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11.04.2026
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Raus aus dem Trott
Versuch der Selbstverständigung. Vor 100 Jahren schrieb der Malik-Verleger Wieland Herzfelde sein »Tagebuch eines Laien«
Am 30. März 1926 kam Wieland Herzfelde in Meran in Südtirol an. Noch am selben Tag begann er ein Tagebuch. Der Einstieg war ein Rückblick: »Vom Frühjahr 1913 bis zum Herbst 1914 habe ich ein Tagebuch geführt. Mit 18 ½ hörte ich auf: Der Krieg war ausgebrochen.«¹ Die Jahre seitdem waren ohne Rast gewesen. Gerade hatte der angehende Dichter Anschluss an die literarische Boheme gefunden, da kam der Weltkrieg. Dann die Revolution. Dann die Konterrevolution. Fast wäre Herzfelde, so wie Hunderte andere, erschossen worden. Am 7. März 1919 holten sie ihn ab. »Sind Sie der Herausgeber?« fragte einer der beiden Kriminalbeamten, ihm ein Exemplar der vom Malik-Verlag herausgegebenen Zeitschrift Jedermann sein eigener Fußball vors Gesicht haltend.² Für zwei Wochen war er in den Händen der Freikorpstruppen. Nur Glück bewahrte ihn vor dem Tod. Und Harry Graf Kessler, der höheren Orts für Herzfelde intervenierte, so dass er schließlich frei kam.
Der Pazifist und Mäzen Kessler gehörte zu den frühen Förderern des Künstlerkreises um George Grosz, Wieland Herzfelde und dessen älteren Bruder John Heartfield, der seinen Namen aus Protest gegen den deutschen Militarismus anglisiert hatte. 1916 hatten sie eine bestehende Zeitschrift, die Neue Jugend, übernommen und in ein Blatt für den Frieden umgewandelt, in dem Autoren wie Theodor Däubler und Johannes R. Becher schrieben. Mit der Neuen Jugend und ihren Folgepublikationen Jedermann sein eigener Fußball und Die Pleite, die ihr besonderes Profil durch die grafische Gestaltung Heartfields und die Zeichnungen Grosz‘ bekamen, rannten sie fortan immer radikaler gegen den Krieg und die kapitalistische Ordnung an. Aus dem Zeitschriftenunternehmen ging der Malik-Verlag hervor, der sich bald zu einem der führenden linken Verlage der Weimarer Republik entwickelte.³
Zehn Jahre waren seit der Gründung der Neuen Jugend vergangen. Längst waren die Hoffnungen auf einen Untergang des kapitalistischen Systems zerstoben. Die Revolution hatte eine blutige Niederlage nach der anderen einstecken müssen. 1926 saß die bürgerliche Republik fest im Sattel. Jetzt ging es »nur« noch darum, die Fürsten zu enteignen. Ansonsten war man allerorten mit Abwehrkämpfen beschäftigt, auch auf dem Feld der Kultur. Die Justiz hatte das scharfe Schwert des Hochverrats gegen revolutionäre Künstlerinnen und Künstler gezückt, und für die Zukunft drohte die offizielle Einführung der Zensur mittels des »Schund- und Schmutzgesetzes«.⁴ Auch die Produktionen des Malik-Verlags waren immer wieder vor den Kadi gezerrt worden. Angesichts dessen wuchs bei Wieland Herzfelde das Bedürfnis nach Reflexion und der Bestimmung des eigenen Orts.
Das Federkästchen
Im Tagebuch blickte Herzfelde zunächst auf das prägendste Ereignis seines Lebens zurück: den Krieg. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen war er nicht als flammender Patriot an die Front gefahren. Weil kein Entkommen war – das Kriegsabitur verpflichtete ihn –, hatte er sich am Berliner Virchow-Krankenhaus zum chirurgischen Assistenten ausbilden lassen und war schließlich Ende 1914 als Sanitätssoldat in Flandern eingesetzt worden. Die »Menschheit«, die den Krieg hervorgebracht hatte, empfand er als »kompakten Feind« (113). Weiter reichten seine politischen Begriffe nicht. Dem kaiserlichen Deutschland und seiner Armee begegnete er mit »Hass« und dem »Hochmut des Outsiders« (113), der bald in individuellen Widerstand umschlug. In Belgien kam es zu einer gewalttätigen Konfrontation mit einem Feldwebel, und Herzfelde wurde in einer Verkettung für ihn glücklicher Umstände unehrenhaft aus der Armee entlassen. Das Glück, das ihm erlaubte, die Neue Jugend herauszugeben, währte indes nicht lang. 1916 wurde er erneut eingezogen. Mittlerweile brauchte das Deutsche Reich jeden Mann.
Schon während der Schulzeit war Herzfelde ein rebellischer Geist zu eigen gewesen: »Da gab es einen Lehrer, der uns immer, wenn wir was angestellt hatten, aufs Rückgrat boxte, dabei aber den Knöchel des Mittelfingers hervorstreckte, damits besonders weh tat. Und das hat er mit mir auch einmal gemacht, aber nie wieder, denn kaum war er zurück am Katheder, warf ich mein Federkästchen, das damals aus hartem, scharfkantigen Holz war, nach ihm und verletzte ihn quer über der Stirn. (…) Auf Gewalt und Zwang reagierte ich mit Widerstand.«⁵
Das bedeutet aber nicht, dass Herzfelde kein Romantiker gewesen wäre. Er selbst beschrieb seinen politischen Ort rückblickend als »anarcho-politisch«, ein »›Spinner‹, der glaubte, man könne mit Gedichten die Welt aus den Angeln heben«.⁶ Politisch war er zu Beginn des Weltkrieges ganz wesentlich geprägt worden durch das literarische Werk seines Vaters Franz Held, dessen posthume Werkausgabe 1912 erschienen war. Hatte Herzfelde, der bei Pflegeeltern aufwuchs, zuvor kaum etwas über seinen Vater gewusst, so begegnete er nun einem expressiven sozialistischen Dichter, dessen Lyrik er in den ersten Ausgaben der Neuen Jugend nachdruckte. Mit Versen wie »Zum Soldaten ward ich dem Kaiser geboren. / Doch ein Mutterherz hat den Sohn verloren! / Eins?! Millionen Söhne sind hingemodert – / Doch des Kaisers gräßliche Sonne, sie lodert!« konnten sich die jungen Kriegsgegner identifizieren.⁷
Herzfelde und dessen Bruder Heartfield verstanden sich in der Folge zwar als Revolutionäre, mit der Arbeiterbewegung aber hatten sie nichts am Hut. Für die Burgfriedenspolitik der SPD und deren Durchhalteparolen empfanden sie nur Verachtung. Ansonsten war ihnen die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie unbekannt. Von der Spartakus-Gruppe und den Kriegsgegnern in der SPD wussten sie nichts – was insofern erstaunlich ist, als ihr Onkel, der SPD-Reichstagsabgeordnete Joseph Herzfeld, ein früher Kriegsgegner war, der 1915 an der Zimmerwalder Konferenz teilnahm und später der KPD beitrat.
Der Umschwung kam erst mit der Oktoberrevolution: »Mein individueller wurde über Nacht zum sozialen Hass«, heißt es im Tagebuch (116). Die »Schande«, Teil einer Armee zu sein, die gegen die Bolschewiki kämpft, führte Herzfelde zu dem Entschluss, aus dem Krieg auszusteigen: Am 1. Januar 1918 begann er einen heimlichen Hungerstreik: »Ohne Mitwisser heimlich hungern, vielleicht verhungern – das war Buße für alle eigene Schwäche, war Reinigung von aller menschlichen Entwürdigung.« (117) In der Folge wurde Herzfelde als geisteskrank in Berlin-Schöneberg in eine Anstalt eingewiesen und danach nur noch zum Arbeitsdienst eingesetzt. Im Sommer desertierte er schließlich und verbrachte die letzten Kriegsmonate in Berlin, wo er sich als Straßenagitator an der Revolution beteiligte. Gemeinsam mit seinem Bruder und George Grosz sowie Erwin Piscator, den er 1916 an der Front kennengelernt hatte, trat er noch während des Gründungsparteitages Ende 1918 der KPD bei.
Ein Sammelbecken
Sein politisches Credo hat Herzfelde 1922 in dem kleinen Text »Nie wieder Krieg« dargelegt. Es fußt auf vier Schlussfolgerungen: 1. Auf die Sozialdemokratie ist kein Verlass. Sie war im Weltkrieg ein »Durchhalteapparat von solidester Konstruktion« und würde »unter gleichen Umständen wieder genauso handeln«. 2. Da kaum eines der Probleme, die zum Weltkrieg führten, gelöst ist, ist ein neuer Krieg absehbar. 3. Der Pazifismus ist zahnlos, weil er sich selbst der notwendigen Mittel beraubt. Es braucht Gewalt: »Eine Kugel vor den Kopf oder Eisen um die Glieder – das ist die einzige Sprache, die man im Lager der Militärs aller Länder versteht.« Woraus 4. folgt: Gegen den Krieg hilft nur der »Krieg gegen die Macht, die Krieg braucht, um am Leben zu bleiben: gegen den Kapitalismus mit all seinen Götzen und Vasallen, gegen den bürgerlichen Staat, gegen seine Polizisten und Soldaten; gegen Kirche, Schule und Behörden, gegen Grundlage, Sinn und Voraussetzung dieses Staates: Privatbesitz an Produktionsmitteln zum Zweck der Ausbeutung der wirtschaftlich Schwachen«.⁸
Der Malik-Verlag wollte auf dieser Grundlage »ein geistiges Sammelbecken für alle revolutionären Kräfte (sein), die von der bürgerlichen Weltanschauung weg dem Ideal einer klassenlosen Gesellschaft zustreben«.⁹ Das erlaubte eine gewisse Breite: frühe Erprobungen in Richtung proletarischer Kultur ebenso wie die Veröffentlichung avantgardistischer Texte, aber eben auch mehr oder weniger konventionelle Erzählwerke. Politische Publizistik stand neben Reportagen und marxistischer Theorie sowie den in loser Folge erscheinenden Mappen mit Zeichnungen von George Grosz, die stets für großes Aufsehen sorgten.
Verglichen mit anderen linken Verlagen war Malik mit einem solchen Programm, das sich zudem von Beginn an durch Übersetzungen – zu nennen ist hier vor allem Upton Sinclair – auszeichnete, ziemlich erfolgreich. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass Herzfelde mit seinem Bruder Heartfield ein kongenialer Grafiker zur Seite stand, dessen Fotomontagen die Umschläge der Malik-Bücher prägten. Hinzu kamen innovative Methoden der Werbung und des Vertriebs sowie preislich gestaffelte Ausgaben, die es Herzfelde erlaubten, große Auflagen zu erzielen.
Selbst die Inflation, die viele Verlage in die Pleite trieb, konnte Malik nichts anhaben. In dem Industriellen Hermann Carl Starck fand Herzfelde einen potenten Mäzen. Mit dessen Unterstützung konnte der Verlag Ende 1923 sogar ins Zentrum Berlins in die Nähe des Potsdamer Platzes ziehen und eine eigene Buchhandlung nebst Kunstgalerie, die »Galerie Grosz«, eröffnen. Als sich 1925 dennoch die Schulden häuften, half ein anderer Mäzen aus, der Millionärssohn Felix Weil, der schon 1923 ganz wesentlich die Gründung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung ermöglicht hatte. Kurzerhand wurde der Malik-Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, als deren Geschäftsführer Herzfelde fortan agierte.
»Mancherlei Exkremente«
Ungeachtet des Erfolgs des Malik-Verlags fiel Herzfeldes persönliche Bilanz im Frühjahr 1926 wenig positiv aus. »Zehn Jahre bin ich jetzt Verleger, mache ganz gute Bücher und habe eine Menge Einzelkenntnisse. Aber eigentlich können – nichts kann ich« (122), schrieb er ins Tagebuch. Er habe seinen »Protestwille(n)« (122) schlicht zu seinem Beruf gemacht, aber diesen wirklich zu erlernen, sei keine Zeit gewesen. Herzfelde erkannte darin allerdings kein persönliches Problem, sondern ein allgemeines: Der Krieg habe eine »Generation von Laien« (121) hervorgebracht, die für den Frieden untauglich sei.
Ganz ähnlich sei es ihm mit dem Marxismus ergangen, den er »über Nacht« seinem »Rache- und Reinigungsbedürfnis« entsprechend »mit fröhlichem Appetit« gefressen habe und der ihm noch immer »Verdauungsbeschwerden« (123) bereite. Und er ergänzte: »Nicht dass ich die Kost für verfehlt hielte, im Gegenteil, je mehr ich sie verdaue, um so kräftiger fühle ich mich, aber es gibt doch auch mancherlei Exkremente – und für Aborte ist in der Bewegung in der Eile nicht gesorgt worden.« (123) Die sich in diesen Äußerungen ausdrückende Unzufriedenheit mit der Politik der KPD, insbesondere deren Kulturpolitik, hatte Herzfelde schon in der 1922 bei Malik erschienenen programmatischen Schrift »Gesellschaft, Künstler und Kommunismus« ausgedrückt. Dort ist zu lesen: »Revolutionäre haben gefährliche Sektiererneigungen! Leute ablehnen, sie boykottieren, links liegen lassen, überlegen abtun, weil sie einem nicht gleichen, weil sie Fehler begingen oder weil sie unbequeme Probleme aufrollen – das ist weder revolutionär noch proletarisch.« Und an anderer Stelle: »Klugheit gebietet, mit Laien nicht gelehrt zu sprechen, erwachsene Menschen nicht wie Schulkinder zu unterrichten.«¹⁰
Konkret bezog sich Herzfelde damit auf seine Erfahrungen mit dem Feuilleton der Roten Fahne, das von Gertrud Alexander dominiert wurde, einer traditionellen Vorstellungen vom Genie des Künstlers anhängenden Kunstkritikerin, die die Publikationen und Projekte des Malik-Verlags wie etwa Pis-cators Proletarisches Theater immer wieder scharf angegriffen hatte und vehement das von Herzfelde und Co. in Zweifel gesetzte bürgerliche Kulturerbe verteidigte.¹¹ Mit dem linken Feuilleton war Herzfelde ohnehin unzufrieden. Sein Zustand sei »traurig«, es sei geprägt durch »verkrachte Marxisten« und »durchgefallene Fachgelehrte« – »ebenso blutige Laien wie ich« (124).
Dass er mit solchen Ansichten bei den Genossen auf wenig Verständnis stoßen würde, war Herzfelde klar. Einen imaginären Funktionär lässt er antworten, er täte besser daran, »die Klassiker des Sozialismus von Hegel bis Lenin und Bucharin« zu studieren. »Ich weiß kein Gegenargument«, schreibt Herzfelde, bemerkt dann aber, es fehle ihm nicht an Theorie, sondern an Praxis. Die Marxisten kämen ihm wie »Bibelforscher« vor. Er aber wolle »nicht in Papieren, sondern im Wein, an den Käfern, den Kindern und den Wolken Gott zu erkennen« suchen (124).
Die Lücke
Mit der Frage nach der Praxis und der »soziale(n) Wahrheit« (124) endet das Tagebuch am 31. März 1926 vorläufig. Der nächste Eintrag stammt vom 25. April, erfolgte also mehr als drei Wochen später. Was hat Herzfelde in der Zwischenzeit getan?
Wir wissen es nicht. Aber der Ort, an den sich der Verleger zurückgezogen hat, gibt einen Fingerzeig. Herzfelde war mit seinen Geschwistern in Aigen in der Nähe von Salzburg aufgewachsen und seit Kindestagen ein begeisterter Bergsteiger – eine Leidenschaft, die er mit seinem Vater teilte, der Anfang 1900 ganz in der Nähe in dem bei Bozen gelegenen Dorf Jenesien aufgegriffen und in eine Nervenheilanstalt verbracht worden war, wo er schließlich 1908 verstarb.¹² Gut möglich, dass Herzfelde, der im Oktober 1925 selbst Vater geworden war, sich auf die Spuren von Franz Held begeben hat. Wollte er sehen, wo der Vater sich 26 Jahre zuvor als exzentrischer Geschichtenerzähler durch die Wirtshäuser getrieben hatte? Schließlich hat Herzfelde sich, seitdem er 1912 dessen Texte kennengelernt hatte, deutlich mit diesem identifiziert; einer seiner ersten Aufsätze, erschienen im April 1914 in Franz Pfemferts Aktion, widmete sich bezeichnenderweise der »Ethik des Geisteskranken«, eine Verteidigung der Umnachteten, in der Herzfelde entschieden feststellte: »Der Geisteskranke ist immer Held, immer Persönlichkeit, nicht nur im Traum. Er ist König, wenn er will.«¹³
Am 25. April war Herzfelde eine Antwort an den imaginären Genossen eingefallen: »Man kann nur studieren, wenn die Bande intakt sind, die einen verbinden mit den Geistern der Vergangenheit, von denen man lernen will.« (126) Den Nachkriegslaien aber sei jede Tradition suspekt, selbst Lenin. Die Vorkriegsmenschen anerkannten noch die Autorität des Wortes, die Nachkriegsmenschen nicht mehr. Sie wollen Erfahrung statt Theorie: »Das Gemurmel eines verärgerten Billetknipsers ist mir, wenn ich von der Lage der Eisenbahner etwas wissen will, zuverlässiger als alle theoretischen Werke darüber.« (126)
Nicht jeder Samen geht auf
Ähnlich ergeht es Herzfelde mit der »Kriegstheorie« (126) der Marxisten, die so auffällig mit der Praxis im Widerspruch stehe, ein Missverhältnis, das vielen Genossen nicht einmal auffalle. Dabei sei es doch greifbar. Schließlich habe sich die proletarische Revolution in keinem Land außer im Russischen Reich durchsetzen können. Und auch im Falle der Sowjetunion sei der Erfolg des Sozialismus noch immer eine Frage des Glaubens: »Wer an den ersten Keimen die Pflanze und ihre Früchte zu erkennen vermag, dem hat Russland schon den Beweis geliefert (…). Damit allein ist der Idee des Sozialismus aber nicht gedient, dass man an sie glaubt.« (129) Für die skeptischen Massen im Westen sei das zuwenig. Zu weit verbreitet sei die politische Indifferenz. Hier brauche es Beweise, die die Sowjetunion als einzelnes Land gar nicht erbringen könne. Zumal deren Existenz noch gar nicht gesichert sei: »Nicht jeder Same geht auf; wenn man auf Beeten herumtrampelt, wie das internationale Kapital auf Russland« (129f.).
Die Frage sei also, wie man von der Theorie – der historisch-materialistischen Geschichtsauffassung und der dialektischen Methode, die Herzfelde ja als richtig anerkennt – zu einer den Kapitalismus überwindenden Praxis gelange, denn auch der »Gott des Klassenkriegs ist bei den stärksten Bataillonen« (131). Und gerade in diesem Punkt sei der Streit groß: Die einen wollen eine Rote Armee aufbauen, um im richtigen Augenblick zuzuschlagen, die anderen Tageskämpfe führen und dabei den Apparat ausbauen und trainieren. Wieder andere meinen, man müsse nur den nächsten Krieg abwarten, bis wieder Waffen unter die Leute kommen. Für alle Ansätze aber gibt es Gegenargumente: Eine proletarische Armee werde höchstwahrscheinlich »mit Gas, Tanks, Flammenwerfern und Maschinengewehren (…) dezimiert«, ein neuer Krieg mit Kolonialtruppen geführt und die Rüstungsarbeiter mit hohen Löhnen geködert »wie letztesmal in Amerika« (132).
Da hier keine Einigkeit herrsche, bleibe ein »Bewusstsein der Direktionslosigkeit«, das aber meist ignoriert und »mehr oder weniger durch Tagesprobleme und orthodoxe Redensarten ins Unterbewusstsein abgeschoben« (133) werde. Das Ergebnis sei ein Erstarren im pseudorevolutionären Trott, so dass sich Herzfelde auch politisch als Laie fühlt.
Offen bleiben
Für Herzfelde ergab sich daraus zweierlei: Zum einen, sich nicht vor lauter Betriebsamkeit »treiben zu lassen statt zu treiben« (133), d. h., weiterhin selbstbewusst auf die eigene Kraft zu vertrauen und mit dem Malik-Verlag Akzente zu setzen. Dabei aber anzuerkennen, dass die revolutionäre Nachkriegsphase vorbei war, als Herzfelde noch davon ausgegangen war, »mitten im Kampf um die Macht, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in Europa und vielleicht in der ganzen Welt« zu stehen.¹⁴ Diese Einsicht drückte sich auch im Programm des Verlags aus. Waren bei Malik zuvor zahlreiche politisch-agitatorische sowie theoretische Schriften erschienen (nach dem Tod Lenins im Januar 1924 waren auch »Ausgewählte Werke« geplant gewesen, die aber schließlich am Einspruch des Moskauer Marx-Engels-Lenin-Instituts scheiterten), konzentrierte sich Malik zukünftig darauf, »Kunst und Literatur als Waffe« zu verbreiten.¹⁵ So profilierte sich der Verlag ab Mitte der 1920er Jahre mit Romanen von Ernst Ottwalt und Theodor Plievier, Sergei Tretjakow und Alexandra Kollontai sowie Werkausgaben von Leo Tolstoi und Maxim Gorki.
Zum anderen ergab sich für Herzfelde aus der Selbstverständigung im Tagebuch der Wunsch, offen zu bleiben, auf die Laien zuzugehen, die »Sprache der Indifferenten verstehen und sprechen (zu) lernen« (135), nicht in Dogmatismus zu verfallen, sondern alle zu sammeln, die dem Sozialismus dienlich sein könnten. Wie sehr Herzfelde gewillt war, auch an Menschen, die sich politisch entfernten, festzuhalten, zeigt sich beispielhaft an dessen Beziehung zu George Grosz, der sich im Laufe der Weimarer Republik immer mehr von seinen einstigen kommunistischen Positionen distanzierte. Ein anderes Beispiel ist der Fall Eduard Fuchs: Als Max Hoelz, mit dem Herzfelde gut befreundet war, ihm vorwarf, der Verlag würde die »Rechten« finanzieren, weil er weiterhin den Kulturwissenschaftler Fuchs als kaufmännischen Direktor beschäftigte, obwohl sich dieser von der KPD abgewandt und der Kommunistischen Partei-Opposition um Heinrich Brandler zugewandt hatte, reagierte Herzfelde reserviert: Beleidigungen wie »rechtes Schwein« wies er entschieden zurück: »Wäre ich ein Rechter, wäre ich noch lange kein Schwein, so wenig wie Du, als Du zur KAPD hingeneigt hast, ein Schwein gewesen bist, wenn es auch mancher in der KPD Dir nachzusagen versucht hat.«¹⁶ Erst als Fuchs als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Malik AG versuchte, die Kontrolle über den Verlag zu übernehmen, drängte Herzfelde ihn aus dem Unternehmen.
Im Grunde genommen betrieb Herzfelde ab Mitte der 1920er Jahre mit seinem von Ernst Ottwalt bis Theodor Plivier reichenden Verlagsprogramm eine Politik der Einheitsfront, wie sie auch offiziell von seiner Partei vertreten wurde: politisch eindeutig kommunistisch und doch offen gegenüber Kräften auch außerhalb der KPD.
Anmerkungen
1 Wieland Herzfelde: Tagebuch eines Laien. Mit einem Text seines Sohnes George Wyland-Herzfelde, hg. v. Urich Faure u. Jürgen Seuss. Assenheim 1996, S. 113. Im Folgenden mit Seitenzahlen direkt im Text belegt.
2 Wieland Herzfelde: Schutzhaft, Erlebnisse vom 7. bis 20. März 1919 bei den Berliner Ordnungstruppen. In: ders.: Zur Sache. Geschrieben und gesprochen zwischen 18 und 80. Berlin 1976, S. 31
3 Vgl. zur Geschichte des Malikverlags: Der Malik-Verlag 1916–1947. Chronik eines Verlages, hg. v. Jo Hauberg, Guisepe Ziati u. Thies Ziemke. Kiel 1986
4 Siehe hierzu: Ronald Weber: Bündnis der Ungleichen. Zusammen gegen die Weimarer Repression – und was dann? In der »Gruppe 1925« kamen vor hundert Jahren erstmals linksbürgerliche und kommunistische Schriftsteller zusammen, junge Welt, 26.11.2025
5 Das Wort muss wirken. Zit. n. Der Malik-Verlag (Anm. 3), S. 7f.
6 Wieland Herzfelde in der Arbeitsgruppe Ästhetik der Akademie der Künste der DDR, 30.1.1978. Zit. n.: Berlinische Dramaturgie. Gesprächsprotokolle der von Peter Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen, hg. v. Thomas Keck u. Jens Mehrle. Berlin 2010, S. 28 u. Der Malik-Verlag (Anm. 3), S. 30
7 Siehe zu Franz Held: Ronald Weber: Unter der grässlichen Sonne des Kaisers. Von Phantasie, Sozialismus und Gletscherglanz. Vor 160 Jahren wurde der Dichter Franz Held geboren, junge Welt, 28.5.2022
8 Wieland Herzfelde: Nie wieder Krieg. In: ders.: Zur Sache (Anm. 2), S. 93ff.
9 Wieland Herzfelde: Ein Verlagsprogramm. In: ebd., S. 103
10 Wieland Herzfelde: Gesellschaft, Künstler und Kommunismus. In: ders.: Zur Sache (Anm. 2), S. 69 u. 84
11 Vgl. Stefan Ripplinger: Rubens am Apparat. Vor 100 Jahren schossen George Grosz und John Heartfield gegen den »Kunstlumpen« Oskar Kokoschka und die Kunst im Allgemeinen, junge Welt, 1.4.2020
12 Die Familie war zuvor in Folge eines Gotteslästerungsprozesses gegen Franz Held vor der bayerischen Justiz geflohen. Im Sommer 1899 verschwand zunächst der Vater, der sich zu einer langen Bergwanderung aufgemacht hatte, dann die Mutter, so dass die Kinder allein zurückblieben und schließlich bei einer Familie am Ort in Pflege kamen.
13 Wieland Herzfelde: Die Ethik des Geisteskranken. In: Die Aktion 4 (1914), Nr. 14, S. 300
14 Wilhelm Girnus: Und zwar gern. Gespräch mit Wieland Herzfelde. In: Sinn und Form 28 (1976), H. 6, S. 1123
15 Ebd., S. 1130
16 Wieland Herzfelde an Max Hoelz, 22.3.1930. In: Max Hoelz: »Ich grüße und küsse Dich – Rot Front!«. Tagebücher und Briefe, Moskau 1929 bis 1933, hg. v. Ulla Plener. Berlin 2005, S. 114
Ronald Weber leitet das Themaressort dieser Zeitung. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 20. März 2026 über die Uraufführung von Peter Hacks’ Monodrama »Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe«: »Mit Puppen reden«
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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