Bleib in Schale, Mensch
Von Vincent Sauer
Bitterkalt ist es in Cottbus. Leichter Schneefall, Ostwind, der Himmel grau. Die Premiere von Sebastian Hartmanns »Der Hauptmann von Köpenick«-Inszenierung am hiesigen Staatstheater liegt zwar schon ein paar Monate zurück, aber die Produktion hat es auf die Listen der Vernunft dieser Zeitung geschafft und wurde Ende Januar als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen 2025 zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen. Sollte man sich also mal genauer angucken, nicht zuletzt da Regisseur Hartmann zu den wenigen berühmten deutschen Gegenwartskünstlern gehört, die Militarisierung und Aufrüstung schlicht und korrekt als »Wahnsinn« bezeichnen.
»Der deutschen Kunst« steht über der Eingangspforte des Staatstheaters Cottbus seit beinahe 120 Jahren. Diese Fassade rekonstruiert Hartmann für sein Bühnenbild, baut aber unten einen breiten Guckkasten ein: Theater im Theater, der deutsche Kasper, Marionettenspiel, Puppenköpfe. Keine gemütliche Illusion mit Altberliner Lokalkolorit wird vor dem Publikum abgespielt, sondern ein nie langweiliger Abend gegen den Wunsch, in einer Uniform seine Heimat zu finden. Weit am Anfang stellt Schauspielerin Lucie Luise Thiede in schwarzem Frack mit Melone die Frage, wann man das letzte Mal so richtig »Hurra« rufen konnte.
Carl Zuckmayers Stück »Der Hauptmann von Köpenick. Ein deutsches Märchen« wurde 1931 in Berlin uraufgeführt und basiert auf dem Leben des Wilhelm Voigt (1849–1922). Der Schuhmacher landet wegen Diebstahls und Urkundenfälschung immer wieder im Knast. Da er keine Papiere hat, findet er keine richtige Arbeit, weil er keine Stelle hat, kriegt er keine Aufenthaltsgenehmigung. 1906 schließlich erwirbt er beim Trödler eine abgetragene Offiziersuniform, lässt den Bürgermeister von Köpenick verhaften, ergattert 3.357 Mark aus der Stadtkasse, wird aber kurz darauf verhaftet. Nach zwei Jahren in Moabit begnadigt ihn der Kaiser, und Voigt wird eine kleine Medienattraktion. Zuckmayers Bearbeitung der Köpenickiade wurde zum Welterfolg, ab 1933 war das Stück in Deutschland verboten, der Autor ging ins Exil zunächst nach Österreich, 1938 dann in die Schweiz, wo er bis zu seinem Tod 1977 lebte.
Auf Schweizerdeutsch eröffnet Benjamin Kühni nun in Cottbus das Geschehen. Er soll dafür sorgen, dass wir auch ja alles verstehen. Dieses fadenscheinige Bedürfnis wird nicht befriedigt. Gunnar Golkowski macht weiter, spricht im bergischen Dialekt und mit einer Socke in der Hand, die gebürtige Eisenacherin Ariadne Pabst beherrscht Kölsch als gemeine Polizistin, Torben Appel liest auf norddeutsch hämisch von der Verhaftung Voigts aus der Zeitung vor. Die Dialekte hinterfragen, was »der deutschen Kunst« eigentlich bedeuten soll, heimelig wird es in diesem »deutschen Märchen« nicht.
Alle spielen den Hauptmann von Köpenick, und keiner ist es. Die Schauspieler erzählen in wechselnden Kostümen (Adriana Braga Peretzki) die Geschichte eines Mannes, den die Gesellschaft immer wieder vor die Tür kehrt. Im Kaiserreich wie heute wird in Deutschland nach Gründen gesucht, jemanden nicht als Menschen behandeln zu müssen. Haste nichts, biste nichts. Egal ob Papiere oder Arbeit.
Unaufdringlich wird auch das Theatermachen selbst Thema. Die Schauspieler verstehen, eine Spannung herzustellen zwischen körperlicher Verletzlichkeit und Puppe-Werden. Sie verkleiden sich als Löwen und Giraffen, bewegen sich im Guckkasten wie bei Schlag-den-Maulwurf. Wenn sie im Chor das Berliner Schwanklied »Bolle reiste jüngst zu Pfingsten« singen, an dessen Ende Bolle sich auf die Gleise legt, buttert Probenleiter Markus Paul in brutalstem Berlinerisch Lucie Luise Thiede zusammen, weil sie weinen muss. Hinterm Slapstick bleibt die Gewalt einer kriegsnärrischen Gesellschaft gegenwärtig. Dafür muss niemand Uniform tragen, das Hauptmannskostüm zuckelt leer über die Bühne, Appel stellt die Besetzung des Rathauses fast nackt dar. Gurte ziehen an ihm, erzwingen eine klägliche soldatische Choreographie, umgeben von einem Karnevalsaufzug.
Das steht im Kontrast zu Heinz Rühmanns berühmter Darbietung des Hauptmanns in Helmut Käutners Verfilmung von 1956. Gegen Ende des Abends wird ein Tonausschnitt einer Folge von Thomas Gottschalks »Late Night Show« eingespielt, in der Rühmann 1993 zu Besuch war. Joachim Kaiser, Edelkritiker, langjähriger Feuilletonchef der SZ und zu jenem Zeitpunkt bereits Musikgeschichtsprofessor, wird hinzugeholt, um den Neunzigjährigen zu loben. Natürlich wird dessen NS-Karriere nicht Thema, im Gegenteil: Rühmann wird von Kaiser als »der zivile Deutsche« gelobt, dem »nichts ferner liegt als das Militante«. Beiläufig erwähnt Prof. Dr. Kaiser noch, dass Rühmann denselben dekorierten Sprechlehrer hatte wie Adolf Hitler.
Hartmanns »Hauptmann« geht weit über diese Erinnerung an die wahnwitzige bundesdeutsche Selbstgerechtigkeit hinaus. Es gelingt ein so ernstes wie lustiges Märchen gegen den Militarismus. Und das muss nicht mit großen Wahrheiten in Aussagesätzen das Publikum belehren. Der Abend zeigt mit dem Theater eigenen Mitteln – etwa figurenlos-authentisches Schauspiel und Illusionsbrüche –, wie Körper konditioniert werden für lächerliche Symbole. »In ’ne Ordnung? – Da wer’ck noch lange kein Mensch von!«
Nächste Vorstellungen: 12.2., 12.3., 11.4.
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