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Kino

Fremde sind wir uns selbst

In Pedro Pinhos Spielfilm »I Only Rest in the Storm« wird ein Umweltingenieur in Westafrika mit den Dilemmata der Entwicklungshilfe konfrontiert

Foto: Grandfilm
Auch die Innenperspektive liefert keine einfachen Antworten

Ein unhintergehbares Fremdheitsgefühl begleitet Sérgio (Sérgio Coragem) auf seiner Fahrt durch die mauretanische Wüste, wo ein scharfer, Staub aufwirbelnder Wind die ausgeblichenen Farben noch verwaschener wirken lässt. Als eine Autopanne inmitten der Einöde aus Sand und Geröll den Fremden zu einer Rast nötigt, dehnt sich die Zeit im Einklang mit der Weite der endlos erscheinenden Landschaft. Bei seiner Ankunft auf einem städtischen Markt im westafrikanischen Küstenstaat Guinea-Bissau könnte der Kontrast kaum größer sein. Dort herrschen Betriebsamkeit und Enge. Dennoch wirkt Sérgio weiterhin allein, verloren und unsicher. Zögerlich und misstrauisch nähert er sich dem Unbekannten, als er plötzlich auch noch zum Komplizen eines Diebstahls gemacht wird. Bei seiner Rückkehr ins Hotel muss er schließlich feststellen, dass er spontan und ungefragt umquartiert wurde und neben seinem neuen Zimmer eine Party tobt. Nach und nach wird der erschöpfte Held in Pedro Pinhos dreieinhalbstündigem Film »I Only Rest in the Storm« (»O Riso e a Faca«; wörtlich: »das Lachen und das Messer«) lernen müssen, sich körperlich und geistig den neuen Verhältnissen anzupassen.

Der portugiesische Umweltingenieur hat den Auftrag, in der ehemaligen Kolonie ein Verträglichkeitsgutachten für den Bau einer Straße zu erstellen, die durch ein Naturreservat mit Nilpferden führen soll und zudem den Reisanbau sowie die traditionelle Lebensweise von einigen Inselbewohnern bedroht. Aber besonders deutlich werden weder seine Aufgabe noch seine Arbeit gezeigt. Pinhos dokumentarisch angelegter, parataktisch und mäandernd erzählter Film hat kein Zentrum, sondern fokussiert auf Symptome einer postkolonialen Praxis, die trotz behaupteter Hilfsabsichten in vielen sprechenden Details noch immer eine westliche Hegemonie impliziert. Und so findet sich der durchaus wohlmeinende und selbstkritische Protagonist auch bezüglich seiner Mission bald in einem Geflecht von Widersprüchen und Ambivalenzen. Zwar will Sérgio imperialistisch geprägte Verhaltensmuster vermeiden, trotzdem kann er seine Erwartungen und Ziele nicht einfach aufgeben. Offensichtlich gibt es keinen Ausweg aus dem Dilemma, solange man helfen will.

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Auf der Suche nach Anschluss und Zugehörigkeit wird Sérgios widersprüchliches Erleben schließlich noch verstärkt, als er sich in Diára (Cleo Diára) verliebt. Die junge, resolute Barbesitzerin steht im Mittelpunkt einer schillernden, lebenslustigen queeren Community, die selbstbewusst ihre Stile zelebriert und sich gegen behördliche Übergriffe verteidigt. Den vielen Fragen und moralischen Dilemmata, die Sérgio in Bezug auf ökologische und soziale Probleme, aber auch hinsichtlich Korruption und rassistischer Verhaltensweisen umtreiben, entgegnet Diára einmal lapidar: »Lass das Leben antworten.« Insofern liefert auch Pedro Pinhos komplexer Film trotz seiner »Innenperspektive« keine einfachen Antworten. Vielmehr führt er in ein Feld kritischer Überlegungen, die beispielsweise selbst noch die gängige Praxis der Entwicklungshilfe in Zweifel ziehen.

→»I Only Rest in the Storm«, Regie: Pedro Pinho, Frankreich/Portugal/Brasilien/Rumänien 2025, 217 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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