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Kurschatten

Foto: jW

Für einen lichtbildgestützten Vortrag über die »Rhön – eine Gebietskulisse« gelangte ich einmal nach Bischofsheim. In der Bahnhofsgaststätte erfuhren wir von einem Gast, der aus dem nahen Kurort Bad Brückenau herübergewandert war, dass nach einer langen Zeit der Flaute nun langsam wieder die Zahl der Kurschatten zunehme. In Bad Wildungen habe man bereits dem unbekannten Kurschatten ein Denkmal gesetzt und im Waldecker Land gäbe es einen »Kurschattenbrunnen«.

In Bad Brückenau, wo man 1847 Lola Montez, den spanischen Kurschatten von Ludwig I., äußerst schnöde behandelt hatte, setzte man ihr inzwischen ein Denkmal. Im Kursaalgebäude gibt es bereits einen Lola-Montez-Saal. Ihr ehemaliges kleines Haus, das der Bayernkönig ihr dort geschenkt hatte, war zu einer Art skandalösem Wallfahrtsort geworden, seitdem ein Urologe in einem der Fenstervierecke die eingeritzten Namen »Louis – Lolita« entdeckt hatte. 1916 machte der hessische Journalist (er wurde u. a. Kulturredakteur beim Völkischen Beobachter) und spätere Geheimdienstoffizier Heinz von Eschwege unter seinem Nom de Plume Heinz von Lichberg aus diesem Fund eine Erzählung mit dem Titel »Lolita«, und aus dieser machte dann Vladimir Nabokov seinen berühmten gleichnamigen Roman.

In Bad Neustadt, so erfuhren wir weiter, hätte eine Gruppe von arbeitslosen Frauen und Männern einen »Charming-Intelligence-Service« gegründet – eine Art Escortagentur speziell für Kurgäste –, aber es sei noch zu früh, um beurteilen zu können, ob sich dieses Geschäft auch lohne. Im vornehmen Bad Kissingen, wo einst Bismarck, Fontane und Tolstoi kurten und man inzwischen einen auf Weltbad mache – mit Prospekten auf japanisch, arabisch und russisch – seien auch die Kurschatten inzwischen nicht mehr nur Deutsche.

Für viele Kurbäder gelte, dass sich immer mehr thailändische Prostituierte aus deutschen Großstädten als Kurschatten dort niederließen. Das hatten wir auch bereits in Berlin gehört, wo die vielen thailändischen Bordelle plötzlich verschwunden waren und einige ihrer ehemaligen Freier, die als Journalisten arbeiteten, in dieser Richtung recherchiert hatten. Ich fragte einen, was es mit dieser Abwanderungswelle auf sich hätte. Er meinte, zum einen hätten die Osteuropäerinnen die thailändischen Prostituierten bereits in den 90er Jahren verdrängt, indem die deutschen und türkischen Freier scharf auf diese neuen Frauen gewesen seien, und zum anderen hätten die Freier in Berlin immer weniger Geld. In dieser Situation wären einige Thailänderinnen nach Westdeutschland gefahren, um sich dort umzusehen. Dabei hätten sie entdeckt, dass die alten und siechen Männer in den Kurorten fast die einzigen wären, die noch über nennenswerte Geldbeträge verfügten, und sich zudem auch oft einsam genug fühlen würden.

In den Kurorten würde man auf immer neue Behandlungen setzen. »Anwendungen« genannt, für alle Heilbadbesucher, die heil werden oder bleiben wollen. Die Kurärzte bieten dafür jede neue Trendtherapie an, wie man den Kurprospekten entnehmen könne. Aber die heutigen »Kurlauber« wollen für ihre Gesundheit weniger Badeärzte und deren Dienste in Anspruch nehmen, sondern eher lustig unterhalten werden und seien auch der sexuellen Wellness nicht abgeneigt. Nicht wenige Witwer würden den thailändischen »Kurschatten« auch gleich Heiratsanträge machen.

2003 erschien im Campus-Verlag die Studie »Heirat nach Deutschland« der Soziologin Pataya Ruenkaew, die nach Befragung von 50 deutsch-thailändischen Ehepaaren zu dem Resultat kommt, dass die Beziehungen zwischen jungen Thailänderinnen und älteren Deutschen eine »ausgeglichenere Bilanz« aufweisen als »romantische« deutsch-deutsche Ehen, weil dabei von vorneherein mit offenen Karten gespielt werde.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.03.2026, Seite 10, Feuilleton

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