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Aus: Ausgabe vom 14.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Musik

Ein früher Freak

Das Trio Reverso spielt Musik im Geist von Erik Satie
Von Andreas Schäfler
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Poesie, Absurdität, Provokation: Das Trio Reverso

Wie hielten es die Dada-Künstler eigentlich mit der Musik? Wo sie die Welt in Wort und Bild so kühn veräppelten, nahmen sie beim Ton erstaunlich lange zu ziemlich sittsamem Material Zuflucht. Wenn Tzara, Arp, Huelsenbeck & Co. Anfang des 20. Jahrhunderts bei ihren umstürzlerischen Soireen zunächst in Zürich und Berlin nicht gerade selbst an unsichtbarer Geige oder an der Kesselpauke dilettierten, brachten sie zwischen ihren verbalen Attacken erstaunlich brave Begleitmusik zu Gehör. Hugo Ball trug am Klavier etwa die 13. Ungarische Rhapsodie von Liszt oder eine Humoreske von Max Reger vor. Schon etwas verwegener wurde es wenig später in Paris, als Picabias Schwägerin Marguerite Buffet brandneue Ragtimes oder ein Stück von Schönberg intonierte. Doch es dauerte, bis die Dada-Bande die Musik von Erik Satie für sich entdeckte, der seine Kompositionen ebenfalls »mit Witz, Licht und Grütze«, aber bereits eine halbe Generation davor gegen überkommene Konventionen in Stellung gebracht hatte.

Satie (1866–1925) war ein durchaus ernsthafter Tonkünstler, wandte sich mit den »Gymnopédies« und den »Gnossiennes« schon früh gegen den Schwulst von Richard Wagner, stichelte auch mal in Richtung seines Freundes Débussy und gab als langhaariger Zausel in den Varietés von Montmartre gern den Bürgerschreck. Sein Stück »Vexations« besteht aus einem einzigen prägnanten Motiv, das laut Spielanweisung 840 Mal wiederholt werden soll (und erstmals 1963 von John Cage in dieser Form aufgeführt wurde), es war eine Vorwegnahme von Minimal Music und Performance-Art. In den damaligen Pariser Künstlerkreisen genoss Erik Satie bald hohe Anerkennung und arbeitete mit Jean Cocteau, Pablo Picasso und dem Impresario Sergei Diagilew zusammen, schaute aber lebenslang auch tief ins Glas und starb mit 59 Jahren an Leberzirrhose.

Saties Kompositionen faszinieren seit langem insbesondere Jazzmusiker und Improvisatoren, die diverse Cover­versionen und ganze Alben mit Neuinterpretationen veröffentlicht haben. Auch Brian Eno nahm mit seinen Ambientexperimenten auf Saties »Musique d’ameublement« Bezug. Die Formation Reverso schöpft nun mit »Between Two Silences« eine ganz neue Musik im Geiste Erik Saties. Von den Mitgliedern des Trios hat es hierzulande nur der französische Cellist Vincent Courtois zu einiger Bekanntheit gebracht, sein Landsmann Frank Woeste am Klavier und der amerikanische Posaunist Ryan Keberle waren mir bisher nicht untergekommen. Ihr gemeinsames Projekt schließt an ihre Tributalben für Maurice Ravel und das Kollektiv Lex Six (Georges Auric, Darius Milhaud, Francis Poulenc u. a.) an, die ihrerseits stark von Satie beeinflusst waren.

»Mich haben Saties Umgang mit Raum, sein langsamer harmonischer Rhythmus, sein Sinn für Humor und seine skurrile, aber wunderschöne Musik fasziniert«, sagt Posaunist Keberle über die Kompositionen, die er für »Between Two Silences« beigesteuert hat, »ich finde, dass man vielen dieser Eigenschaften auch in der Musik von Thelonious Monk begegnet.« Pianist Woeste ergänzt: »Saties Werk zeichnet sich durch eine seltene Balance zwischen Klarheit und Geheimnis aus. Hinter der scheinbaren Einfachheit verbirgt sich eine emotionale Mehrdeutigkeit und eine stille Radikalität, die sich noch immer modern anfühlt.« Woestes Stücke »Tanz der Uhren ohne Zeiger« oder »Walzer der Hüte ohne Köpfe« spielen auch mit Worten auf Satie an, der viele seiner Kompositionen ähnlich ironisch betitelte, eine heißt zum Beispiel »Schlaffes Präludium für einen Hund«. Cellist Courtois verweist auf Saties »Poesie, Absurdität und Provokation – diese drei Elemente versuchte ich besonders in den improvisierten Momenten im Auge zu behalten.«

Auf diesem außergewöhnlichen Album erklingt also kein Jazz und keine Neoklassik, es ist weder Ambient noch Avantgarde verpflichtet, sondern unternimmt eine originelle Wiederbelebung von Satie mit zeitgenössischen Mitteln. Es steckt ein unwiderstehlicher Zug in dieser Musik, wie man ihm in den etablierten Genres selten begegnet.

Reverso: »Between Two Silences« (Alternate Sound Records/The Orchard)

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