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Kino

Glanz und Elend

Paolo Sorrentinos Spielfilm »La Grazia« scheitert genial

Foto: MUBI/Andrea Pirrello
Sein siebenter Film mit Sorrentino: Toni Servillo

Es waren nie die großen dramatischen Kollisionen, die Offenbarungen und Peripetien, die Sorrentino stark machten. Sein Drama ist Charakterdrama, seine Inszenierung entsprach dem stets. Kaum Sequenzen, nur Szenen, die einander folgen. Die Kamera blendet auf und ab, man ist am neuen Ort, als ob man ständig einschläft und wieder erwacht. Abrupte Schnitte verstärken die fragmentarische Form, die Montage ist aber bloß scheinbar, da man das Wesentliche dennoch mitbekommt. Das allerdings liegt in den Figuren. Jeder Sorrentino ist ein Porträt.

In »Youth« etwa, dem dramaturgisch wohl dichtesten seiner Werke, Sorrentinos Zauberberg, bleibt die Entwicklung ganz innerlich. Das Klischee des Künstlers, der ob seines erfolgreichsten Werks sein übriges, viel bedeutenderes im Schatten stehen sieht, wird geduldig dekonstruiert. Am Ende offenbart sich ein anderes Motiv. Der Komponist hatte die »Simple Songs« für seine Frau geschrieben, die mittlerweile lange tot ist. Sie gehören ihr und sollen nicht länger in der Welt sein, wenn sie es nicht mehr ist.

Um grenzenlose Liebe eines Witwers geht es auch in »La Grazia«. Und um mehr. Das Setting ist diesmal durchaus handlungsdramatisch. Mariano De Santis erlebt die letzten Monate als Präsident Italiens. Er soll ein Gesetz zur Sterbehilfe unterzeichnen. Zudem hat er über zwei Begnadigungen zu entscheiden, die thematisch einerseits mit dem Gesetz verknüpft sind, denn es geht um zwei Menschen, die vor vielen Jahren ihre Partner getötet haben, um ihnen weiteres Leid zu ersparen vermeintlich, und zum anderen spiegelt sich in den Begnadigungen das Motiv der grenzenlosen Liebe. Wie die beiden Verurteilten ihren Partnern verfallen waren, ist De Santis seiner verstorbenen Frau verfallen, und wie bei ihnen wurde die maßlos idealisierte Liebe gestört, denn Mariano weiß, dass seine Frau ihn vor 40 Jahren betrogen hat.

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Wenn man zögert, »La Grazia« den besten Sorrentino zu nennen, dann nicht wegen seiner erzählerischen und inszenatorischen Qualitäten. Die Botschaft trübt alles ein. Für das humane Dilemma Sterbehilfe gibt es tatsächlich keine Lösung. Wer behauptet, er habe eine, hat sie nicht. De Santi selbst sagt: »Unterzeichne ich das Gesetz, bin ich ein Mörder. Unterzeichne ich es nicht, ein Folterer.« Mit dem Gesetz würde ein inhumaner Zustand durch einen inhumanen Zustand ersetzt. Slippery Slope, möglicher Missbrauch, zahllose Grauzonen, die durch eine noch so versierte Rechtsbestimmung nicht abgedeckt werden können.

Moralisch versagt der Film aber nicht deswegen, sondern indem das Gesetz mit den Begnadigungen verknüpft wird. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob man Personen, die sterben wollen, Hilfe leistet, oder Menschen, die nicht sterben wollen, in den Tod befördert, da man glaubt, das sei das beste für sie. Eine der beiden Verurteilten wird am Ende von De Santis begnadigt. Sie bereut ihren Mord nicht, grenzenlos hatte sie ihren Mann geliebt, und als er an Demenz erkrankte, war das Ideal empfindlich gestört. So tötete sie ihren realen Mann, weil der ideale für sie schon gestorben war. Die Logik des Todesengels ist degoutant, ein Mensch degradiert in der Idealisierung einen anderen zum bloßen Objekt seiner Zuneigung (und verborgenen Selbstaufwertung). Das Leben mit dem Demenzkranken war für die Frau die Hölle, doch weil sie ihn (ihr Bild von ihm) zu sehr liebte, konnte sie ihn nicht verlassen. So liegt die narzisstische Struktur blank. Warum sie begnadigt werden wolle, wird die Frau gefragt. Weil ich genug gelitten habe, antwortet sie. Gelitten hat hier vor allem einer. Der Autor dieser Kritik gestern abend im Kinosessel.

Humanität und jene im Titel beschworene Grazia erreicht der Film eher in seiner Form und seinen Nuancen. Toni Servillos subtiles Spiel, die statische Kamera, das elegante Szenenbild, die zurückgenommene Beleuchtung, der wuchtige Score, der die visuelle Klassizität durchkreuzt – alles, wirklich alles, stimmt hier. Und die Bilder wirken nicht bloß, sie sprechen auch. In einer Szene etwa, als der portugiesische Präsident zum Staatsbesuch erscheint und starker Regen einsetzt, der Schritt aus zeremoniellen Gründen aber nicht beschleunigt werden kann. Die Qual der letzten Amtstage wird Szene. Diese Tage können De Santis nicht schnell genug vorbeigehen, er fühlt sich nicht imstande, eine Entscheidung zum Gesetz zu treffen, zu viele Gründe gibt es zu bedenken, zu viele Probleme lassen sich nicht auflösen.

»La Grazia«, Regie: Paolo Sorrentino, Italien 2025, 132 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.03.2026, Seite 11, Feuilleton

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  • Carl 28. März 2026 um 12:58 Uhr
    In dem Artikel liegt ein inhaltlicher Fehler vor: »Sie bereut ihren Mord nicht, grenzenlos hatte sie ihren Mann geliebt, und als er an Demenz erkrankte, war das Ideal empfindlich gestört.« Nein, sie (die begnadigte Frau) hat ihren Ehemann umgebracht, da er 15 Jahre lang übergriffig und gewalttätig gegenüber ihr war (sie sagt, er habe dies getan, weil er eine mentale Krankheit habe – es wird jedoch nicht ganz klar, ob das metaphorisch gemeint ist). Der im Film nicht begnadigte Mann hat seine Frau aufgrund ihrer Demenzkrankheit umgebracht. Die hier verfolgte Prämisse zielt daher etwas daneben.
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