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Aus: Ausgabe vom 24.11.2025, Seite 8 / Kapital & Arbeit
30. UN-Klimakonferenz in Brasilien

Flop 30

Pleiten und Pannen: Die Klimakonferenz in Brasilien war ein Desaster für Teilnehmende und Umwelt
Von Norbert Suchanek
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Protest bei der Volksvollversammlung auf der UN-Klimakonferenz (Belém, 21.11.2025)

Allen Beteuerungen von Klimawissenschaftlern zum Trotz endete am Sonnabend mit zwanzigstündiger Verspätung die 30. Weltklimaschutzkonferenz (COP 30) im brasilianischen Belém ohne einen konkreten Fahrplan für den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen. Das von 195 Staaten unterzeichnete Abschlussdokument enthält nicht mal eine »Roadmap« für den Stopp der Tropenwaldabholzung. Schon am Freitag hatte für viele Teilnehmer und Beobachter festgestanden: Es wird nicht die letzte und schon gar nicht die »beste COP aller Zeiten« sein, wie es ihr diesjähriger Gastgeber Präsident Luiz Inácio Lula da Silva vollmundig versprochen hatte.

Symptomatisch war der Ausbruch eines Feuers am vorletzten Tag. Der Großbrand, der die Verhandlungen stundenlang unterbrach, symbolisierte für viele Teilnehmer die Desorganisation der COP 30. In den sozialen Medien beklagte man zahlreiche Unannehmlichkeiten wie überflutete Toiletten oder Bäder ohne Wasser, Mondpreise für Getränke und Mahlzeiten bei gleichzeitiger Essensknappheit in den Restaurants, ganz zu schweigen vom »Bettenskandal«.

Zu Beginn der Konferenz am 14. November hatten Dutzende Indigene vom Volk der Munduruku für zwei Stunden den Eingang blockiert. Sie prangerten große Infrastrukturprojekte der brasilianischen Regierung in ihrer Amazonasregion an und forderten vergeblich ein Treffen mit Präsident Lula da Silva. Gleichzeitig fluteten heftige Tropenschauer Pavillons und legten die Stromversorgung lahm, deren Ausfall mit schmutzigen Dieselgeneratoren kaum kompensiert werden konnte. Am zweiten Tag stürmten Demonstranten aus Protest gegen die geplante Erdölausbeutung im Mündungsgebiet des Amazonas die Konferenz. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Die brasilianische Opposition wertete die COP 30 schließlich als »eine völlig unvorbereitete, schlecht geplante sowie unverantwortlich durchgeführte Veranstaltung« und forderte eine Untersuchungskommission zur Aufklärung aller Verfehlungen.

Einem weiteren Skandal kam die Veröffentlichung des Abschlussdokumententwurfs gleich. Das Wort »fossil« war kein einziges Mal enthalten. In einer gemeinsamen Erklärung betonten führende Klimaforscher, dass diese von Brasilien vorgelegte, finale COP- 30-Erklärung ein Bruch mit der Grundidee des Pariser Abkommens darstelle. »Das ist ein Verrat an der Wissenschaft und den Menschen, insbesondere an den Schwächsten«, heißt es da. Eine vernünftige Begrenzung der Erwärmung sei nicht möglich, »ohne die Nutzung fossiler Brennstoffe einzustellen und die Entwaldung zu beenden«.

Das sahen auch 36 Staaten, darunter Frankreich, Großbritannien und die BRD, ähnlich und drohten noch am Freitag, nicht zuzustimmen: Der Entwurf erfülle nicht einmal die Minimalbedingungen für ein glaubwürdiges Ergebnis der COP. Zustimmen werde man nur einem »gerechten, geordneten und fairen Übergang weg von fossilen Energieträgern«. Nacheinander knickten oder nickten sie in den folgenden Nachtstunden allerdings ein und ließen sich auf faule Kompromisse ein, die den Klimaschutz aufschieben.

Vor der abschließenden Plenarsitzung hatte der brasilianische Klimawissenschaftler Carlos Nobre noch eindringlich gewarnt: Der Verbrauch fossiler Brennstoffe müsse spätestens bis 2045 auf null sinken, um einen katastrophalen Temperaturanstieg von bis zu 2,5 Grad Celsius bis Mitte des Jahrhunderts zu verhindern. Vom nahezu vollständigen Verlust der Korallenriffe, dem Zusammenbrechen des Amazonas-Regenwaldes und dem beschleunigten Abschmelzen des grönländischen Eisschildes ließen sich die Delegierten aber nicht überzeugen.

Der finale achtseitige Text belässt es bei einem Verweis auf einen Aufruf zum Übergang zu klimaverträglichen Energieträgern bei der COP in Dubai. Statt dessen geht es um Geld. So wird von den Industrieländern eine Verdreifachung der Gelder verlangt, um dem globalen Süden bei der Bewältigung der Klimakrise zu helfen. Inzwischen erinnert die COP eher an die Sportveranstaltungen, die ausgerichtet werden, um Steuergelder für neue Infrastrukturprojekte und einen zweifelhaften Tourismusausbau zu verschleudern. Dabei versuchen Regierungen und NGOs eine gute Figur zu machen, für die nächste Wahl oder den nächsten Spender. Das ist Bundeskanzler Friedrich Merz natürlich nicht gelungen.

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