En miniature
Von Ronald Weber
Was bleibet aber, stiften die Dichter«, heißt es am Ende von Hölderlins Lobgesang »Andenken«. Der Literaturkritiker Klaus Bellin hat die längst zum geflügelten Wort gewordene Sentenz in den Titel seiner neuesten Sammlung mit Porträts von DDR-Schriftstellern aufgenommen. Ob Hölderlin recht hatte? Die Frage lässt sich nicht so leicht entscheiden. Vor allem nicht in Bezug auf die DDR-Literatur, die Vielgescholtene, für die ja seit dem Untergang des ostdeutschen Sozialismus stets die bange Frage lautet: Was bleibt?
Nun steckt in der Hölderlinschen Aussage aber mehr als die Feststellung, dass das Gedichtete die Zeiten überdauert. Bei, sagen wir, Goethe, Schiller, Heine steht es außer Frage. Aber warum klappt es bei den einen und bei den anderen eben nicht? Der Grund liegt nicht so sehr in der ästhetischen Qualität der Texte (womit nicht gesagt sei, dass die keine Rolle spiele), sondern in dem banalen Umstand, dass es schon von der schieren Menge her Texte geben muss, die vergessen werden. Der Platz im kulturellen Gedächtnis ist begrenzt, der im Kanon erst recht. Wer hineingelangt und wer nicht, das ist ein ewiger Kampf. Und darüber entscheidet wer? Die Dichter? Mitunter. Das Publikum? Gewiss nicht, Publikumslieblinge wie August von Kotzebue kennt heute kein Mensch mehr, auch Rudi Strahl wird bald vergessen sein. Der Zeitgeist, der ja nichts anderes ist als der Geist der herrschenden Klasse? Gewiss schon. Nur braucht auch der seine Agenten, und das sind die Literaturkritiker.
Im Fall der DDR waren sie wenig zimperlich. Mit Verve wurde nach der »Wende« der »stalinistische« Kanon zerschlagen, und besonders die literarische Opposition von Fritz Rudolf Fried Fries bis Christa Wolf wurde gerupft. Am Ende waren alle bei der Stasi oder hatten sich selbst versklavt. Gut, das waren die 1990er Jahre. Mittlerweile sind die ganz harten Zeiten vorbei. Selbst ein Peter Hacks galt der FAZ zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR schon wieder als mehr oder weniger patenter Dichter, der ab und an vorkommen darf. Für Leute wie Hermann Kant aber gilt das Verdikt bis heute, und er ist beileibe nicht der einzige. Gestiftet wurde viel, geblieben ist kaum etwas.
Dagegen nun schreibt Bellin an. Heraus kommt ein, wie könnte es anders sein, subjektiver DDR-Kanon, beginnend mit Becher und endend mit dem letzten DDR-Aufbau-Verleger Elmar Faber, dazwischen große Namen wie Renn und Seghers und fast Vergessene wie Walther Victor und Armin Müller. Dabei setzt Bellin seine Schwerpunkte deutlich bei der frühen und mittleren DDR-Literatur. Das mag biographische Gründe haben. Der Autor, Jahrgang 1935, war in den späten 50er und frühen 60er Jahren eben im besten Alter und hat viele der Schriftsteller, über die er schreibt, selbst kennengelernt. Aber es geht um mehr, um ein Nach-vorne-Blicken. Bellin reißt es in seinem kurzen Nachwort an, wenn er die »Hoffnung auf ein besseres Deutschland« als große Klammer der DDR-Literatur ausweist.
Eine Hoffnung freilich, die nicht erst mit dem 3. Oktober 1990 zu Ende ging. Beispielhaft dafür mag Arnold Zweig stehen, der schon als berühmter Romancier nach Ostberlin kam, dort viel Anerkennung erfuhr und doch nicht konnte, wie er wollte. Zwar wurden seine Bücher in großen Auflagen gedruckt, Zweig mit dem Amt des Akademiepräsidenten geehrt, die »Freundschaft mit Freud« und die »Bilanz der deutschen Judenheit 1933« aber blieben in der Schublade. Oder Louis Fürnberg – den viele heute nur noch wegen seines Gedichtes »Lied der Partei« kennen, dessen Lyrik Bellin sehr zu Recht preist –, auch er ein Enttäuschter, der als gebürtiger Tscheche in die Mühlen des Slánský-Prozesses geriet. Oder Brigitte Reimann, die früh Gepriesene, nach deren Roman »Ankunft im Alltag« gleich eine ganze Epoche bezeichnet sein sollte und der die »neue, bunte Stadt« Hoyerswerda bald zur »tristen Bienenwabe« wurde, ein Prozess der Ent-Täuschung, den sie in ihrem unvollendeten Roman »Franziska Linkerhand« verarbeitet hat, der heute zu Recht als Klassiker gilt – einer der wenigen DDR-Texte, die bis ins Hier und Heute wirken.
Bellin genügen meist ein paar Striche, um ein Bild zu entwerfen. Rasch sind die Eröffnungen, präzise die Beschreibungen. Bei dem langjährigen Weltbühnen-Redakteur sitzt jedes Wort. So entstehen auf kleinstem Raum feine und treffende Porträts.
Man blättert und liest sich fest. Über den Malik-Verleger Wieland Herzfelde und dessen tragische Denkmalwerdung am Lebensabend, die US-Amerikanerin Edith Anderson, die mit ihrem Mann Max Schröder, dem ersten Cheflektor des Aufbau-Verlags, in die DDR kam (ohne sie hätte es die berühmte Geschlechtertausch-Anthologie »Blitz aus heiterem Himmel« nicht gegeben). Über den begnadet kundigen Heinz Knobloch, bei dem man über Berlin lernen kann, was heute längst vergessen ist, und dessen Wirken beispielhaft anzeigt, wie DDR-Schriftsteller gegen die Obrigkeit arbeiteten, mit der sie doch zugleich ganz einverstanden waren. Ein Verhältnis, das nur jenen als paradox erscheint, die keinen Begriff davon haben, was einen sozialistischen Schriftsteller eben doch nicht ganz unwesentlich ausmacht, nämlich, dass er ist Sozialist.
Bellins Feuilletons sind zu unterschiedlichen Anlässen entstanden und in Zeitschriften und Zeitungen erschienen (man erfährt leider, das ist ein Manko, nicht wo). Schon allein deshalb erhebt der Autor keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das von ihm entworfene Bild, in dem Lyrik und Dramatik weitgehend ausgespart sind, nimmt sich, die genannte Einschränkung mitbedacht, gleichwohl recht ausgewogen aus. Wer die Texte der von Bellin Porträtierten liest, bekommt in Gänze gewiss kein schiefes Bild von jenem ostdeutschen Sozialismus, der uns noch immer bitter fehlt und der absehbar – und insofern hat Hölderlin dann doch recht – eben nur noch durch die Literatur erfahrbar sein wird.
Klaus Bellin: Was bleibet aber. Schriftsteller in der DDR. Porträts. Quartus-Verlag 2025, Jena 2025, 197 Seiten, 16 Euro
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