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21.04.2026
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Vertrau mir
Ganz schön artistisch: Das Debütalbum »Faces« von Jazzsängerin Kateryna Kravchenko und Vibraphonist Arthur Clees
Musikalisch gemeinsame Sache zu machen mit wenig mehr als Gesang und Vibraphon, setzt Ideenreichtum und Risikobereitschaft voraus. Es heißt aber auch, sich fortwährend eng und konzentriert aufeinander abzustimmen. Kateryna Kravchenko hat auf dem gemeinsamen Debütalbum »Faces« mit Arthur Clees keine Skrupel, sich mit ihrer Stimme zu exponieren, in kühnen Schlaufen schraubt sie sich empor und rast im Sturzflug wieder runter, manchmal ergeht sie sich aber auch gemessenen Schrittes in klangvollem Sprechgesang. Meistens simultan dazu schaltet sich Clees am Vibraphon ein und bleibt der Sängerin durch den ganzen Parcours mühelos auf den Fersen, nach Bedarf betont oder dämpft er mit dem Pedal sogar einzelne Silben des gerade verwendeten Gesangstextes.
Hermann Hesses Gedicht »Manchmal« intoniert die Sängerin auf deutsch: »Meine Seele wird Baum / und ein Tier und ein Wolkenweben. / Verwandelt und fremd kehrt sie zurück / und fragt mich. Wie soll ich Antwort geben?« Clees hüllt solch filigrane Poesie in ein minimalistisches Klanggewand und findet auch schlüssige Begleitungen für Zeilen von William Carlos Williams und Robert Creeley oder für »Sam Na Sam« (Allein) von Kravchenkos ukrainischem Landsmann Wassyl Stus (1938–1985), das sie im Original singt, mit Pausen zwischen den einzelnen Wörtern.
Die ukrainische Sängerin und der luxemburgische Vibraphonist lernten sich 2023 beim Studium in Dresden kennen. Anlass für die Gründung ihres Duos war ein Kompositionskurs mit dem Titel »Krieg oder die Abwesenheit des Friedens«, wo Musik und Literatur als Kraftquellen für kreativen Widerstand gegen Unterdrückung erforscht wurden. »Kravchenko und Clees tauchen tief in die Wortbilder der Gedichte ein«, schreibt die Jazzpublizistin Maxi Broecking im Begleittext des Albums, »und übersetzen sie in eine tonale Poetik, in der Improvisation mit den feinen Verästelungen des gemeinsam geformten Materials zusammenfließt. Die Kompositionen entwickeln sich im Zusammenspiel als Collage aus Material, das ergänzt, geformt oder verworfen wird.« Sie kommen indes ohne Notation aus, wie Arthur Clees ergänzt, sondern entwickeln sich dank viel gegenseitigem Vertrauen ganz nach Gehör.
»Faces«, den Titelsong des Albums, gibt es gleich in zwei Fassungen: als intimes Duett und als frei improvisierte Trioversion mit dem Schlagzeuger Samuel Dietze. Kravchenko und Clees üben sich sonst vor allem in Bescheidenheit und optimieren spielerisch die Ökonomie der Duobesetzung – unter konsequentem Verzicht auf feste Formen oder Genregepflogenheiten. Da zettelt das Vibraphon mal einen kleinen rhythmischen Tumult an, um dann im Handumdrehen exakt punktierte Gongschläge zu simulieren. Die gemeinsamen Lautmalereien aus flüchtigen Wort- und Klangfragmenten bekommen schließlich durch eine geschmackvolle Postproduktion noch den passenden Rahmen: Wanja Slavin hat da und dort behutsam mit Klavier, etwas Elektronik und, jawohl, mit Kirchenorgel (Janne Nicolas) abgeschmeckt.
Kravchenko und Clees lassen lauter nie gehörte Melodien erklingen, die ihnen aus allen Himmelsrichtungen zuzufliegen scheinen. Das ist alles sehr originell, aber nie verstiegen oder selbstgefällig. Und es spürt nicht nur der »radikalen Einsamkeit« (Creeley) in Zeiten von Krieg, Terror und Trauer nach, sondern korrespondiert bei offener Balkontür auch ganz hervorragend mit dem hochtourigen Gezwitscher und Geschnatter der Vogelwelt. Und mit dem einen oder anderen Martinshorn.
Kateryna Kravchenko & Arthur Clees: »Faces« (Unit Records)
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