Kaum besser sieht es in der Großstadt Leipzig aus: Dort haben die Menschen preisbereinigt etwa 24.500 Euro zur Verfügung, im Landkreis mit demselben Namen rund 30.000. In solchen Größenordnungen bewegen sich auch die Differenzen zwischen Hamburg und Bremen und den jeweils angrenzenden Kreisen. In Berlin beläuft sich die Kaufkraft pro Person auf etwa 24.600 Euro, die Stadt belegt damit Platz 383 im Ranking. Im Landkreis Potsdam Mittelmark sind es hingegen rund 29.300 Euro je Kopf und Jahr.
Wie die Ökonomen des IW hervorheben, finden sich unter den Kommunen und Kreisen im oberen Teil des Rankings vermehrt eher touristisch geprägte Regionen in der Nähe großer Ballungszentren sowie Landstriche, denen man intuitiv eher nicht unterstellen würde, besonders wohlhabend zu sein – so zum Beispiel Wunsiedel im Fichtelgebirge (Bayern) oder auch der Kreis Olpe in Nordrhein-Westfalen. Die Ursache hierfür macht das IW in den unterdurchschnittlichen bis sehr niedrigen Preisen bei gleichzeitig soliden nominellen Einkommen des Mittelstands in diesen Regionen aus.
Ein Manko ist, dass die Einkommensdaten erst mit einiger Verzögerung feststehen. Die aktuellsten verfügbaren sind die für das Jahr 2023. Etwaige Verschiebungen durch die aktuellen wirtschaftlichen Verwerfungen sind somit nicht abgebildet. Zumindest die regionalen Preisunterschiede blieben zuletzt trotz aller inflationären Schwankungen recht konstant, wie das IW in einer Erhebung vom November letzten Jahres feststellte. Da kam man zu dem Schluss, dass sich wesentliche Treiber der Lebenshaltungskosten – allen voran die Energie- und Mietpreise – regional etwa im gleichen Maße verteuerten.
Die erheblichen Unterschiede zwischen Stadt und Land, die sich in der jüngsten Erhebung zeigten, dürften vor allem auf die Wohnkosten zurückzuführen sein. Die Mieten machen nach wie vor den größten Teil der Ausgaben aus. Binnen eines Jahrzehnts sind sie in den Großstädten um etwa 43 Prozent nach oben geschnellt, in Berlin sogar um fast 70 Prozent, wie erst in der zurückliegenden Woche durch Zahlen des Bundesbauministeriums bekanntwurde. Eine wirksame Bekämpfung dieser veritablen Krise von politischer Seite ist nicht abzusehen, und damit auch kein Ende der drastischen Differenz bei der realen Kaufkraft zwischen Regionen, die nur wenige Dutzend Kilometer voneinander entfernt sind.
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