»Gesteht es ein, euer Schuttsein!«
Von Vincent Sauer
Als Bert Papenfuß Ende August 2023 starb, meinte ein ehemaliger Autor dieser Zeitung, er ist jenseits der 50, zu einem anderen: »Scheiße, jetzt müssen wir erwachsen werden.« Die Berliner Volksbühne richtete eine Gedenkveranstaltung mit Weggefährten für den Dichter, Anarchisten, Zeitschriftenmacher und Kneipenbetreiber aus – das Haus war rappelvoll, die Soirée war besser besucht als die meisten Premieren am Rosa-Luxemburg-Platz. Zu seiner Beerdigung kamen Hunderte und es folgte, so hört man, eine zweitägige Trauerfeier.
Über Jahrzehnte hielt Papenfuß eine Gegenöffentlichkeit zusammen, die sich mit dem neuen Berlin kapitalkonformer Wessis nicht abfinden wollte. »Gesteht es ein, euer Schuttsein!« Im Prenzlauer Berg war er für drei Kneipen mitverantwortlich: erst den Torpedokäfer, dann das Kaffee Burger, wo mittlerweile ein schmachvoller Ort namens »Nachtleben« von Touristen lebt, und zuletzt die Rumbalotte continua in einer Immobilie, die inzwischen dem Gründer der Red Bull Music Academy gehört, der für Gegenkultur natürlich nichts übrig hat.
»Freiheit wird nicht kommen / Freiheit wird sich rausgenommen.« Lesen, Schreiben, Saufen, Leben, Streiten: Die bürgerliche, sterile Trennung von kommoder Kunst und fadem, abgesicherten Privatleben war im Kosmos von Papenfuß nicht vorstellbar. An den Zeitschriften Gegner, Sklaven wirkte er mit, darin fand sich avancierte Literatur neben anarchistischer Theorie, Texte über die Geschichte der Arbeiterbewegung neben zeitgenössischen Betrachtungen von links unten über die Gegenwart des Landes. Seit 2014 erscheint die von ihm mitbegründete Abwärts!.
Für seine Gedichte erhielt Papenfuß früh von der richtigen Seite Anerkennung: Der österreichische Erneuerer und Zertrümmerer Ernst Jandl nannte ihn einen »Dichter ersten Ranges«. Auf Auszeichnungen des literarischen Establishments konnte er verzichten, es gab trotzdem zum Beispiel 1998 den Erich-Fried-Preis. Mit dessen gemächlicher Lyrik, die sich auf das Ausschreiben von Wahrheiten in einfachen Versen beschränkt, hatte Papenfuß aber nichts zu tun. Die Haltung war Punk, die Sprache Resultat einer lebenslangen Gegnerschaft zum konformistischen Gequassel von faulen Autoritäten, Werbeschrott: »fliessbandelegien legen / fahrzeitueberbruekken bauen / schminktischgedichte lidstreichen / unfallmelodramen flennen«. Lieber beschäftigte er sich mit Rotwelsch. Sein Werk ist ein seltenes Beispiel für »politische Dissidenz, die sich auch ästhetisch artikuliert« wie Florian Neuner in seinem Nachruf für diese Zeitung schrieb. Am 11. Januar 2026 wäre Bert Papenfuß 70 Jahre alt geworden.
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