Eine diebische Freude
Von Andreas Schäfler
Und da lugmeier / dea se auf / dschenkel klatscht / wenna an da bank / vorbeifahrt« lautet die letzte Strophe des autobiographischen Gedichts »i«, das 1998 als wunderschöne kleine Edition im Berliner Verlag Ackerpresse erschien. Nun hat der elende Schnitter dem Schriftsteller und pensionierten Bankräuber Ludwig Lugmeier, der beim Schreiben nurmehr selten in sein oberbayrisches Idiom verfiel, am 9. März auf dem Nachhauseweg vom Schachspiel im Park aufgelauert und den 76jährigen umgemäht. Er konnte nicht mal mehr den an seinen Begleiter gerichteten Satz zu Ende bringen.
Und kann schon gar nicht die erst kürzlich neu sortierten Schreibvorhaben weiter abarbeiten, die halb bedrohlich und ganz verlockend nach Fünfjahresplan aussahen. Ein Schnellschreiber war er nie, ein beharrlicher Arbeiter aber immer schon – und zuletzt wieder über sein erstes großes Werkstück gebeugt: Der Roman »Wo der Hund begraben ist« (Stroemfeld/Roter Stern, 1992) sollte eventuell in einer Neufassung erscheinen und dann vielleicht besser »Morast« heißen oder doch eher »Sumpf«? Ludwig lektorierte also Lugmeier, klopfte ihm hier auf die Schulter, schalt ihn da einen Stümper, rang Satz für Satz um weitere Verknappung und um noch schärfere Präzision in den kniffligen Details. In dem Buch hatte Lugmeier seinen Herkunftsort aus der Perspektive eines bayerischen Knechts beschrieben und sämtlichen Assoziationen von Postkartenmotiven oder Blaue-Reiter-Idyllen, die bei der Nennung von Kochel am See aufkommen mögen, mit drastischen Wahrheiten aus der eigenen Kindheit den Garaus gemacht, indem er die Frage stellte: Wie lange dauert der Krieg, wenn er aus ist?
Lugmeier war im Kocheler Ortsteil Urfeld aufgewachsen, einem Hort von Naziungeist (Baldur von Schirach u. a.), Weltgeist (Lovis Corinth, Werner Heisenberg) und alpenländischem Katholizismus, unweit der Kesselberg-Passtraße nach Süden, über die der kleine Ludwig unverfroren bis runter nach Palermo ausbüxte, von der Mafia aber nicht genommen wurde. Also wieder zurück nach Hause, paar eigene Dinger gedreht, Jugendarrest, größere Dinger gedreht, München-Corneliusstraße: der erste richtige Knast, ein Anfang war gemacht. Einiges von dem, was bald im Nachgang zu bewaffneten Bank- und Geldtransportüberfällen folgte, darf man getrost zur hohen Schule zählen. So ließ Lugmeier die polizeiliche Ringfahndung meist mit nichts als Schläue ins Leere laufen, seinen Fluchtbewegungen waren von einer geradezu anmutigen Choreographie aus Verharren und Hakenschlagen – eine Methode, die er auch als, sagen wir, Schreibtischtäter weiter anwenden sollte.
Nach dem Achtungserfolg mit dem »Hund« versuchte Lugmeier in der Autobiographie »Der Mann, der aus dem Fenster sprang« (Kunstmann, 2005), »die zwei Bilder, die von mir in der Öffentlichkeit existieren – Gangster und Schriftsteller«, literarisch zur Deckung zu bringen. Publikum und Kritik gingen vor seinem Stoff in die Knie, erlagen seinem Sound und feierten das faire Unentschieden zwischen Dichtung und Wahrheit. Ein deutscher Autor, der Abenteuer erlebt und obendrein noch etliche Gefängnisbibliotheken leergelesen hatte! Lugmeiers dritter größerer Brocken war der Faktenroman »Die Leben des Käpt’n Bilbo« (Verbrecher, 2017) über die Berliner Jahrhundertfigur Hugo Cyril Kulp Baruch, einen seiner Leitsterne. Aber auch in zahlreichen kleineren Buchveröffentlichungen, Zeitschriften- und Zeitungsbeiträgen (u. a. auch für die junge Welt) zeigte sich sein literarisches Naturtalent, wurden die Schrecken und die Wunder der Welt vermessen, wetteiferten die Farben mit den Tönen und Gerüchen um das letzte Wort. Daneben las er weiter wie ein Berserker, wieder und wieder die großen toten Autoren, stöberte dann und wann aber auch in der Produktion des Nachwuchses, eine Jovana Reisinger etwa entging ihm nicht.
Manchmal wollte er wissen, ob eine bestimmte Metapher passe: »Die Bänke sind hohlgekniet vor lauter Demut.« Schon banger die seltenere Frage, ob die Statik eines ganzen Kapitels stimme. Wenn es da eng wurde, holte er Gegengutachten ein, wozu sonst hat man gute Kollegen? Man traf ihn im »Diener« oder auch mal im »Froschkönig«, wo er lange als Stummfilm-Conférencier wirkte. Verlassen konnte sich Ludwig Lugmeier auf einige unverbrüchliche Lebens-, anregende Künstler- und herausfordernde Schachfreundschaften. Ansonsten war er sich und den beiden Katern in seiner Berliner Räuberhöhle selbst genug. Eine andere deutsche Stadt wäre für ihn nicht in Frage gekommen, er kannte die meisten ja aus seinem alten Beruf. Aber nach meinem Umzug nach Nürnberg befahl er mir, umgehend in der Lorenzkirche nachzusehen, ob die Figuren des Bildschnitzers Veit Stoß noch immer ab und zu mit den Augen zwinkern.
Diese diebische Freude, wenn ihm etwas besonders gut gelang, und sei es beim Kochen: Ein Lächeln umspielte erst seinen Mund, verschmitzte dann zunehmend sein kugelrundes Gesicht und schüttelte schließlich den ganzen Mann. So und nicht anders möchte man Ludwig Lugmeier in Erinnerung behalten.
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