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Literatur

Autor in Flammen

Ernst Toller gehörte zu den bekanntesten Dramatikern des politischen Expressionismus. Eine neue Biographie würdigt ihn vor allem als politischen Intellektuellen

Foto: Moebius/Avant Verlag

Es war eine Genugtuung für alle aus Deutschland Vertriebenen. Im Mai 1933 tagte im kroatischen Ragusa, dem heutigen Dubrovnik, der XI. Internationale PEN-Kongress. Als Ernst Toller ans Rednerpult trat und die deutsche Delegation gemeinsam mit der österreichischen und der niederländischen unter Protest den Saal verließ, brandete Applaus auf. In seiner Rede fragte Toller ein ums andere Mal, was der deutsche PEN-Klub gegen die Verbrechen der Nazis unternommen habe, gegen die Bücherverbrennungen, gegen die Vertreibung und Festnahme von Autoren und Schauspielern. »Nichts haben sie getan!« erklang es unisono aus dem Publikum.

Der Sieg in Ragusa bedeutete eine Abkehr von der umstrittenen unpolitischen Linie der internationalen Schriftstellervereinigung und beschleunigte die Trennung von den Faschisten. Im Herbst 1933 erklärte die deutsche PEN-Gruppe ihren Austritt. Kurz darauf konstituierte sich in London der Deutsche PEN-Club im Exil. ­Ragusa war auch ein Sieg Tollers. Die internationale Presse feierte den Schriftsteller als antifaschistischen Helden. Bei seiner anschließenden Reise durch Jugoslawien wurde der »Führer der deutschen Emigration« (­Hermann Kesten) überall begeistert aufgenommen. Ein Foto zeigt ihn, wie er von jungen Männern auf den Schultern getragen wird.

Veronika Schuchter stellt die Ereignisse in Ragusa in ihrer neuen Toller-Biographie breit aus. Zurecht, zeigen sie doch Toller in seiner Paraderolle als Mahner und Warner. Der Autor war schon zu Zeiten der Weimarer Republik ein Idol der sozialistischen Jugend und Liebling des Publikums, das er als glänzender, hochemotionaler Redner in seinen Bann zu ziehen verstand. Als Toller in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre mit den Gedichten aus seinem »Schwalbenbuch« durch die Lande zog, kamen Hunderte, mitunter Tausende.

Den Krieg hassen

Aufgewachsen in einer bürgerlichen jüdischen Familie in Samtoschin (heute: Szamocin) in der ostpreußischen Provinz Posen zog es den sensiblen Schüler früh zur Literatur. Wobei schon seine erste Veröffentlichung – ein Zeitungsartikel über den Armenhäusler Julius Abraham, der, von Bauern mit Schnaps abgefüllt, elendig starb, ohne dass ihm jemand zu Hilfe kam – auf Tollers Lebensthemen verweist: die Klassenspaltung der Gesellschaft, das Mitgefühl mit den Schwächeren und das Aufbegehren gegen die Obrigkeit.

Dann kam der Weltkrieg. Anfangs »gläubig wie alle Menschen in Deutschland«, wie Toller später in seinem Exilbestseller »Eine Jugend in Deutschland« bekannte, meldete er sich im August 1914 in München freiwillig. Von Frankreich kommend, wo er in Grenoble ein Jurastudium aufgenommen hatte, kehrte er Anfang 1915 als Soldat ins Nachbarland zurück. 13 Monate vor Verdun machten ihn nicht nur zum Pazifisten, der Krieg zerrüttete auch seine Gesundheit. Im April 1916 erlitt er einen Nervenzusammenbruch. Die Militärärzte diagnostizierten eine Kriegsneurose. Toller litt fortan unter Flashbacks und unkontrollierbarem Zittern, wurde beurlaubt und schließlich als untauglich entlassen.

Er studierte anschließend in München und Heidelberg, wo er an Max Webers Jour fixe teilnahm. Ausgehend von einer sozialistischen Kleingruppe, dem Kulturpolitischen Bund der Jugend in Deutschland, begann Tollers Engagement gegen den Krieg, das ihn schließlich in die Reihen der USPD führte. Im Januar 1918 beteiligte er sich am Münchner Munitionsarbeiterstreik, im November an der Revolution. Gemeinsam mit Kurt Eisner, Gustav Landauer und Erich Mühsam zählte Toller zu jener Gruppe von Intellektuellen bürgerlicher Herkunft, die die bayerischen Nachkriegsereignisse ganz wesentlich prägten. Den Gipfel seiner revolutionären »Karriere« erreichte Toller dann während der Räterepublik, deren Zentralrat er im April 1919 im Alter von gerade einmal 26 Jahren für wenige Tage vorstand.

Der Verräter

Die Ausrufung der Räterepublik war aus der Sicht der Kommunisten ein Fehler, weil ihr die Voraussetzungen fehlten. Verächtlich bezeichneten sie Toller als »König von Südbayern«, der Dekrete dichte, die niemanden interessierten, eine »Revolutionsspielerei« (Richard Müller), die im Fiasko enden musste. Während der von den Kommunisten angeführten Zweiten Räterepublik kam es zum offenen Streit: Toller wollte verhandeln statt weiterzukämpfen. Das ist ihm später immer wieder als Verrat ausgelegt worden.

Es war pures Glück, dass Toller dem Terror der Gegenrevolution entkam. Nach seiner Festnahme setzten sich von Thomas Mann über Max Weber bis hin zum preußischen SPD-Innenminister Wolfgang Heine zahlreiche Prominente für ihn ein. Er kam mit fünf Jahren Festungshaft davon, die er komplett absitzen musste, weil die bayerische Justiz jede Amnestie verweigerte. In dieser Zeit, wohl Tollers literarisch produktivster, schrieb er zahlreiche Dramen, darunter »Masse Mensch« und »Hinkemann«, die mit großem Erfolg auch international in Moskau, London und New York aufgeführt wurden. ­Tollers »flammende Lyrik in fünf Akten« (Ludwig Marcuse) prägte das Theater des politischen Expressionismus maßgeblich. Dass der Autor inhaftiert war, vergrößerte noch seinen Ruhm.

Spätestens hier setzte die Legendenbildung ein. Bald ging das Gerücht um, der Schriftsteller führe in der Haft ein luxuriöses Leben, halte sich einen Sekretär und lasse sich bekochen. Toller, der Wert auf gute und teure Kleidung legte und nicht frei von Eitelkeit war, galt vielen fortan als »Salonbolschewist«. Die immer wieder aufkommenden Gerüchte über sein verräterisches Verhalten in der Zeit der Räterepublik taten ihr Übriges.

Es ist die Stärke von Veronika Schuchters mit spürbarer Sympathie geschriebener Biographie, solche Zuschreibungen nicht einfach zurückzuweisen, sondern kritisch zu diskutieren, sie an der ein oder anderen Stelle auch als wahr auszustellen (etwa was die bezahlte Tätigkeit von Mithäftlingen angeht). Dafür kann die Literaturwissenschaftlerin auf einen breiten Korpus an bisher unbekannten Texten und Briefen zurückgreifen. Schuchter war an der 2018 erschienenen zweibändigen Edition der Briefe Tollers beteiligt und kennt sich in dessen Werk bestens aus.

Ihr erklärtes Ziel ist es, dessen Biographie »um einige Klischees ärmer und um einige Nuancen reicher zu machen«. Etwa hinsichtlich der Schilderung von Tollers Beziehungen zu Frauen, insbesondere zu der in Weimar als Kinderstar gefeierten Schauspielerin Christiane Grautoff, die der über 40jährige im Mai 1935 im Alter von gerade einmal 18 Jahren heiratete. In der Forschung, der Schuchter mit vollem Recht einen »patriachalen Wissenschaftsgestus« ankreidet, war das Scheitern der Ehe drei Jahre später stets ihr zugeschrieben worden, wobei Grautoff als »Karrieristin mit lolitahaften Zügen« gezeichnet wurde.

Ohne Rast

Nach der Haft war Toller ein rastlos Umherziehender, der viele Reisen unternahm und ständig die Wohnung wechselte. Das blieb auch im englischen und späteren US-amerikanischen Exil so, für dessen unbehauste Existenzweise der Schriftsteller insofern die besten Voraussetzungen mitbrachte. Während Toller nach 1933 im Einsatz für verfolgte Kollegen und in der politischen Arbeit gegen die Nazis zur großen Form auflief – dabei geschickt seine von vielen Kollegen beneideten, guten Kontakte in die High Society nutzend – bekam er als Dramatiker kein Bein mehr auf den Boden. Zwar wurde seine Autobiographie »Eine Jugend in Deutschland« viel gelesen, Tollers Stücke aber wurden kaum noch gespielt. Sein letztes Drama »Pastor Hall« endete gar in einem Rechtsstreit, denn der in eine Schreibkrise geratene Toller hatte sich das Stück gegen Bezahlung von dem Exilanten Hermann Borchardt schreiben lassen. Auch hier setzt Schuchter im Gegensatz zu vorherigen Toller-Biographen einen deutlich kritischeren Akzent.

Im Mai 1939 endete Tollers Leben tragisch. Es ist viel darüber spekuliert worden, ob die Niederlage der Spanischen Repu­blik, für die Toller Ende 1938 in einem immensen Kraftakt eine humanitäre Hilfsmission aus dem Boden stampfte, zu seinem Suizid geführt hat, ein Eingeständnis des Scheiterns gewissermaßen. Für Schuchter gehört auch das eher ins Reich der Legende (wie die Behauptung, Toller habe stets einen Strick mit sich geführt). Tatsächlich war der Autor seit langem depressiv. Alfred Döblin, von Hause aus Psychiater, meinte, der Schriftsteller sei in seinen letzten Tagen in einem »psychotischen Zustand« gewesen und eventuell mittels einer Schocktheraphie falsch behandelt worden.

Es ist die Stärke dieser Biographie, solchen Fragen mit offenem Blick und Gewissenhaftigkeit gegenüber den Quellen nachzugehen. Eine Gewissenhaftigkeit übrigens, die man sich auch vom Lektorat des Wallstein-Verlags gewünscht hätte, das zahlreiche Flüchtigkeitsfehler hat stehen lassen – bis hin zu dem Klopper, ­Upton Sinclair als Literaturnobelpreis­träger auszuweisen.

Veronika ­Schuchter: Ernst Toller. Revolutionär, ­Schriftsteller, ­Antifaschist. Eine Biographie. Wallstein-Verlag, ­Göttingen 2025, 413 Seiten, 36 Euro

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Beilage vom 18.03.2026, Seite 11, Feuilleton

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