Ladendiebstahl
Ich fuhr einmal zum Hermannplatz, um mir im dortigen Bauhaus eine Zeitschaltuhr zu kaufen. Vorher ging ich aber noch ins damalige Karstadt, wo ich bei Hugendubel ein dänisches Schmetterlingsbuch für 16 Euro erwarb, die ich dort an der Kasse gleich zahlte. Dann fuhr ich mit der Rolltreppe in die Lebensmittelabteilung, wo ich an der Fleischtheke ein Kalbsschnitzel kaufte. Danach ging ich zum Bauhaus schräg gegenüber. Kurz davor holte mich ein bärtiger Securitymann von Karstadt ein.
Er meinte, ich hätte nicht bezahlt. Ich zeigte ihm das eingepackte Schnitzel mit einem Aufkleber über 5,12 Euro. Er war verunsichert, blieb aber hartnäckig. Ich sollte wieder mit ihm zurück in die Lebensmittelabteilung kommen, wo ich ihn schon mal getroffen und gefragt hatte, ob es dort eine Fleischtheke gebe, was er aber nicht wusste: »Ich bin hier nur Security.«
Ich wollte nicht noch mal zurück zu Karstadt und sagte, er solle doch anrufen und das klären. Das tat er auch, bekam aber wohl keine befriedigende Antwort. Ich sagte: »Tut mir leid, aber ich gehe jetzt zum Bauhaus.« Er sagte, das ginge nicht: »Sie müssen mitkommen.« Ich blieb hartnäckig. Er telefonierte erneut. Als ich gehen wollte, sagte er: »Da drüben steht schon mein Chef, er kommt rüber, warten Sie bitte.«
Als er kam, fand dasselbe Gespräch noch mal statt. Ich bestand weiter darauf, ins Bauhaus zu gehen. Er drohte, die Polizei zu rufen. »Bis die kommen, dauert das länger, als wenn Sie mit uns rüber zu Karstadt kommen.«
Das überzeugte mich. Wir gingen also zu dritt los durch einen Lieferanteneingang und endlose Flure, bis wir in der Lebensmittelabteilung waren, wo sich uns auf dem Weg zur Fleischtheke noch eine leitende Angestellte anschloss. Dort war die Verkäuferin, die mich bedient hatte, gerade woanders beschäftigt, aber ihr Kollege, dem ich das eingepackte Schnitzel mit dem Preisaufkleber rüberreichte, meinte: »Wir haben hier gar keine Kasse, nur Waagen.« Dann kam seine Kollegin doch noch und sagte: »Zahlen können Sie nur vorne an der Kasse.« Die hatte ich umgangen, als ich Karstadt verließ, weil ich der Meinung gewesen war, ich hätte das Schnitzel doch schon bezahlt und eine Quittung dafür bekommen.
Die leitende Angestellte entfernte sich schweigend, und die beiden Bärtigen forderten mich auf, ihnen zu folgen – mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock. Dort gab es Türen mit Aufschriften wie »Detektive«, »Security« und »Polizei«. Mich brachten sie in den »Detektive«-Raum. Dort übergab ich, nun schon etwas kleinlaut, dem ebenfalls bärtigen Vorgesetzten der beiden das eingepackte Schnitzel. Es folgte noch einmal das gleiche Gespräch wie mit seinen Mitarbeitern zuvor, aber nun von meiner Seite nicht mehr so empört, eher kleinlaut.
Das bewog den Vorgesetzten anscheinend, auf eine Anzeige zu verzichten und mich gehen zu lassen. Das Schnitzel behielt er, weil ich es nicht an der Kasse bezahlen durfte und mir auch kein neues Schnitzel an der Fleischtheke kaufen sollte, denn dann hätten seine Securityleute dort gesehen, dass er mich laufen ließ. Und das durfte nicht sein, denn eigentlich hätte er die Polizei rufen, das Schnitzel als Corpus Delicti übergeben und ich ein Hausverbot bekommen müssen.
Ich nickte, und er ließ mich von einem der Securitymänner nach unten bringen. Unterwegs sagte der, er sei sicher, dass ich bewusst abgehauen wäre, ohne zu zahlen, und gelogen hätte. »Sie haben Glück, dass Sie keine Anzeige bekommen haben. Da wären Sie unter 100 Euro nicht weggekommen.« Ich erwiderte: »Bei 5,12 Euro hätte kein Gericht mich zu irgendwas verdonnert, sondern das Verfahren eingestellt. Die haben eine Million Fälle bereits, die sie bearbeiten müssen, zudem Personalmangel, das hat die ›Tagesschau‹ gestern gerade berichtet.« Er glaubte mir nicht. Dann eben nicht.
Im Bauhaus kaufte ich die Zeitschaltuhr, wobei ich den Tipp bekam, die alte kaputte mit Quittung an den Hersteller zu schicken: »Vielleicht schicken die Ihnen eine neue.« Dann fuhr ich – ohne Schnitzel – nach Hause. Vorher sah ich mir noch den neuen hinduistischen Tempel neben dem Bauhaus an, trank ein Stück weiter in einem Café ein alkoholhaltiges Erfrischungsgetränk und blätterte dabei in meinem Schmetterlingsbuch. Wenig später kam ich an einem Supermarkt vorbei, ging dort an die Fleischtheke und verlangte ein Schnitzel. Sie hatten aber gerade kein Kalbfleisch. Deswegen kaufte ich ein Stück Lammlachs, das leider doppelt so teuer wie das Karstadt-Schnitzel war.
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