junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Montag, 30. März 2026, Nr. 75
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 30.03.2026, Seite 15 / Politisches Buch
Debatte über den Zionismus

Reaktionäre Vorbilder

Ein posthum veröffentlichtes Buch des Autors Clemens Messerschmid beleuchtet deutsche Wurzeln des zionistischen Siedlerkolonialismus
Von Leon Wystrychowski
imago848809616.jpg
Systematische Vertreibung: Nach einem Angriff von Siedlern auf das palästinensische Dorf Susiya (24.2.2026)

Vor drei Jahren starb der im Westjordanland lebende deutsche Hydrogeologe ­Clemens Messerschmid unerwartet im Alter von 58 Jahren. Der Palmyra-Verlag hat nun mehrere seiner ursprünglich in der KAZ veröffentlichten Artikel gebündelt veröffentlicht. Ergänzt werden sie von Beiträgen anderer Autorinnen und Autoren.

Messerschmid will zeigen, dass die deutsche Unterstützung für den Zionismus keineswegs auf den Holocaust – »jenes geschichtlich einzigartige Menschheitsverbrechen einer aktiv und industriell betriebenen staatlichen Ausrottung von Millionen Menschen« – und die damit verbundene historische Schuld zurückgeht, sondern auf die Zeit des Kaiserreichs. Bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sei von Deutschland aus versucht worden, Palästina zu einer Siedlerkolonie zu machen – allerdings nicht der Zionisten, sondern der lutherischen »Templer«-Bewegung.

Erst viel später sympathisierten Teile der herrschenden Klasse des Kaiserreichs wie auch der Weimarer Republik mit einem »Judenstaat« in Palästina. Diese Vorstellung wurde zunächst bis zu einem gewissen Grad auch von den Nazis übernommen, die die jüdische Auswanderung nach Palästina durch das berüchtigte Haavara-Abkommen forcierten. Allerdings weist Messerschmid darauf hin, dass Hitler kein »Freund des Judenstaates« war und dass sich Zionisten und Nazis – so die Formulierung des US-Historikers Francis Nicosia – gegenseitig als »nützlicher Feind« betrachteten.

Viel von dem, was Messerschmid darlegt, dürfte zwar einem breiteren Publikum kaum oder gar nicht bekannt sein, ist aber nicht neu. Das gilt auch für den Einfluss deutschsprachiger Juden in der Anfangsphase des organisierten Zionismus: Deutsch war anfangs die Sprache der Zionistenkongresse, und die Verachtung des Jiddischen seitens der bürgerlich-deutschen Zionisten ebnete dem Neuhebräischen den Weg.

Genuin von Messerschmid stammt jedoch die titelgebende These, wonach die Entwicklung der zionistischen Bewegung hin zum spezifischen Siedlerkolonialismus ebenfalls auf den Einfluss der deutschen Zionisten zurückzuführen sei. Der »reine Siedlerkolonialismus« strebt eine weitgehende Ersetzung der vorgefundenen Bevölkerung an; beim »Plantagenkolonialismus«, wie Messerschmid ihn nennt, verhindert dagegen die Ausbeutung der Einheimischen deren vollständige Verdrängung oder Vernichtung.

Messerschmid verweist vor allem auf Persönlichkeiten unter den deutschen Zionisten, die als Bewunderer der deutschen Kolonialpolitik hervortraten und sich in entsprechenden Kreisen engagierten, wie etwa Arthur Ruppin (1876–1943) und Otto ­Warburg (1859–1938). Ruppin gilt als »Vater der zionistischen Siedlungsbewegung«, leitete ab 1908 die Vertretung der Zionistischen Weltorganisation (ZWO) in Jaffa, war an der Gründung Tel Avivs beteiligt und forderte schon seit 1911 offen die Umsiedlung landloser Palästinenser. Der Agrarwissenschaftler Warburg wiederum war von 1911 bis 1920 Präsident der ZWO und führte anschließend landwirtschaftliche Experimente in Palästina durch.

Als Vorbild diente, so Messerschmid, jedoch nicht der Versuch eines deutschen Siedlerkolonialismus in (Südwest-)Afrika, sondern die gegen die polnische Bevölkerung gerichtete Germanisierungspolitik in den preußischen Provinzen Westpreußen und Posen. Auch sein Nationenverständnis habe der Zionismus von den reaktionären und völkischen deutschen Nationalisten übernommen. Er sei damit nicht nur als Reaktion auf diesen Chauvinismus, sondern auch als sein »Spiegelbild« zu verstehen. Dies gelte auch für den »überschäumenden Antisemitismus«, dessen Klischees vom »schwachen« und »schmarotzenden« Juden die Zionisten zu einem eigenen Feindbild machten, das sie zu überwinden gedachten. Messerschmids Argumente erscheinen insgesamt schlüssig. Das Buch ist allerdings keine umfassende Forschungsarbeit, weshalb die Hauptthese empirisch weiter unterfüttert werden müsste. Der Autor jedenfalls hat wichtige Impulse hinterlassen.

Clemens Messerschmid: Die deutschen Wurzeln des Zionismus. Zur Entwicklung des Siedlerkolonialismus in Palästina. Palmyra, Heidelberg 2025, 104 Seiten, 18 Euro

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • »Zeit für Haltung« – Augsburger Parteitag von Die Linke 2023
    23.03.2026

    Rechte Kampagne

    Vorwurf Judenhass gegen Linkspartei
  • »Zu lange geschwiegen«: Ines Schwerdtner (M.) auf der »Gemeinsam...
    23.03.2026

    Festhalten am Formelkompromiss

    Bericht: Linke-Spitze reagiert auf Druck durch proisraelische Kampagne mit Antrag für Bundesparteitag. Fraktionspapier zu Boykottmaßnahmen in Arbeit
  • Die Bedingungen, unter denen Widerstand wächst: Besatzung, Vertr...
    20.03.2026

    An der Seite der Massen

    Palästinensische Intellektuelle formulieren umfassende Charta für die Befreiung vom Zionismus. Kritik an Kompradoren in den eigenen Reihen

Regio:

Mehr aus: Politisches Buch