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Krieg gegen Iran

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Von Lars Lange
Foto: Vahid Salemi/AP/dpa
»Infrastruktur des Terrorregimes«: Durch einen US-amerikanisch-israelischen Angriff zerstörtes Zimmer in einem Wohnhaus in Teheran (23.3.2026)

Gibt es einen einseitigen, sektorbezogenen Waffenstillstand im Iran? US-Präsident Donald Trump erklärte am Montag, Washington und Teheran hätten in den vergangenen zwei Tagen »sehr gute und produktive Gespräche« über eine vollständige Beilegung der Feindseligkeiten im Nahen Osten geführt. Vor diesem Hintergrund habe er angeordnet, geplante Militärschläge gegen iranische Kraftwerke um fünf Tage zu verschieben – vorbehaltlich des Erfolgs der laufenden Verhandlungen. Am Sonnabend hatte Trump mit der gezielten Zerstörung der Kraftwerke gedroht, sollte Teheran die Straße von Hormus nicht innerhalb von 48 Stunden »vollständig« für den gesamten Schiffsverkehr freigeben.

Teheran wies Trumps Darstellung umgehend zurück. Irans Außenministerium dementierte jegliche Verhandlungen mit Washington und warf dem US-Präsidenten vor, auf Zeit zu spielen. Der Sprecher der Nationalen Sicherheitskommission des iranischen Parlaments, Ebrahim Rezaei, erklärte, der »Kampf gehe weiter«, und die USA hätten »erneut eine Niederlage erlitten«. Dem Korps der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) nahestehende Medien deuteten Trumps Ankündigung als Rückzug aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen, nicht als diplomatische Initiative.

Zuvor hatten die IRGC am Montag in einer Erklärung mitgeteilt, Israels Kraftwerke sowie diejenigen, die US-Stützpunkte in der gesamten Golfregion versorgen, anzugreifen, sollte Trump seine Drohung wahr machen, das iranische Stromnetz »auszulöschen«. Eine Quelle, die über Tel Avivs Kriegspläne gegen den Iran informiert sein soll, sagte gegenüber Reuters, Israel werde den USA wahrscheinlich folgen und jegliche Angriffe auf iranische Kraftwerke und Energieinfrastruktur aussetzen. Am Montag morgen erklärte das israelische Militär, dass es eine »großangelegte« Welle von Luftangriffen in Teheran gestartet habe, die auf die Infrastruktur des »Terrorregimes« abzielten.

Irans Verteidigungsrat bekräftigte unterdessen, dass nicht am Konflikt beteiligte Staaten die Straße von Hormus nur passieren dürfen, wenn sie ihre Durchfahrt mit dem Iran abstimmen. Laut Reuters durchfuhren am Montag zwei unter indischer Flagge fahrende Flüssiggastanker die Meerenge. Mit Blick auf kolportierte Pläne Trumps, die Insel Kharg besetzen zu wollen, hieß es in der Mitteilung aus Teheran: »Jeder Versuch, die Küsten oder Inseln des Iran anzugreifen, wird dazu führen, dass alle Zugangswege im Golf (…) mit verschiedenen Arten von Seeminen vermint werden, darunter auch schwimmende Minen, die von der Küste aus ausgesetzt werden können.«

Die Insel liegt nur 30 Kilometer vom iranischen Festland entfernt und ist der zentrale logistische Knotenpunkt für die Ölexporte der Islamischen Republik. Das Ziel Washingtons, die militärische Infrastruktur zu zerschlagen, die Teheran zur Kontrolle der Meerenge nutzt, ist bisher gescheitert – und Trump erwägt offenbar die nächste Eskalationsstufe. Mittlerweile sind zwei amphibische Einsatzgruppen auf dem Weg in die Region: Die »USS Boxer« und die »USS Tripoli«, beides kleinere, auf Landungsoperationen zugeschnittene Flugzeugträger.

Der US-Sender CBS hatte am Freitag unter Berufung auf »mehrere Quellen« berichtet, das Pentagon habe detaillierte Pläne für den Einsatz von Bodentruppen in Iran ausgearbeitet. Am Sonntag wiederum sagte der israelische Botschafter in den USA, Yechiel Leiter, gegenüber CNN: »Ich glaube, wir brauchen Truppen vor Ort, aber es müssen iranische Truppen sein«, ohne dies näher auszuführen.

Sollte die vor Jemen liegende Meerenge Bab Al-Mandab auf der anderen Seite der Arabischen Halbinsel als letzte funktionierende Ausweichroute für den Schiffsverkehr ebenfalls ausfallen, stünden US-Planer vor einem logistischen Alptraum. Für die jemenitischen Ansarollah erklärte Politbüromitglied Mohammed Al-Bukhaiti, dass die Entscheidung, an der Seite Irans zu stehen, bereits gefallen sei – die Beteiligung sei »nur eine Frage der Zeit«. Das Rote Meer fungiert derzeit als wichtigste Ausweichroute für Öl, das die Straße von Hormus nicht passieren kann. Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline leitet Rohöl quer über die Halbinsel zum Hafen Yanbu am Roten Meer. Von dort müssen Tanker dann die von den Ansarollah kontrollierte Küste passieren, bevor sie das Bab Al-Mandab erreichen. Sie sollen nach Angaben des Wall Street Journal vom Sonnabend bereits Drohungen gegen diese Pipeline und den Hafen ausgesprochen haben. Saudi-Arabien bemühe sich um Diplomatie, um ein Eingreifen der Gruppe zu verhindern, erklärte ein US-Regierungsvertreter dem Blatt. Auch Washington und Israel versuchten demnach, jede Provokation zu vermeiden, um einen Eintritt der Ansarollah in den Krieg zu verhindern.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.03.2026, Seite 7, Ausland

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