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Aus: Ausgabe vom 28.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Der letzte Erzähler

Zum Tod des unverzichtbaren Autors und Filmemachers Alexander Kluge
Von Florian Neuner
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Alexander Kluge (14. Februar 1932 bis 25. März 2026)

Wenn die Rede davon ist, dass ein im 95. Lebensjahr Verstorbener mitten aus seinem Schaffen gerissen wurde, dann klingt das paradox – und trifft dennoch zu auf den Schriftsteller, Filmemacher, Medienunternehmer und Juristen Alexander Kluge, der am 25. März in München gestorben ist. Noch vor wenigen Wochen reiste er nach Wien, wo ihm das Österreichische Filmmuseum eine Retrospektive ausrichtete, die auch neue Arbeiten enthielt, und gestaltete an der Akademie der bildenden Künste eine Ausstellung mit dem inspirierenden Titel »Nachts träumen die Kulissen von ungesehenen Bildern«, die auch Möglichkeiten der Bildfindung mittels KI reflektiert. Im vergangenen Jahr publizierte der in einem weitgespannten Netzwerk von Kooperationen Tätige den »Bild­atlas« »Sand und Zeit«, in dem er sich in Text und Bild auf die jüngsten geopolitischen Verwerfungen einließ.

Seine Heimatstadt Halberstadt sollte dem 1932 geborenen Arztsohn zu einem lebenslangen Thema werden, etwa in seinem eindrucksvollen literarischen Text »Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945« von 1977. Als angehender Jurist ging Kluge nach Frankfurt am Main an das Institut für Sozialforschung. Seine Bekanntschaft mit Theodor W. Adorno war auch insofern prägend, als dieser den jungen Alexander Kluge zu seinem alten Freund Fritz Lang schickte, dessen Assistent er wurde. Das war die Initialzündung für die Karriere des Filmemachers Kluge, der bald mit seinem Freund Edgar Reitz und anderen zu einer zentralen Figur des »Neuen deutschen Films« avancierte, der sich 1962 mit dem »Oberhausener Manifest« unüberhörbar zu Wort meldete: »Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.« Zu Kluges Beiträgen zu dieser filmischen Aufbruchsbewegung zählen »Abschied von gestern« (1966), »Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos« (1968) und der wohl skurrilste deutsche Science-Fiction-Film »Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte« (1969) mit Alfred Edel in einer Hauptrolle.

Anfang der 60er Jahre trat Alexander Kluge aber auch als Schriftsteller in Erscheinung. Zu seinem Debütband »Lebensläufe« (1962) bemerkte Helmut Heißenbüttel, Form und Inhalt hätten hier endlich einmal in der jüngeren deutschen Literatur eine diskutable Einheit gefunden. 1964 folgte mit »Schlachtbeschreibung« ein eindrucksvolles Stück dokumentarische Literatur über die Schlacht von Stalingrad. Nachdem Film- und Fernseharbeit, auch die Kooperation mit Oskar Negt (»Öffentlichkeit und Erfahrung«, 1972; »Geschichte und Eigensinn«, 1981) lange Jahre im Vordergrund gestanden hatten, meldete sich der Autor Alexander Kluge mit seiner »Chronik der Gefühle« 2000 mit Macht zurück. Bis zu seinem Tod sollte die Kette der literarischen Publikationen nicht mehr abreißen. Kluge ist der letzte Erzähler. Was die Narration bei ihm noch möglich und interessant macht, ist die radikale Multiplikation der Erzählungen. Wo ein Hein oder ein Gstrein aus einem einzigen Plot einen faden, angestrengt zeitgeistigen Roman zimmern, bietet Kluge in nur einem Buch Hunderte Geschichten, die sich gegenseitig relativieren und beleuchten, auch kritisieren. Zum Verständnis der gegenwärtigen Weltlage – ob es sich nun um die Krim, den Irak oder ein Ereignis wie »9/11« handelt – fordert er historische Tiefenschärfe ein und bietet sie auf fassliche, durchaus auch unterhaltsame Weise dar.

Nein, ein Polyhistor, ein Universalgelehrter, wie ihm jetzt manche nachrufen, war Alexander Kluge nicht. Die Prätention, über alles Bescheid zu wissen, lag ihm fern. Er verstand sich vielmehr als Fragender, als Gärtner in den Gärten des Wissens und der Information, seinem »Pluriversum«, in dem er es freilich wie sonst niemand verstand, Verbindungen herzustellen, die oft so erhellend wie überraschend waren. Ein wahrer Coup gelang dem gewieften Medienunternehmer 1987, als in der BRD das Privatfernsehen eingeführt wurde. In der trüben Flut der billigen Unterhaltung und Desinformation plazierte er Magazine wie »10 vor 10« oder »Prime­-Time/Spätausgabe« – Kulturfernsehen von einer Qualität, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen schon lange nicht mehr anstrebt. Kluges Interviews mit Heiner Müller sind legendär, aber er lebte mit Partnern wie dem wunderbaren Peter Berling oder Helge Schneider auch exzessiv seinen Spieltrieb aus.

Wichtiger als der Büchner-Preis (2003) mag ihm der Adorno-Preis (2009) gewesen sein, denn im Geiste der Kritischen Theorie sah Alexander Kluge seine multimediale Arbeit Zeit seines Lebens. Seine intellektuelle Autorität war auch zuletzt noch so groß, dass er nicht plump als »Putin-Versteher« diffamiert werden konnte, als er sich wiederholt zum bewaffneten Konflikt in der Ukraine zu Wort meldete und Differenzierungen jenseits der NATO-Propaganda anmahnte. Damit, dass Alexander Kluge in den vielen Rollen, die er ausfüllte, unverzichtbar war, müssen wir jetzt leben. Hoffen wir, dass er nicht irrte, als er schrieb: »Die einzige Verlässlichkeit in zerrissener Zeit beruht auf der Beobachtung, dass auch die kriegerische Macht stolpert.«

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