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20.03.2026
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An der Seite der Massen
Palästinensische Intellektuelle formulieren umfassende Charta für die Befreiung vom Zionismus. Kritik an Kompradoren in den eigenen Reihen
Der Text zählt bereits jetzt zu den umfassendsten Auseinandersetzungen, die im Kontext von Israels Genozid in Gaza und der fortschreitenden Annexion der besetzten Westbank vorgelegt wurden: Ende Februar veröffentlichte der Chirurg Ghassan Abu Sitta gemeinsam mit weiteren palästinensischen Intellektuellen wie Salah Hammouri von der NGO Addameer die programmatische Schrift »Für eine revolutionäre Charta der umfassenden Befreiung«. Die Charta ist seit dem 10. März auf der Homepage der linken libanesischen Tageszeitung Al-Akhbar in englischer Übersetzung verfügbar. Ausgehend von der Mahnung des panafrikanischen Widerstandskämpfers Amílcar Cabral, wonach insbesondere die Intellektuellen und gebildeten Eliten eine entscheidende Schwachstelle im Zentrum von Revolutionen darstellen, präsentieren Abu Sitta und Kollegen ihre dekolonial-materialistische Analyse der palästinensischen Situation.
Kern ihrer Kritik ist, dass arabische und palästinensische Intellektuelle an der Seite der Ordnung stünden. Sie hätten die »Schützengräben des Widerstands gegen die Salons des Liberalismus und Neoliberalismus eingetauscht«. Ihren Rückzug vom Kampf der Massen bezeichnen sie als »akademisches Cosplay«. Damit assistierten sie dem »›Sicherheitschaos‹ der Palästinensischen Nationalbehörde (PA), die »jede Waffe außerhalb imperialer oder zionistischer Kontrolle als Bedrohung« ansieht. Der Widerstand werde für tot erklärt und das palästinensische Volk auf »passive Opfer« reduziert. Diese Strategie stelle »den Konflikt als Menschenrechtsfrage dar, die durch Verhandlungen gelöst werden muss, und präsentiert Abrüstung und Kapitulation unter dem Deckmantel der ›Waffenregulierung‹ als intellektuelle Standpunkte«. Der Begriff »Apartheid« werde oft verwendet, aber dessen Konzept »bestenfalls oberflächlich« verstanden. Verkannt werde damit die existenzielle Bedrohung, die vom zionistischen Siedlerkolonialismus ausgeht und dessen »von Grund auf völkermörderische Struktur«.
Für die Charta ist der Begriff der »Widerstandsbedingungen« zentral. »Befreiungskonzepte« und das »nationale Projekt« müssten aus den konkreten materiellen Widerstandsräumen hervorgehen – den Flüchtlingslagern, Dörfern, Gefängnissen, Schützengräben und Tunneln – und nicht von importierten westlichen Gedankenmodellen, die nach den Vorstellungen kompradorischer Kräfte und des kolonialen Kerns gestaltet seien. Es liest sich als deutliche Abrechnung mit der PA und als klare Mahnung, dass die Widerstandsgeschichte von Gaza und der Westbank intellektuelle Positionen und die politische Agenda zu prägen habe.
Ferner fordern Abu Sitta und Kollegen eine »Strategie der Klassenangleichung« und dass Akademiker ihr Wissen »zu Munition in den Händen des Widerstands« machen und sich nicht von westlicher Finanzierung »kaufen« lassen. Alle, die weiterhin als »Vermittler« oder »funktionale Agenten« des kolonialen Kerns oder des Kompradorentums fungieren, sollen boykottiert werden – eine »notwendige strukturelle Reinigung (…) in einem nationalen Projekt, das größer ist als jedes Individuum«.
Abu Sitta und seine Koautoren formulieren schließlich eine »kulturelle Alternative des Widerstands«, die von drei Prinzipien geleitet wird: erstens der Verankerung von Wissen in der konkreten Realität, zweitens der Abkehr vom kolonialen Vokabular wie dem Terrorismusbegriff hin zur Schaffung einer Sprache des Widerstands und drittens der Wirkung von Wissen Seite an Seite mit dem bewaffneten Widerstand.
Als mit der »Palästinensischen Nationalcharta« von 1968 ein vergleichbares Dokument entstand, war diese schwerpunktmäßig antikolonial (gegen die Kolonialherrschaft gerichtet) formuliert. Die heute verbreitete dekoloniale (gegen das koloniale Denken gerichtet) Praxis entwickelte sich erst später.
Mit ihrer dekolonialen Charta gelingt Abu Sitta und Koautoren inhaltlich, was Cabral anmahnte: dass die nationale Befreiung »der sozialistischen Revolution vorausging, dass es jedoch unerlässlich war, die nachfolgende sozialistische Revolution vom Beginn der nationalen Phase an vorzubereiten«, wie Walter Rodney über ihn schreibt.
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