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Aus: Ausgabe vom 07.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Reportagen

Das Symbol von Nürnberg

Reporterinnen in der Trümmerwüste: Janet Flanner, Rebecca West und Martha Gellhorn beim Hauptkriegsverbrecherprozess 1946
Von Andreas Schäfler
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Vor 80 Jahren mussten sich im Nürnberger Justizpalast die führenden Vertreter des Naziregimes vor Gericht verantworten. Zum internationalen Pressekorps, das dieses Weltereignis vor Ort verfolgte, gehörten neben John Dos Passos, William Shirer, Erich Kästner, Alfred Döblin u. a. zeitweise auch Janet Flanner, ­Rebecca West und Martha Gellhorn, deren berühmt gewordene Reportagen nun in einem kleinen Sammelband neu zugänglich gemacht werden.

Was Hannah Arendt 1961 beim Eichmann-Prozess als »Banalität des Bösen« beschreiben sollte, konnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Nürnberger Anklagebank beobachtet werden: die ehemals führenden Naziverbrecher als kümmerliche Jammerlappen, die sich samt und sonders auf »Befehlsnotstand« beriefen – bis auf den selbstherrlichen Hermann Göring, der der Gerichtsverhandlung mit kaltem Zynismus folgte und sich, wann immer es um ihn persönlich ging, als Gladiator inszenierte.

Der New Yorker hatte seine langjährige Paris-Korrespondentin Janet Flanner (1892–1978) zum Prozess geschickt, die sich auch in Deutschland gut auskannte und direkt nach Kriegsende das KZ Buchenwald besucht hatte. »Blickt man auf die erschreckenden Ruinen Nürnbergs, sieht man das Resultat dieses Krieges. Blickt man auf die Gefangenen im Gerichtssaal, sieht man zweiundzwanzig Gründe dafür.« Dass Göring nicht nur seine Spießgesellen, sondern im Kreuzverhör durch Robert Jackson auch den US-amerikanischen Hauptankläger dominierte, der sich zuvor als souveräner Regisseur des Verfahrens profiliert und deutsche Siegerjustizbedenken zerstreut hatte, schilderte sie ihrem heimischen Publikum unverblümt und grimmig. Das kam bei der Chefredaktion nicht gut an, die Flanner umgehend durch Rebecca West (1892–1983) ersetzte.

Die legendär exzentrische britische Schriftstellerin war als frühere Geliebte von H. G. Wells und kon­troverse Reporterin eine ebenso schillernde Figur wie die feministische Ikone Flanner. West stellte gleich unumwunden klar: »Das Symbol von Nürnberg war ein Gähnen.« Die lange Prozessdauer (218 Verhandlungstage) und die Isolation auf engem Raum (der heute als Museumsort genutzte Saal 600 platzte aus allen Nähten) lähmten tatsächlich alle Beteiligten. Vor dem Gedränge im Press-Camp auf Schloss Stein vor Nürnbergs kaputten Toren floh Rebecca West so oft wie möglich in die Villa des amerikanischen Hauptrichters Francis Biddle, mit dem sie eine Affäre begann. Doch der Titel ihres Essays »Gewächshaus mit Alpenveilchen« ist wiederum vom Camp-Gelände inspiriert. Dort hatte sie einmal den Schlossgärtner getroffen, der von der Ostfront mit nur noch einem Bein zurückgekehrt war und nun für seinen Lebensunterhalt Blümchen als Souvenirs für die Prozesstouristen züchtete.

Die antifaschistische US-Kriegsreporterin Martha Gellhorn (1908–1998), Gefährtin und Konkurrentin von Ernest Hemingway und weitgereiste Chronistin des Zweiten Weltkriegs – sie war als einzige Journalistin beim D-Day in der Normandie dabei gewesen und hatte das KZ Dachau kurz nach der Befreiung durch die Alliierten gesehen –, kam erst zur Urteilsverkündung nach Nürnberg. »Ein ganzes Volk, das sich vor der Verantwortung drückt, ist kein erbaulicher Anblick«, hielt sie sarkastisch in ihrem Bericht »Pfade des Ruhms« für Collier’s fest.

Jede der drei Reporterinnen kultivierte in Nürnberg ihren je eigenen literarischen Sound, wobei Gellhorn für ihre Verhältnisse erstaunlich konventionell und kurzatmig blieb. Aber »alle sahen sich außerstande, die Deutschen nicht zu hassen«, wie Klaus Bittermann in seinem bio-/bibliographischen Nachwort festhält. Seine Einschätzung, die drei Frauen seien sich in Nürnberg nie begegnet, ist bei West und Gellhorn allerdings höchst unwahrscheinlich, denn beide waren bei der Urteilsverkündung anwesend und kannten sich bereits von früher. Dass es ein eher pikantes Wiedersehen gewesen sein dürfte, hat Gründe, die man in Uwe Neumahrs materialreichem Buch »Das Schloss der Schriftsteller« nachlesen kann.

Beigegeben sind diesem informativen Sammelband auch einige zeitgenössische Fotos von Lee Miller sowie ein Vorwort von Ingo Müller, der »Robert Jacksons Weg nach Nürnberg« nachzeichnet und die historische Rolle der Justiz beim Hauptkriegsverbrecherprozess im Hinblick auf das internationale Völkerrecht einer kritischen Würdigung unterzieht.

Janet Flanner/Rebecca West/Martha Gellhorn: Im Herzen des Weltfeindes. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Reportagen. Edition Tiamat, Berlin 2026, 224 Seiten, 22 Euro

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