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Aus: Ausgabe vom 01.04.2026, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Genie

Von Felix Bartels
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Auch so einer: Einstein

Der Begriff hat kartesianische Struktur. Es geht um Kraft, es geht um Ausdehnung. Was befähigt Genie, woher hat es seinen Antrieb? Muss Universalität erreicht werden, oder reicht isoliertes Talent? Der Ausdruck leitet sich ab vom französischen génie und vom englischen genius, beide gehen auf die lateinischen genius (Schutzgeist) und ingenium (Begabung) zurück, die ihre Wurzeln wiederum im griechischen génos (Abstammung, Gattung) und gignesthai (entstehen, werden) haben. Die Etymologie deutet es an: Genie wird verstanden als inspiriert und schöpferisch, auf eine Weise, die sich profanen Erklärungen entzieht.

Kant definiert Genie als »Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel gibt«, und da Talent »als angeborenes produktives Vermögen … selbst zur Natur gehört«, sei Genie »die angeborene Gemütsanlage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt«. Eine innere Leitung also, die tradierten Regeln nicht unterworfen scheint, vielmehr selbst, produktiv, Regeln hervorbringt, und ein äußerer Maßstab, eine Verbindung zu objektiven Gesetzmäßigkeiten der Welt.

Sturm und Drang hat von Kants Dialektik nur das erste Moment behalten. Das Originalgenie als schöpferische, in jeder Hinsicht freie, sich über gesellschaftliche Normen und Vorgaben der Vernunft erhebende Seele. Womit der Bezug zum Objektiven aus der Gleichung fiel und der Geniebegriff entweder tautologisch wurde oder theologisch begründet werden musste. Die Klassik restaurierte dagegen Kant, und tatsächlich hat Goethe den Prozess am eigenen Leib vollzogen. Der junge Goethe verstand Genie noch als Kraft, sich über Regeln hinwegzusetzen und aus sich selbst heraus schöpferisch zu sein. In der Architektur Italiens dann vermeinte er die Natur selbst am Werk zu sehen. Für den späten Goethe war Genie die Fähigkeit, Werke hervorzubringen, die »vor Gott und der Natur sich zeigen können«. Man kann sagen, dass es beim Geniebegriff der Klassik darum geht, objektive Struktur in subjektive zu übersetzen, während das Originalgenie im Sturm und Drang (und später der Romantik) solipsistische Züge hat. Spöttisch hielt Hegel, bei anderer Gelegenheit, fest: Den Seinen gebe der Herr es im Schlaf, und damit habe »jeder Schlafende sich zu den Seinen gezählt«.

Die Diagnose der Moderne, nach der die Zeit der Genies vorbei sei, hat ihren Grund vor allem im Kontext der Ausdehnung. Herausragende Befähigungen schließlich sind evident. Gleichwohl gehört zum Bild des Genies seit je das Vermögen, über den Tellerrand zu schauen. Man zögert, eine Inselbegabung als Genie zu bezeichnen. Universalisten bis zur frühen Neuzeit – Aristoteles, Aquin, Da Vinci, Melanchthon, Leibniz, Goethe oder Hegel – haben das Bild geprägt, während man zu Recht einwendet, dass Universalität in der unüberschaubaren Moderne unmöglich sei.

Der Polyhistor ist nur noch eine Erinnerung, auch Erinnerungen aber können produktiv werden. Im »allseitig entwickelten« Individuum bei Marx etwa, der dieses Ideal nur leider als realisierbaren Zustand setzte und damit gerade den Umstand ignorierte, dass die Hemmnisse der Moderne objektiv sind. Oder bei Hacks, der Genie in der Fähigkeit sieht, »den eigenen Weltzustand als fremden zu begreifen«, mithin die für allgemeingültig genommenen Tatsachen »als Stellen innerhalb eines Feldes von Möglichkeiten zu orten«.

In der Frage der Ausdehnung ist die der Kraft enthalten. Neben der Neigung nämlich, seine Nase in Dinge zu stecken, die einen nichts angehen, ist ein Vermögen erforderlich, das ohne Geniekult, Theologie oder Solipsismus bestimmbar scheint: Sagazität (auch eine Lieblingsvokabel von Kant übrigens). Das Universalgenie ist tot, Menschen aber, die eins hätten sein können, werden nach wie vor geboren. Holz, Chomsky, Kluge, vielleicht auch Gabriel, Dawkins, Dath wären Namen, die hier fallen müssten. Jeder hat nur ein Leben, doch lässt sich Universalität wenigstens als Haltung herstellen. Im Zeitalter seiner Ausgestorbenheit kann Genie als jemand bestimmt werden, der zu vielem einiges und zu einigem vieles beizutragen hat.

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