VW und der Schnee von gestern
Von Arnold Schölzel
Mit der Schlagzeile »Endspiel um Volkswagen« schlägt das Handelsblatt am Freitag schrillen Alarm. VW ist der größte deutsche Konzern, und sein Zustand ist der des Landes. Das Wirtschaftsmodell des hiesigen Kapitals weist Risse im Fundament auf.
Das belegen auch andere Beiträge. Über dem Editorial des Chefredakteurs Sebastian Matthes steht zum Beispiel: »Bildungsdebatte? Nein. Eine wirtschaftspolitische Zeitbombe«. Er schildert, dass sein achtjähriger Sohn als Hausaufgabe in leeren Kästchen »auf grauem Recyclingpapier« beantworten soll, »welche Arten von Satzgliedern er da vor sich sieht«. Der Vater, der sich nicht erinnern kann, was Satzglieder sind und wofür man sie benötigt, haut in die Tasten seines Laptops einen Verzweiflungs- und Wutschrei: »Zwei Welten am selben Küchentisch«. Die Lehrer und Schulen seiner Kinder seien gut, »das Problem ist das System«. So etwas ist ansonsten vor allem in jW zu lesen, nun steht hier: »In Estland lernen Grundschüler programmieren. In Singapur bauen sie Chatbots. In Finnland lernen sie ›Computational Thinking‹ – die Fähigkeit, fächerübergreifend Probleme systematisch zu analysieren und in logische Schritte zu zerlegen.« Andere bereiteten ihre Kinder auf 2035 vor, Deutschland auf 1995. Bereits vor sieben Jahren habe er in den USA von persönlichen KI-Tutoren in Schulen gehört, hierzulande würden iPads und smarte Tafeln angeschafft, »die mitunter nicht einmal ans WLAN angeschlossen waren«. Bei den Bildungsausgaben lande Deutschland gemessen am Bruttoinlandsprodukt international hinter Botswana, Chile und der Mongolei.
Außerdem in der Zeitung: Handelsblatt-»Chefökonom« Bert Rürup warnt davor, Westeuropa drohe »von den USA und China marginalisiert zu werden«. Zwei Redakteure berichten anlässlich einer Raumfahrtmesse in Shanghai: »Immer mehr private Unternehmen starten in China Raketen und Satelliten. Dahinter steckt kein chinesischer Elon Musk, sondern der Fünfjahresplan der Volksrepublik.« Deutschland kommt in dem Artikel nicht vor. Die Zeitung analysiert zudem die ungemütlichen Folgen des Iran-Krieges und eben das VW-Desaster.
Einige Zahlen dazu: »320 Milliarden Euro Umsatz, mehr als 600.000 Angestellte weltweit, 8,9 Millionen gefertigte Autos«. Noch vor kurzem plante der Konzern mit einer Jahresproduktion von zwölf Millionen Autos, intern sogar mit 14 Millionen. Nun werden bis zu 734.000 Autos in den deutschen VW-Werken weniger gebaut, in China eine Million weniger, bei Audi 300.000. Laut Handelsblatt reicht das nicht: Es gibt Kapazitäten für zehn Millionen Autos – nur neun Millionen werden aber verkauft. Das entspreche der Leistung von vier Werken. 2025 hätten Wolfsburg, Emden und Zwickau – »das effizienteste deutsche VW-Werk« – ihre Vorgaben verfehlt. Emden und Zwickau stünden unter Druck, weil Wolfsburg »politisch Schutz« durch Niedersachsen genieße. Im Konzern, so das Handelsblatt, tobe nun ein Machtkampf, werde gestritten, »wie viele Fabriken er sich noch leisten kann«. Es geht erneut um Zehntausende Arbeitsplätze.
Vieles am Abstieg ist durch die Besitzverhältnisse bedingt, genauer durch die Familien Piëch und Porsche, die »noch« zu den reichsten Unternehmerdynastien Europas zählten. Sie halten zwar mehr als die Hälfte der Stimmrechte, können aber wegen einiger VW-Besonderheiten nicht durchregieren. Das Handelsblatt meint, der »Porsche-Clan« befinde sich bei VW in einem »Rückzugsgefecht« und vermutet: »Ein Konzern dieser Dimension ist vielleicht doch eine Nummer zu groß für die Porsches.« Und setzt »Schnee von gestern« dazu.
Fehlt nur der Aufruf zu Enteignung und Vergesellschaftung. Aber dafür ist jW zuständig.
Mit der Schlagzeile »Endspiel um Volkswagen« schlägt das Handelsblatt am Freitag schrillen Alarm. VW ist der größte deutsche Konzern und sein Zustand ist der des Landes. Das Wirtschaftsmodell des hiesigen Kapitals weist Risse im Fundament auf.
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