Washington mobilisiert Kurden
Von Knut Mellenthin
Donald Trump ist »offen für die Idee, Milizen im Iran zu unterstützen, die bereit sind, bei der Ausschaltung des Regimes mitzuwirken«. Das ist keine Überraschung. Die ungefähr auf halbem Weg zwischen Washington und der CIA-Zentrale in Langley, Virginia, angesiedelte Nachrichtenagentur Axios, die von israelischen Medien stark beachtet wird, hatte die Meldung am Dienstag wohl als erste gebracht. Sie verband diese vage Mitteilung mit der Nachricht, der US-Präsident habe am Sonntag mit Masud Barsani und Bafel Talabani telefoniert, den Führern der wichtigsten kurdischen Parteien im Irak. Die Anrufe seien »der Höhepunkt monatelanger Lobbyarbeit des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu hinter den Kulissen«, kommentierte die Agentur und wies auf die bekannte, gut dokumentierte Tatsache hin, dass Israel »seit Jahrzehnten enge sicherheitstechnische, militärische und nachrichtendienstliche Verbindungen zu den Kurden in Syrien, im Irak und im Iran« habe. Diese wurden schon in den 1960er Jahren geknüpft.
Logisch zu erschließender Hintergrund der Gespräche, über deren Inhalt offiziell nichts bekanntgegeben wurde: Jeder Versuch, in größerem Stil aufständische und militärische Aktivitäten der iranischen Kurden in Gang zu bringen und zu unterstützen, bedürfte der Kooperation mit den im Nordirak lebenden Kurden für den Nachschubtransport und für die Benutzung ihrer Autonomieregion als Ausgangsbasis von Offensivoperationen und Rückzugsgebiet. Am Dienstag folgte ein Anruf Trumps beim Vorsitzenden der Demokratischen Partei von Iranisch-Kurdistan, Mustafa Hidschri.
Trumps Umgebung war nach den ersten Meldungen über die Telefongespräche bemüht, den spezifisch kurdischen Aspekt herunterzuspielen. Von Journalisten direkt danach gefragt, weigerte sich Trumps Pressechefin Karoline Leavitt, über konkrete Details zu sprechen, und zog sich auf die Formulierung zurück, der Präsident sei »während der letzten Tage mit vielen Verbündeten und Partnern in der Region in Kontakt gewesen«. Das Wall Street Journal erfuhr von angeblichen Insidern, Trump habe »in dieser Angelegenheit noch keine Entscheidung getroffen«.
Vielleicht sind die zuständigen Staatsorgane der USA ohnehin schon viel weiter, als offiziell preisgegeben wird? Der Sender CNN behauptete am Mittwoch, der Auslandsgeheimdienst CIA arbeite daran, »kurdische Kräfte zu bewaffnen, um einen Aufstand im Iran zu entfachen«. Konkreter wurde es in diesem Bericht aber auch nicht, und die anonymen Quellen – »multiple people familiar with the plan«, übersetzt »mehrere in den Plan eingeweihte Personen« – gehören im Journalismus zu den schwächsten überhaupt. Der Sender vermutet, dass die iranischen Kurden offensive Operationen unternehmen und dadurch große Teile der staatlichen Sicherheitskräfte binden sollen, um die gewaltsame Unterdrückung der Proteste in den großen Städten zu erschweren.
Aufschlussreich könnte die Tatsache sein, dass sich am 22. Februar, sechs Tage vor Beginn der israelisch-US-amerikanischen Aggression, fünf Parteien und Organisationen iranischer Kurden zu einer Allianz zusammengeschlossen haben, die vorrangig für den Sturz des »Regimes«, das Ende der Islamischen Republik und die »Verwirklichung des Rechts des kurdischen Volkes auf Selbstbestimmung« kämpfen will. Ein Anfangsverdacht, dass die Akteure vorab über die Kriegsplanung informiert waren, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.
Der Sohn des 1979 aus dem Land gejagten Schahs, Reza Pahlavi, reagierte auf das politische Zusammenrücken der kurdischen Organisationen verärgert und aggressiv. Auf seinem X-Account postete er: »Verschiedene separatistische Gruppen, von denen einige sowohl mit Khomeini als auch mit Saddam kollaboriert haben«, hätten »in den vergangenen Tagen grundlose und verachtenswerte Forderungen gegen die territoriale Integrität und nationale Einheit Irans erhoben«. Das Bündnis wies diese Angriffe als »hysterisch und hasserfüllt« zurück. Eine Zusammenarbeit zwischen ihnen und dem »Prinzen«, der in erster Linie von Netanjahu favorisiert wird, ist schwer vorstellbar.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (6. März 2026 um 12:03 Uhr)In Afghanistan hatte man ab 2001 die afghanische Nordallianz aufgerüstet und gegen die Taliban kämpfen lassen. Das Ergebnis war ein Präsident Karsai, der im Effekt nicht viel mehr als der Bürgermeister von Kabul war. Das Land selber blieb weitgehend den Taliban treu. Im Iran wäre ähnliches zu erwarten. Auch dort gibt es ein Stadt-Land-Gegensatz; die ländlichen Gebiete sind in der Tendenz eher religiös und für die islamische Verfassung, während die Städte tendentiell eher verwestlicht sind. Ausnahmen bestätigen die Regel. Teheran ist etwa in einen weltoffenen und reichen Norden und einen armen und religiösen Süden gespalten. Wenn irgendein Westkandidat an die Spitze des Iran gepusht würde, hätte der also nicht einmal den Spotttitel des Bürgermeisters von Teheran sicher. Ein Vielvölkerstaat wie der Iran benötigt eine einigende nationale Erzählung. Soweit der Islam in der Bevölkerung verankert ist, sollte er Teil des identitätsstiftenden Ideenkomplexes sein. Ein weiterer Teil ist die Distanzierung vom mörderischen Schahregime, dem 60.000 Morde angelastet werden. Ein dritter Teil ist natürlich der vom Westen unterstützte irakische Angriffskrieg gegen die Iran der 80er Jahre, der eine ähnlich einigende Funktion hat wie der Große Vaterländische Krieg für Russland, das mit über 100 Amtssprachen wohl so eine Art Weltmeister in Sachen Selbstbestimmung der Völker ist. Selbstbestimmungsregeln für Minderheiten sind ein unumgängliches Element der stabilen Verfasstheit eines Vielvölkerstaates. Das wusste schon Lenin, und das ist u. a. auch in der UN-Charta niedergelegt. Und was für kleine Randgruppen gilt, das gilt selbstredend auch für große Gruppen. Wo Religion identitätsstiftend ist, darf sie gern auch verfassungsrechtlich bestätigt werden. Das fördert die Identifikation der Bevölkerung mit ihrem Staat, ohne die kein Staat stabil sein kann. Die derzeitige Verfassung des Iran ist vom Volk mit großer Mehrheit (98,2 %) in einem Referendum angenommen worden.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (4. März 2026 um 23:37 Uhr)Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Vom halbseidenen Möchtegernschah darf man nicht mehr erwarten. Wenn sich »die« Kurden vor den israelisch-amerikanischen Karren spannen lassen wollen, sollten sie die Entwicklung (mindestens) der letzten zwanzig Jahre in der Türkei, in Syrien und das Schicksal Rojavas in ihre Überlegungen einbeziehen. Die kurdischen Ölmagnaten im Irak dürften wenig mit dem Beispiel Rojava am Hut haben.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Gion H. aus Zürich (4. März 2026 um 22:50 Uhr)»Washington mobilisiert Kurden«. Oder doch nicht? Vermutungen »und die anonymen Quellen – ›multiple people familiar with the plan‹, übersetzt ›mehrere in den Plan eingeweihte Personen‹ – gehören im Journalismus zu den schwächsten überhaupt«. Ja, wieso bringt es denn die jW trotzdem, und noch mit einem Titel, der die Vermutung als Fakt benennt? Ein Bericht auf sehr schwachen Beinen – nicht gerade seriös.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Hartberg (4. März 2026 um 20:54 Uhr)Falls das stimmt, lassen sich die Kader der kurdischen Deppen immer noch instrumentalisieren. Derweil werden KurdInnen in Syrien, die auch auf Unterstützung der USA gesetzt haben, nach wie vor drangsaliert und verfolgt.
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