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Bischofsheim an der Rhön

Foto: jW

In unser Gespräch über weibliche Kurschatten schaltete sich die Besitzerin der Bahnhofsgaststätte ein: »Bei uns im Ort ist’s grad umgekehrt. Da schnappen sich die Ausländer die einheimischen Frauen. Meistens solche, die eine Kneipe geerbt haben.« Der alte Marktplatz von Bischofsheim an der Rhön wird von Traditionsgaststätten gesäumt, die wegen des Denkmalschutzes noch immer ihre alten Namen haben. Aber die »Sonne« ist heute ein chinesisches Restaurant, die »Frische Quelle« ein griechisches, der »Stern« ein italienisches und das »Brotzeitstüble« ein sächsisches.

Die Wirtin ist schon im Rentenalter, denkt aber nicht daran, die Bahnhofsgaststätte ihrer Tochter, die mit einem Russen verheiratet ist, zu übergeben. Wege der vielen Russlanddeutschen und ihrem Anhang in und um Bischofsheim gibt es dort inzwischen eine kleine orthodoxe Kirche.

Die Gaststätte der Wirtin ist als letztes Relikt des ehemaligen Bahnhofsviertels im heutigen Gewerbegebiet übrig geblieben. Es befindet sich gegenüber dem alten Bahnhofsgebäude. Darin haben sich die Baptisten eingemietet. Das Bahnsteigwaschbecken dient ihnen jetzt als Baptisterium. Wir machten uns auf die Suche nach dem alten Gleisbett. Von der Wirtin erfuhren wir, dass es nun ein Teil des Rhönradweges ist, der von Bad Salzungen in der Thüringischen Rhön bis nach Hammelburg im bayrischen Teil führt. Die nicht gerade zahlreichen Radfahrer hielten bei ihr aber nicht an. »Ich gehe trotzdem nicht weg«, sagte die Wirtin kämpferisch. »Wir sind in der sechsten Generation hier, und irgendwie wird es weitergehen.« Ihre Gaststätte umbenennen, wie der Wirt der Bahnhofskneipe in Gersfeld, die jetzt »Pedale« heißt, will sie auch nicht. Früher kamen immer die Lkw-Fahrer und zechten bis spät in die Nacht. Heute freut sie sich, wenn sie mal um zehn ins Bett kommt. Sie macht auf, wenn sie wach ist und nach unten geht.

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»Der Sachse« betrieb hier zunächst vor dem Supermarkt eine Imbissbude, bevor er in den Stadtkern zog, um das alte »Brotzeitstüble« zu übernehmen. So gerne würde die Wirtin da mal hingehen. Sie sei neugierig. Aber, wie der immer aus seinem Laden geschossen komme, um einen hineinzuzerren …, das könne sie nicht ertragen. »Der Grieche und seine Frau sollen sich übrigens scheiden lassen«, erfahren wir noch. »Und der Sachse will den Laden dann übernehmen«. Als wir am Nachmittag beim Sachsen einkehren, sitzt die Frau des Griechen am Tresen und erzählt ihm gerade: » Ich hab’ heut Nacht von dir geträumt!«

»Und wie war’s?« »Schrecklich!« »Warum?« »Ich seh’ dich doch schon jeden Tag! Und jetzt auch noch nachts. Das ist zuviel. Und dann ist in meinem Traum auch noch das ›Brotzeitstüble‹ abgebrannt und du hast dabei ein Bein verloren.« Was das bedeuten könnte, darüber schweigen die beiden sich aus.

In Bischofsheim stehen Holzskulpturen. Es gibt dort, ebenso wie im thüringischen Rhönort Empfertshausen, eine Berufsfachschule für Holzbildhauer. Die beiden Schnitzschulen in der Rhön gehörten zu den ersten ihrer Art, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet wurden, um der armen Landbevölkerung in den waldreichen deutschen Mittel- und Hochgebirgen winters eine Perspektive zu geben. Die Männer hatten bis dahin zumeist Gebrauchsgegenstände wie Löffel, Holzschuhe, Tabakpfeifen und Dreschflegel hergestellt, während die Frauen Hanf, Flachs und Wolle verarbeiteten sowie Stroh verflochten. Beim Verkauf ihrer Waren waren sie auf Hausierer bzw. Großhändler angewiesen. Von der Qualifizierung wenigstens der talentiertesten Jugendlichen erhoffte man sich eine Verbesserung der Lage der Kleinbauern und Knechte in der Rhön. Hüben wie drüben wurden jedoch pro Schuljahr nicht mehr als sechs Schüler aufgenommen.

In Empfertshausen stießen wir auf Tierplastiken, während in Bischofsheim biblische Motive überwiegen. Man arbeitet dort für die katholische Kirche und sogar für den Vatikan. Die einen wie die anderen Holzbildhauer bearbeiten heute ihre Stämme mit Motorsägen. In Empfertshausen verweigerte sich jedoch einer: »Ich bin Schnitzer und kein Waldarbeiter«, meinte er. In Bischofsheim, wo einige ehemalige Schüler leben, die sich als Holzbildhauer selbständig gemacht haben, gibt es dagegen mehrere, die ihre Aufträge von computergesteuerten Maschinen erledigen lassen, die zum Beispiel aus einer kleinen Madonna als Vorlage eine lebensgroße machen. Nur die Augen muss der Künstler noch mit der Hand nacharbeiten.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.03.2026, Seite 10, Feuilleton

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  • Wolfgang Gessner aus Bischofsheim in der Rhön 8. Apr. 2026 um 11:49 Uhr
    »Die Grenzen zwischen Journalismus und literarischer Autorschaft sind bei Helmut Höge fließend«, so Jörg Magenau (zit. nach Wikipedia). Im Artikel »Bischofheim an der Rhön – Wirtschaft als das Leben selbst« (junge Welt, 31.03.2026) haben wir es mit einer Erzählung »literarischer Autorschaft« mit journalistischem Outfit zu tun, die mir, dem unbedarften Leser, das Erscheinungsbild eines Ortes einredet, der so nicht existiert. Dies wäre belanglos, würde nicht eine Melange von Wirklichkeit und Erfindung präsentiert, in welcher beides nicht mehr separierbar ist.
    Der Betrug am Leser vollzieht sich darin, dass eine journalistisch dokumentierte Realität suggeriert wird, indem real existierenden Orten Begebenheiten und Personen zugeordnet werden – Begebenheiten, die sich so nie zugetragen haben, und Personen, die nie in der beschriebenen Weise in Erscheinung getreten sind oder jemals existiert haben.
    Es gibt keine Besitzerin der Bahnhofsgaststätte, sondern nur einen Besitzer. Die ehemalige Besitzerin des Lokals ist längst verstorben, ihre Tochter ist auch nicht »mit einem Russen verheiratet«. Man kann nur vermuten, dass sich Herr Höge die ihr in den Mund gelegten Sätze herbeihalluziniert hat. Die »Sonne« ist auch kein chinesisches, der »Stern« kein italienisches, sondern ein chinesisches und die »Frische Quelle«, die eigentlich »Pfaff‘s frische Quelle« heißt, ist kein griechisches Lokal, sondern der »King Döner«. Es gibt auch keinen Sachsen, der das »Brotzeitstüble« betreibt, sondern ein junges Ehepaar aus Linz. Da es keinen Sachsen gibt und keine Frau eines Griechen, weiß nur der Autor, wer wohl zu wem »Ich hab’ heut Nacht von dir geträumt« gesagt haben könnte.
    Die Aussage, dass pro Jahr nur sechs Schüler an der Holzbildhauerschule in Bischofsheim aufgenommen werden, ist ebenso unzutreffend wie die Behauptung, es würden »biblische Motive überwiegen«. Man »würde sogar für den Vatikan« arbeiten, ist ebenfalls eher dem Wunschdenken des Autors zuzuordnen.
    Um meinen Beitrag versöhnlich zu beenden, deute ich Herrn Höges Kolumne als misslungene Satire mit hineinphantasiertem Folklorekolorit über einen imaginären Ort mit dem Namen Bischofsheim und lade ihn gern zu einer Stadtführung ins reale Bischofsheim ein.
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