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02.04.20263 Leserbriefe
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Vertrauen gleich null
US-Präsident verstärkt trotz vermeintlichen Willens zu Verhandlungen Militärpräsenz gegen Iran drastisch. Teheran sieht keine Basis für Gespräche und ist bereit für Eskalation
Der US-amerikanische Militäraufmarsch gegen Iran nimmt weiter an Fahrt auf. Am Dienstag lief der Flugzeugträger USS »George H. W. Bush« aus und soll zusammen mit drei Zerstörern in den Nahen Osten verlegt werden, wie zwei US-Offizielle der Agentur AP mitteilten. Die Trägerkampfgruppe besteht aus mehr als 6.000 Marinesoldaten. Währenddessen treffen auch Tausende Soldaten der 82. Luftlandedivision in der Region ein. Wo genau die Eliteeinheit, die dafür ausgebildet ist, mit dem Fallschirm in feindliches oder umkämpftes Terrain abzuspringen, um wichtige Gebiete zu sichern, stationiert wird, ist nicht bekannt – der Zielort unterliegt militärischer Geheimhaltung. Am Sonnabend waren zudem 2.500 Marinesoldaten in der Region eingetroffen, laut AP wird noch mal die gleiche Anzahl aus Kalifornien entsandt. Bereits jetzt umfasst die Streitmacht Zehntausende US-Soldaten in der Region.
Verteidigungsminister Pete Hegseth ließ die Frage nach einem möglichen Bodeneinsatz in Iran derweil demonstrativ offen. Man könne keinen Krieg gewinnen, wenn man dem Gegner mitteile, was man zu tun bereit sei und was nicht, sagte er vor Journalisten. Die Verlegung von Fallschirmjägern, Marineinfanterie und Trägerverbänden weist auf eine deutliche Ausweitung der militärischen Optionen hin. »Unser Gegner glaubt derzeit, dass es 15 verschiedene Möglichkeiten gibt, wie wir mit Bodentruppen gegen ihn vorgehen könnten. Und wissen Sie was? Die gibt es tatsächlich«, so Hegseth.
Währenddessen setzt Iran seine Angriffe fort – mit klarem Muster: Im Fokus stehen Energie- und Wirtschaftsinfrastruktur in den Golfstaaten mit US-Militärpräsenz sowie dortige US-Militärbasen. So wurden am Mittwoch Treibstofftanks am internationalen Flughafen in Kuwait getroffen, in Bahrain eine Industrieanlage beschädigt und ein von Qatar Energy gecharterter Öltanker in katarischen Gewässern durch einen Marschflugkörper getroffen. Das saudische Verteidigungsministerium teilte mit, dass mehrere Drohnen »abgefangen und zerstört« worden seien. Angaben zu Verletzten gab es nicht. In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) soll ein bangladeschischer Staatsbürger durch eine Explosion in Fudschaira nach dem Abfangen einer Drohne getötet worden sein. Der Hafen der Stadt ist ein wichtiger Umschlagplatz für emiratisches Öl.
Derweil bleiben die Signale aus Washington widersprüchlich. Gegenüber Reuters erklärte US-Präsident Donald Trump am Mittwoch, die Vereinigten Staaten würden »ziemlich schnell aus dem Iran abziehen« und könnten bei Bedarf für »gezielte Angriffe« zurückkehren. Am Mittwoch abend wollte Trump in einer Ansprache an die Nation ein »wichtiges Update zu Iran« liefern. Zeitgleich behauptete er über seinen Kurznachrichtendienst »Truth Social«, dass der »Präsident des neuen Regimes« um eine Waffenruhe gebeten habe. Das werde man erst in Erwägung ziehen, wenn die Straße von Hormus wieder offen sei, schrieb Trump. »Bis dahin werden wir den Iran in die Vergessenheit sprengen oder, wie man so schön sagt, zurück in die Steinzeit!!!«
Damit laufen Gesprächssignale und Eskalationspolitik gewohnt parallel. Teheran hält dagegen weiterhin an seiner Linie fest. Außenminister Abbas Araghtschi hatte im Interview mit Al-Dschasira am Dienstag zwar direkte Kontakte zu dem US-Gesandten Steve Witkoff bestätigt, Verhandlungen jedoch zurückgewiesen. Das Vertrauen gegenüber Washington liege bei null; als Beleg verwies er auf den US-Ausstieg aus dem Atomabkommen. Teheran fordert ein vollständiges Ende aller Angriffe in der Region, nicht nur eine Waffenruhe für Iran. Auf Trumps Aussage hin erklärte dann am Mittwoch der bereits seit 2024 amtierende Präsident Irans, Massud Peseschkian, man sei bereit, eine Waffenruhe zu akzeptieren, wenn man im Gegenzug Sicherheitsgarantien erhalte. Auf einen möglichen US-Bodenangriff reagierte Araghtschi knapp: »Wir warten auf sie.«
China und Pakistan haben derweil in Beijing einen gemeinsamen Fünfpunkteplan vorgelegt, der unter anderem eine sofortige Feuereinstellung, Schutz ziviler Infrastruktur, freie Schiffahrt durch die Straße von Hormus und das Primat der UN-Charta einfordert, wie Xinhua am Mittwoch berichtete. Ob der Vorstoß mit den laufenden US-Vermittlungsbemühungen über Pakistan koordiniert ist, blieb zunächst unklar. Während Islamabad und Beijing an einer diplomatischen Lösung arbeiten, drängen die Vereinigten Arabischen Emirate unter eigener möglicher Beteiligung auf eine gewaltsame Öffnung der Straße von Hormus durch die USA. Wie ein emiratischer Offizieller dem Wall Street Journal sagte, sei das Ziel eine entsprechende UN-Sicherheitsratsresolution für einen solchen Militäreinsatz.
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Onlineabonnent*in Ulf G. aus H. 3. Apr. 2026 um 16:31 UhrTarnen, Tricksen, Täuschen, das gehört seit Jahrtausenden zur Kriegstaktik, wie man etwa bei Sun Tsu (Die Kunst des Krieges, Kapitel 1) nachlesen kann. Getäuscht und belogen werden dabei nicht nur die Gegner, sondern auch die eigenen Leute (Sun Tsu 11.Kapitel); auch Allah nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, wenn es dem Kriegsglück seiner Kämpfer dient (Koran 8,43f). Bei Trump gehe ich davon aus, dass er bewusst lügt und sich dabei vermutlich für einen intelligenten Dealmaker hält. Ihm Vertrauen entgegenzubringen, wäre da große Dummheit. Für stabile friedliche Beziehungen gilt indes etwas anderes als für Krieg. Frieden gibt es nur durch Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und gerechten Interessenausgleich. Wo auch andere westliche Führer ihre Völker nach Strich und Faden belügen und etwa Hinweise auf russische Interessen und Argumente mit schwersten Sanktionen gegen die betreffenden Journalisten belegen, zeigen sie ihre Friedensunwilligkeit, sie »beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen« (Jesaja 29,21) und setzen statt dessen auf Wahrheitsverdrehung und Wunschdenken (»Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schauet, was das Herz begehrt!« Jesaja 30,10). Dabei rät selbst der Kriegsstratege Sun Tsu am Ende seines Buches dazu, auch im Krieg doch bitte den Frieden vorzubereiten. Die notorische westliche Verlogenheit und Ignoranz gegenüber Interessen eines Gegners sind da leider hochgefährliche Hindernisse. Jeder kann sich Koran und Bibel herunterladen und dort Worte wie Verleumder und verleumden oder Falschheit suchen. Koran und Bibel sind sich sehr weitgehend einig, dass Verlogenheit und Falschheit im zivilen Miteinander nichts verloren haben. Die Religionskrieger beider Seiten sollten da eigentlich in der Mitte bei Wahrheit und Gerechtigkeit zueinander finden können. Und zwar bei Gerechtigkeit für alle, auch und besonders für die Schwächsten, nämlich für die Palästinenser.
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Istvan Hidy aus Stuttgart 2. Apr. 2026 um 10:10 Uhr»Chaos schaffen und ›Fischen im Trüben‹« Der Irak-Krieg lässt sich kaum noch überzeugend als sicherheitspolitisches Fehlkalkül allein erklären. Zu offensichtlich ist, dass die enormen Kosten politisch zumindest teilweise durch indirekte Gewinne – Ressourcenzugang, wirtschaftliche Einflussnahme und geopolitische Neuordnung – legitimiert wurden. Wer dies als bloße Verschwörung abtut, unterschätzt die strukturelle Logik moderner Machtpolitik. Militärische Eskalationen, wie aktuell im Iran, sind in diesem Kontext keine bedauerlichen Ausrutscher, sondern folgen einer Dynamik, die Instabilität nicht nur in Kauf nimmt, sondern faktisch produziert. Sie entziehen sich bewusst einer einfachen linearen Steuerung und schaffen stattdessen komplexe, kaum kontrollierbare Situationen. Genau darin liegt ihr strategischer Nutzen: Wo Ordnung zerfällt, entstehen Spielräume. In der Sprache der Chaostheorie genügt ein begrenzter Eingriff, um Prozesse in Gang zu setzen, die sich anschließend der Verantwortung ihrer Urheber entziehen. Der Irak ist hierfür kein warnendes Beispiel, das man übersehen hätte – er ist der Präzedenzfall. Die bis heute anhaltende Instabilität zeigt, dass zerstörte Ordnung nicht zwangsläufig ein Scheitern darstellt. Im Gegenteil: Sie erzeugt ein dauerhaft fragmentiertes Umfeld, in dem externe Akteure Einfluss ausüben können, ohne sich an stabile politische Strukturen binden zu müssen. Ein geopolitisches »Fischen im Trüben« ist unter solchen Bedingungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Vor diesem Hintergrund wirkt die offizielle Rhetorik von Stabilisierung und Ordnung zunehmend wie eine Fassade. Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich Dynamiken wie im Irak wiederholen könnten, sondern ob genau diese Dynamiken längst Teil des strategischen Kalküls sind. Instabilität wäre dann kein unbeabsichtigtes Nebenprodukt – sondern ein funktionales Instrument moderner Machtpolitik.
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Onlineabonnent*in Martin M. aus D. 1. Apr. 2026 um 22:11 UhrDie menschenverachtenden Handlungen der diktatorischen Fanatiker der iranischen Regierung gegen das eigene Volk sind nicht zu rechtfertigen und aufs äußerste zu verurteilen. Dennoch wehrt sich diese Regierung, die von der größten Militärmacht der Geschichte und dem »Rougue State« Israel angegriffen wird, gegen Militärstützpunkte und Auslandsinvestitionen ihres Gegners. Es ist eine Art der Kriegsführung, die dem Zeitalter der Globalisierung angepasst ist und die keiner der »üblichen« Strategien entspricht. Dieser Konflikt gleicht keinem anderen. Ein Lehrstück für künftige Kriege gegen übermächtige Gegner? Eine neue Art eines staatlichen Guerillakrieges? Oder auch eine Anpassung der Strategie von Sun Tzu?
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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