Zum Inhalt der Seite

Die Grundfrage des Krieges

Lenin 1917: Kann man Krieg erklären ohne die vorangegangene Politik der ­betreffenden Staaten, des Staatssystems und der betreffenden Klassen? Einzelbeispiele und Zufälle helfen nicht

Foto: IMAGO/imagebroker
Munitionsfabrik Gaineville im französischen Graville während des Ersten Weltkriegs im September 1917

In Europa herrschte Frieden, aber er wurde erhalten, weil die Herrschaft der europäischen Nationen über Hunderte Millionen Bewohner der Kolonien nur vermittels ständiger, ununterbrochener, niemals abreißender Kriege ausgeübt wurde, die wir Europäer nicht als Kriege betrachten, weil sie allzu häufig nicht Kriegen, sondern eher einem bestialischen Gemetzel, der bestialischen Ausrottung wehrloser Völker ähnelten. Aber die Sache ist die, dass wir, um den gegenwärtigen Krieg zu verstehen, in erster Linie die Politik der europäischen Mächte als Ganzes betrachten müssen. Man darf keine Einzelbeispiele, keine Einzelfälle wählen, die stets leicht aus dem Zusammenhang der gesellschaftlichen Erscheinungen zu reißen sind und keinerlei Wert haben, weil man eben so leicht ein entgegengesetztes Beispiel anführen kann. Nein, man muss die gesamte Politik des ganzen Systems der europäischen Staaten in ihren ökonomischen und politischen Wechselbeziehungen betrachten, um zu verstehen, auf welche Weise aus diesem System folgerichtig und unvermeidbar der gegenwärtige Krieg entstanden ist. (…)

Heute aber haben wir es vor allem mit dem Bündnissystem zweier kapitalistischer Mächtegruppen zu tun. Wir haben es zu tun mit den größten kapitalistischen Weltmächten, mit England, Frankreich, Amerika und Deutschland, deren ganze Politik jahrzehntelang in dem ununterbrochenen ökonomischen Wettstreit bestand, in dem Wettstreit um die Beherrschung der ganzen Welt, um die Versklavung der kleinen Völkerschaften, um die Sicherung eines dreifachen und zehnfachen Profits des Bankkapitals, das die ganze Welt in die Fesseln seines Einflusses geschlagen hat. Darin besteht die wirkliche Politik Englands und Deutschlands.

Das betone ich besonders. Und man darf niemals müde werden, das zu betonen, denn wenn wir das vergessen, werden wir nichts vom gegenwärtigen Krieg verstehen und hilflos der Macht jedes beliebigen bürgerlichen Publizisten ausgeliefert sein, der uns betrügerische Phrasen auftischt.

Anzeige

Die wirkliche Politik der beiden Gruppen der größten kapitalistischen Giganten – Englands und Deutschlands, die mit ihren Verbündeten gegeneinander ins Feld gezogen sind –, diese Politik während langer Jahrzehnte vor dem Krieg muss in ihrer Gesamtheit studiert und verstanden werden. Täten wir das nicht, würden wir nicht nur die Grundforderung des wissenschaftlichen Sozialismus und jeder Gesellschaftswissenschaft überhaupt vergessen – wir würden uns auch der Möglichkeit berauben, überhaupt irgend etwas vom gegenwärtigen Krieg zu verstehen.

Kann man denn den Krieg erklären, ohne ihn in Zusammenhang zu bringen mit der vorausgegangenen Politik des betreffenden Staates, des betreffenden Staatssystems, der betreffenden Klassen? Ich wiederhole noch einmal: Das ist die Grundfrage, die man ständig vergisst, aus deren Nichtverstehen heraus neun Zehntel der Gespräche über den Krieg zu leerem Gezänk bzw. zu einem Austausch von Redensarten werden. Wir sagen: Wenn man nicht die Politik beider Gruppen der kriegführenden Mächte im Laufe der Jahrzehnte studiert hat – um Zufälligkeiten zu vermeiden und nicht Einzelbeispiele herauszugreifen –, wenn man nicht den Zusammenhang dieses Krieges mit der vorausgegangenen Politik aufgezeigt hat, dann hat man nichts von diesem Krieg begriffen!

Diese Politik aber zeigt uns überall das eine: die ununterbrochene ökonomische Rivalität der beiden größten Weltgiganten, der beiden größten kapitalistischen Wirtschaftsgruppen. Einerseits ist das England, ein Staat, in dessen Besitz der größte Teil des Erdballs ist, ein Staat, der seinem Reichtum nach an erster Stelle steht, der diesen Reichtum nicht so sehr durch die Arbeit seiner Arbeiter geschaffen hat als vielmehr in erster Linie durch die Ausbeutung einer unermesslichen Zahl von Kolonien, durch die unermessliche Macht der englischen Banken, die sich an der Spitze aller übrigen Banken zu einer zahlenmäßig überaus kleinen Gruppe von Riesenbanken — drei, vier, fünf — zusammengeschlossen haben und über Hunderte Milliarden Rubel verfügen, und das so, dass man ohne jede Übertreibung sagen kann: Es gibt auf dem ganzen Erdball kein Stückchen Land, worauf dieses Kapital nicht seine schwere Hand gelegt hätte, kein Stückchen Land, das nicht von Tausenden Fäden des englischen Kapitals umstrickt wäre. Dieses Kapital war Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem solchen Umfang angewachsen, dass es seine Tätigkeit weit über die Grenzen einzelner Staaten hinaus ausdehnte und eine Gruppe von Riesenbanken mit unerhörtem Reichtum schuf. (…) Das ist das Grundlegende in der ökonomischen Politik Englands und in der ökonomischen Politik Frankreichs.

→ Wladimir Iljitsch Lenin: Krieg und Revolution. Lektion am 14. (27.) Mai 1917. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 24. Dietz-Verlag, Berlin 1960, Seiten 398–401

Themen:
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 02.05.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!