Warum wurde Varvarin bombardiert?
Interview: Dieter Reinisch, Wien
Sie haben in Wien zuletzt von ihren Erlebnissen während der NATO-Bombardierung der Brücke von Varvarin am 30. Mai 1999 erzählt. Sie hatten als 15jährige knapp überlebt. Wie fühlen sich die Erinnerungen nach 27 Jahren an?
Das Erlebte trage ich heute mit mir, so als wäre ich immer noch mittendrin. Der Kampf um mein Leben ist allgegenwärtig. Wir waren drei Freundinnen, Sanja, Marina und ich. Unser Dorf lag auf der anderen Seite der Velika Morava, und es war Pfingsten, das größte Fest des Dorfes. Wir sind hinübergegangen nach Varvarin. Menschen aus allen Regionen kamen zusammen. Die Hauptfeier fand in der Kirche statt, die sich unmittelbar neben der Brücke befindet – nur 100 Meter entfernt. Zwischen Brücke und Kirche liegt der Markt, und er war voller Menschen. Sie waren fröhlich, feierten, und es gab Musik. Die NATO-Bombardierung dauerte 78 Tage. Der 30. Mai war der 68. Tag. Es deutete nichts darauf hin, dass die Stadt bombardiert werden würde. Die Brücke hatte keinen militärischen Nutzen.
Was passierte dann?
Wir drei wollten nach der Feier in unsere Häuser zurück zum Mittagessen gehen. Wir waren fröhlich und gingen Hand in Hand. Wir lachten und hüpften. Vor uns fuhr ein weißer Minibus. Plötzlich hörten wir ein Zischen der ankommenden Rakete. Wir begannen zu laufen in der Hoffnung, die Brücke noch überqueren zu können. In der Mitte verloren wir den Boden unter den Füßen. Wir waren von schwarzem Rauch umhüllt, und ich fühlte eine enorme Hitze, so, als würde mein Körper von innen her verbrennen. Es war ein Gefühl, als würde der Fall niemals aufhören. Meine Gedanken waren: Bin ich tot? Was werden meine Eltern tun, wenn ich tot bin? Dieser Fall dauert bis heute an.
Ich war vermutlich ohnmächtig, und als ich aufwachte, hingen wir drei an einem Stück der Brücke. Sanja war ohnmächtig. Sie hing halb im Wasser, und ich sah ihre zerstückelten Körperteile. Marina und ich waren bei Bewusstsein und riefen um Hilfe. Wir versuchten, Sanja wieder ins Leben zu bringen. Sie zeigte Lebenszeichen, kam aber nicht mehr zurück.
Wie wurden Sie gerettet?
Von überall liefen Leute her, um uns zu retten. Sie konnten jedoch nicht ins Wasser gehen, da die Strömung sehr stark war. Die Brücke war bereits zerstört, aber fünf Minuten später hörten wir erneut Flugzeuggeräusche, die den anderen Teil der Brücke ebenfalls zerstörten. Sie feuerten zwei Projektile ab, genau auf die Leute, die uns zu Hilfe kamen. Dafür gab es keine Notwendigkeit; die Brücke war bereits zerstört. Das Ziel war einzig, so viele Menschen wie möglich zu töten. Insgesamt starben 34 Menschen bei der Bombardierung. Die Familie im weißen Minibus wurde ausgelöscht, und der Pfarrer, der uns zu Hilfe kam, wurde kopflos auf der Böschung gefunden.
Wussten Sie damals, dass Ihre beste Freundin getötet wurde?
Nein, ich wurde ins Krankenhaus gebracht und notoperiert. Die Zeit im Krankenhaus dauerte mehrere Wochen. Marina war mit mir im Zimmer. Die Ärzte und Eltern beschlossen, um unsere Genesung nicht zu gefährden, uns nicht über Sanjas Tod zu informieren. Immer wenn wir nach ihr fragten, wurde uns gesagt, dass sie in einem anderen Krankenhaus behandelt werde. Erst später erfuhren wir, dass unsere beste Freundin im Krankenwagen bereits gestorben war. Die traurige Wahrheit war schlimmer als die Bombardierung selbst. Sanja war 15 Jahre alt und die jüngste von uns dreien.
Warum wurde die Brücke von Varvarin bombardiert?
Sie hatte keinen militärischen Nutzen, da sie keine militärischen Fahrzeuge tragen konnte. Sie wollten nur töten, damit die Staatsführung vor diesen Opferzahlen in die Knie geht. Es gab in der Gegend nichts, das irgendeinen militärischen Sinn ergeben hätte.
Welche Rolle spielten die NATO-Mitglieder und Deutschland bei diesem Verbrechen?
Es gibt nur Vermutungen darüber, welche Flugzeuge es waren, weil die NATO keine Informationen gibt. Aber die Brücke wurde später von Deutschland als Entschädigung wieder aufgebaut. Ich glaube, das ist ein Eingeständnis. Zumindest kann hier eine Verbindung hergestellt werden.
Haben Sie Entschädigung erhalten?
Es gab niemals Entschädigung, da bisher nicht herausgefunden werden konnte, wer für die Bombardierung verantwortlich ist.
Marijana Jovanovic überlebte die NATO-Bombardierung der serbischen Stadt Varvarin am 30. Mai 1999 nur knapp mit schweren Verletzungen
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