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Musik

Mit Flip-Flops im Rolls-Royce

»Als die Boxen in den Bäumen hingen«: Die vergnügliche Autobiographie des Musikproduzenten Chris Blackwell

Foto: Moebius/Avant Verlag

Gesundheit, Geld und Glück sind, wie man weiß, sehr ungerecht verteilt auf der Welt. Chris Blackwell ist Gründer und jahrzehntelang Betreiber der Plattenfirma Island Records, seine Vita schillert in allen Farben. Nun widmet er sich der autobiographischen Rückschau, und entgegen dem Trend, dass solche Bücher kaum mehr übersetzt werden, legt ­Matthes & Seitz vier Jahre nach dem Original erfreulicherweise eine deutsche Fassung vor.

Was da nicht alles auf eine Kuhhaut passt! Schon der deutsche Titel (die englische Ausgabe heißt schlicht »The Islander«) hat einen märchenhaften Zug, und die knapp 400 Seiten lesen sich wie von einem hochstaplerischen Romanautor erdacht. Dabei sind die Fakten verbrieft: Dieser Mann hat nicht nur ein halbes Jahrhundert Rock- und Popgeschichte geprägt, sondern auch noch als Film- und Rumproduzent, als Hotelier und Grundstücksentwickler gewirkt – und dabei, wann immer möglich, von irdischen Paradiesen aus operiert.

Das ging schon in der elterlichen Kolonialistenvilla auf Jamaika los, wo der 1937 in London geborene Chris Blackwell als Sohn einer schwerreichen Palmölerbin (der nach ihrer frühen Scheidung zunächst der Rabauke Errol Flynn und dann, wesentlich erfolgreicher, James-Bond-Erfinder Ian Fleming den Hof machten) nach der Devise »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern« bzw. mit den Rasta-Bengeln aufwuchs – und mit 18 ausgerechnet von einheimischen Rastafaris gerettet wurde, als er nach einem missglückten Bootstrip anderthalb Tage durch Mangroven-Sümpfe geirrt war und sich halb verdurstet zu einer schäbigen Hütte durchgeschlagen hatte. Nicht von ungefähr hat Blackwell diese folgenreiche Fügung seinem Buch als Prolog vorangestellt.

Der junge Abenteurer wurde umgehend auf Eliteschulen nach England geschickt, die er eine nach der anderen verließ und lieber sein Talent als Geschäftsmann ausprobierte. Einem Londoner Elektrohändler lieferte er, für den besseren Absatz von Plattenspielern an die heimwehkranke karibische Kundschaft, aus Kingston importierte Singles. Auf Jamaika jagte der angehende Entrepreneur, Ska und Reggae waren noch nicht erfunden, nach Mastertapes von lokalen Mento-Bands und jobbte als Jukebox-Bestücker. Es war die Zeit, »als die Boxen in den Bäumen hingen«, laut ballernde Soundsystems in Mode kamen (»Plattenspieler, Röhrenverstärker und klobige Lautsprecher, verbunden durch eine klassisch jamaikanische Neuverkabelung aus Technologie und Tradition«), und Jamaikas politische Unabhängigkeit schon vernehmlich an die Tür klopfte. In Chicago wiederum beobachtete Blackwell, wenn er seinen emigrierten Vater besuchte, den gerade beginnenden Blues-Boom. Warum also nicht selbst ein Plattenlabel gründen, zumal das Start­kapital ja kein Problem darstellte? 1959 hob er Island Records aus der Taufe, eroberte mühelos die jamaikanischen Charts, machte 1962 nach einem Intermezzo als Locationscout und Produktionsassistent beim ersten Bond-Film »007 jagt Dr. No« ein Büro in London auf und landete mit Millie Smalls »My Boy Lollipop« seinen ersten Welthit.

Dann ging es Schlag auf Schlag, ­viele Treffer, ein paar Fehlschüsse (Pink Floyd etwa verschlief Blackwell), aus Platzgründen muss es hier ein kleines Namedropping richten: Spencer Davis Group, Steve Winwood, Traffic, Nick Drake, John Martyn, Fairport Convention, Roxy Music, Jimmy Cliff, Tom Waits usw. – den Phänomenen Cat Stevens, Bob Marley, Grace Jones und U2 sind eigene, sehr aufschlussreiche Kapitel gewidmet. Unter einen Hut zu kriegen war dieser Flohzirkus aber nur, weil Blackwell als fürsorglicher Manager keine Unterschiede zwischen Superstars und kleineren Lichtern machte, weil er innerbetrieblich als Primus inter pares großzügig delegierte – und weil er mit Konkurrenten smart aber auch äußerst clever zu verhandeln wusste. So erhielt Island Records seinen Independent-Charme selbst dann noch aufrecht, als das Label gefühlt schon zu den Majors zählte. 1977 hatte Blackwell als weitere Operationsbasis mal eben das todschicke Compact-Point-Studio auf den Bahamas eröffnet, wo sich bald auch außermusikalische Prominenz einfand und z. B. der damals noch recht unbescholtene Elon Musk am Pool herumlungerte.

Als junger Kerl hatte sich Blackwell eine Zeitlang auch als Laufbursche für den englischen Gouverneur auf Jamaika nützlich gemacht. Zwanzig Jahre später engagierte er dessen Sohn Benjamin Foot »als Betreuer für eine sehr entschlossene Gruppe, die ich gerade für mein Label unter Vertrag genommen hatte. Sie wurden die Wailers genannt und ihre Mitglieder waren Bob Marley, Peter Tosh und Bunny Wailer. Benjamin war ungefähr genauso Mädchen für alles für die Band, wie ich es für seinen Vater gewesen war. (…) Mir selbst wurde immer wieder mal die Entdeckung von Bob Marley zugeschrieben, aber, wie es bei Bob immer hieß, er entdeckte eher mich.« Marleys eigensinnigen Reggae entscheidend einzuschwärzen und als neuen Rockstil weltweit durchzusetzen war dann aber eindeutig Blackwells Verdienst.

Für einen natural born Paradiesvogel gibt der Mann in seiner Lebensbeichte erstaunlich wenig Privates preis, und auch mit popkulturellen Anekdoten geizt er ziemlich. »Die Lektüre fühlt sich wie ein ziemlich langes, aber sehr vergnügliches Business-Meeting mit Chris Blackwell an«, vermerkt Christoph Becker in seinem Vorwort. Richtig redselig wird der rüstige Autobiograph nur bei schicken Autos, ein Faible, das wohl auf eine einschlägige Begegnung mit Miles Davis zurückgeht: »Als Frees ›All Right Now‹ 1970 ein Hit wurde, haute ich meinen Geldsegen für ein sportliches schwarzes Zweisitzer-Coupé von Mercedes auf den Kopf, das ich direkt aus Deutschland importiert hatte.« Für Landpartien wiederum bevorzugte er seinen extra leisen Rolls-Royce, auch so etwas ging damals locker als Rock-’n’-Roll-Statement durch. Dass sich Bob Marley mit einem BMW zufriedengab, erklärt Blackwell mit den stimmigen Initialen (Bob Marley Wailers) der Bayerischen Motoren Werke. Stoff für ein paar Schwänke mehr hätte es durchaus gegeben, man denke nur an das von Jimmy Buffett kolportierte Abenteuer mit Blackwell, Bono und Familie an Bord seines Wasserflugzeugs, das – wahrscheinlich aus heiterem Himmel – von der jamaikanischen Küstenwache beschossen wurde. Die vermeintlichen Drogenkuriere blieben dem Vernehmen nach unverletzt, und die durchlöcherte Maschine soll noch heute als Deko in Buffetts »Margaritaville Café« in Orlando zu bestaunen sein.

Nein, als Großmaul produziert sich Blackwell hier wahrlich nicht, auch wenn er vielleicht ein paar Mal zu häufig erwähnt, dass er fast ausschließlich in Flip-Flops durchs Leben ging und (zumindest bis zur Drucklegung der englischen Originalausgabe) besser zu Fuß blieb als manch halb so alter Zeitgenosse. Und schon 2022 äugte er reichlich skeptisch zu einigen Kollegen im Milliardärsklub rüber. Im Direktvergleich mit Musk, Jeff Bezos und Virgin-Boss Richard Branson, »die ihren Juckreiz ständig befriedigen und ihre Imperien erweitern müssen«, steht Chris Blackwell als der entschieden Sympathischere und Glaubwürdigere da. Wenn nicht gar als Weltverbesserer.

Chris Blackwell (mit Paul Morley): Als die Boxen in den Bäumen hingen. Die unglaubliche Geschichte von Island Records. Aus dem Englischen von Jan Szlovak. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026, 380 Seiten, 28 Euro

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Beilage vom 18.03.2026, Seite 17, Feuilleton

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