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Aus: Ausgabe vom 10.04.2026, Seite 14 / Medien
»Radioactive Emergency«

Zeitzeugen gegen Fiktion

Netflix produziert Serie über »Goiânia-Unfall«. Opfer kritisieren verzerrte Darstellung und fehlende Beteiligung von Überlebenden
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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Mehrere hundert Menschen mussten nach der Katastrophe auf Strahlung getestet werden, darunter viele Kinder (Goiânia, 29.10.1987)

Der größte »Unfall« mit radioaktiven Stoffen in der Geschichte Lateinamerikas ereignete sich wohl im September 1987 in der zentralbrasilianischen Stadt Goiânia. Ein Schrotthändler kaufte zwei Sammlern eine alte Krankenhausmaschine ab. Was er nicht wusste: Das Gerät, das zur Strahlentherapie von Krebspatienten eingesetzt wurde, enthielt radioaktives Cäsium-137. Bei der Verwertung wurde es freigesetzt, kontaminierte einen Teil der Stadt und Hunderte Menschen. 85 Häuser wurden verstrahlt, insgesamt entstanden 3.500 Kubikmeter radioaktiver Abfall. Vier Personen starben; die sechsjährige Nichte des Schrotthändlers musste in einem bleiernen Sarg beerdigt werden.

Die Ereignisse rund um die Katastrophe von damals hat nun der Streaminganbieter Netflix in Form der Miniserie »Radioactive Emergency« verfilmt – »inspiriert von wahren Begebenheiten«. Die überlebenden Opfer sind allerdings wenig angetan. Die Produktion verzerre die historischen Fakten und sei eine »tiefe Respektlosigkeit« gegenüber den Überlebenden, befand zum Beispiel Odesson Alves Ferreira, der Bruder des Schrotthändlers, der 1987 nichtsahnend das bleiummantelte Maschinenteil entgegennahm, gegenüber Metrópoles. Er selbst wurde damals stark verstrahlt und leidet bis heute an den Folgen. Die Serie mache »die Opfer eines verantwortungslosen Systems zu Tätern«.

Entgegen der Meinung der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA), der zufolge es sich bei dem Vorfall um einen Unfall gehandelt hat, sprechen die Opfer von einem Verbrechen. Die Betreiber des Instituto Goiano de Radiologia hätten das gefährliche Behandlungsgerät in der teilweise abgerissenen Ruine der Klinik einfach zurückgelassen, anstatt es ordnungsgemäß zu entsorgen. Auch die brasilianische Atomenergiekommission CNEN sei ihrer Verantwortung nicht nachgekommen. Wegen ihrer Nachlässigkeit war die CNEN Jahre später von der Regierung zu einer Strafzahlung von einer Million Real (etwa 519.000 US-Dollar) und der Gewährleistung der medizinischen Versorgung der Opfer bis in die dritte Nachkommengeneration verurteilt.

Im Netflix-Drama würde die Schuld jedoch den Schrotthändlern zugeschrieben, während die Klinikbetreiber weitgehend außen vor blieben, kritisieren Wissenschaftler. Netflix selbst schreibt über die Serie, dem Publikum werde »ein volles Bild von den dreieinhalb Monaten des Terrors, der durch einen Kleindiebstahl ausgelöst wurde«, gegeben.

Aus den Reihen des Opferverbandes »Associação das Vítimas do Césio 137«, der etwa 1.000 Mitglieder zählt, wurde zudem Kritik laut, dass die Überlebenden der Katastrophe bei der Serienproduktion kaum zu Rate gezogen wurden. »Wir wurden bei den Dreharbeiten zu der Serie, die auf unserer Geschichte basiert, nicht gefragt. Die Dreharbeiten fanden nicht einmal in Goiânia statt, sondern in São Paulo«, so der Verbandsvorsitzende Marcelo Santos Neves. »Wie kann man eine Serie über diese Geschichte drehen und diejenigen, die das alles wirklich miterlebt haben, nicht zu Wort kommen lassen?«

Lediglich die ehemalige Vorsitzende Suely Lina Moraes Silva sei von Netflix kontaktiert worden. Doch auch da sei die Beteiligung minimal gewesen. Lediglich einmal habe sie einen Teil des Produktionsteams bei einem Gang durch die damals kontaminierten Gegenden von Goiânia begleitet, danach sei Funkstille eingekehrt.

Gegenüber Metrópoles beteuerte Netflix, auf historische Genauigkeit zu achten, die Verlegung des Drehortes sei lediglich städtebaulichen Veränderungen geschuldet gewesen. Auch seien Ärzte, die an den Dekontaminierungsmaßnahmen mitgewirkt hätten, zu ihren Erfahrungen befragt worden.

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