Die konstellative Methode
Von Florian Neuner
Das Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien, das von Gottfried Semper entworfene ehemalige Kulissendepot des Hoftheaters, ist ein eindrucksvoller Ort – ganz besonders der vier Stockwerke hohe Prospekthof an der schmalen Seite des auf einem tortenstückartigen Grundstück errichteten Neorenaissancebaus. Ein Ort, geeignet, die Phantasie des Schriftstellers und Filmemachers Alexander Kluge anzuregen, der den Prospekthof zuletzt mit einer Ausstellung bespielte, der er den poetischen Titel »Nachts träumen die Kulissen von ungesehenen Bildern« gegeben hat. Das digitale Zeitalter, so Kluge, fordere eine »werkstattmäßige Antwort von seiten der Kunstwerke und der Poetik«, denn: »Es genügt nicht, dass die Kunst bei Sotheby’s hängt und ein Preisschild trägt.«
Eine solche Antwort versuchte Alexander Kluge mit seiner Ausstellung zu geben, in der »Musik, Texte, Bewegtbilder und feststehende Bilder zusammenwirken« – eine Antwort auf nicht weniger als die Weltlage, mit einem gewaltigen Archiv an Bildern, Filmen und Texten im Hintergrund. Zum Ausstellungsmacher ist der 1932 geborene Kluge erst spät, in seinem neunten Lebensjahrzehnt, geworden. Die Text-Bild-Montagen seiner Filme als Wunderkammern und Gärten der Information in den dreidimensionalen Raum zu erweitern hat freilich etwas Zwingendes. Wer die Bücher und Filme von Alexander Kluge kennt, dem wird vieles bekannt vorgekommen sein in der um eine Arbeit von Katharina Grosse arrangierten Wiener Ausstellung. Auch (verstorbenen) alten Bekannten wie Hannelore Hoger und Peter Berling wird er begegnen. Die Inszenierung hat den Charakter eines Remixes wie auch die neuen Opernfilme »Utopie der Oper« und »Heterotopie der Oper«, die in einer parallelen Kluge-Werkschau im Wiener Filmmuseum zu sehen waren.
Kluge verwaltet aber nicht bloß sein gigantisches Archiv. Er hat den Anspruch, damit auf zeitgenössische Herausforderungen reagieren zu können, etwa auf das Thema Grönland: »Grönland ist unverkäuflich. Aber die Universität Harvard könnte auf die Insel verlegt werden …« – eine Steilvorlage für Kluges Humor, der uns Bilder zeigt, die den Transport der Universitätsgebäude aus Cambridge, Massachusetts, nach Grönland ausmalen. Seine Imagination angeregt hat auch die Glyptothek der Akademie, die sich ebenfalls im Semperdepot befindet und der er einige Büsten entnommen hat, die die Assoziationsströme gliedern: Medusa, Homer, Herakles. Die Assoziationsbahn führt über die Keule des Halbgottes zum »Gesamtarbeiter« und zu Helge Schneider, der in einem »Herkules-Kommentar« den Abwrackspezialisten für Militärgerät gab, der heutzutage so Not täte. Oder der aus Nordafrika stammende römische Kaiser Septimius Severus, der für Kluge Anlass war, in Wort und Bild über »Caesaren in der Antike und Caesaren von heute« nachzudenken, über »Erscheinungsbilder der Macht«.
»Wenn sich Leute, die über Macht verfügen, auf römische Vorbilder beziehen – so wie die Säulen des Kapitols in Washington auf römische Bauten verweisen – oder sie mit Caesaren verglichen werden, treffen solche Analogien manchmal zu, manchmal führen sie zu Fehlurteilen.« Dessen ist sich Kluge bewusst, dem es nicht darauf ankommt, im »fernen Spiegel« Antike nach Analogien zu suchen, sondern der die Differenzen herausarbeiten will. Und er weiß, dass die den Kulturbetrieb dominierenden realistischen Romane und Spielfilme nicht dazu in der Lage sind, es mit der komplexen Wirklichkeit aufzunehmen. Kluge beruft sich auf Heiner Müllers Satz »Das Poetische heißt Sammeln«. Dieses Sammeln, das »der Wirklichkeit ihre Details ablauschen« möchte, begreift er als »das Gegenteil von Abbildrealismus«: »Es ist nötig, die in den wirklichen Verhältnissen versteckte Erzählung zu isolieren, in Gefäßen zu sammeln. Andernfalls wäre sie nicht kenntlich und unterscheidbar. (…) Eine enorm brauchbare Methode ist die Spiegelung.«
Anders als die meisten Filmemacher und Künstler versteht es Kluge, mit dem Medium Film im Ausstellungsraum sinnvoll umzugehen – und nicht in irgendwelchen Kabuffs stundenlange Filme zu zeigen, deren Rezeption einen ganztägigen Aufenthalt in der Ausstellung erfordern würde. Die Filme liefen auf im Raum verteilten Bildschirmen und waren kurz genug, dass man nach einem vielleicht halbstündigen Aufenthalt das meiste mitbekommen hatte. In Kluges als Spiegelkabinett angelegtem Resonanzraum der Bilder und Geschichten sprechen viele Stimmen kakophonisch durcheinander. Die Soundscape erzeugte eine nervöse Atmosphäre, der die Besucher auch nicht entkommen konnten, wenn sie der Einladung folgten, Kopfhörer aufzusetzen und etwa Ausschnitte aus den »Trojanern« von Hector Berlioz zu hören. Das macht man besser zu Hause und kann die zahlreichen Lektürehinweise und die zu Filmen führenden QR-Codes als Anregung benutzen, weitere Streifzüge durch das Kluge-Universum zu unternehmen, in dem man radikale Offenheit und Wachheit lernen kann, denn: »Alle roten Fäden der Erzählung führen zu Ausgrenzungen, die wesentliche Teile des Wirklichen negieren.«
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