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Movimiento al Socialismo

Welche Fehler hat der MAS begangen?

Die bolivianische Linke unter Evo Morales ist auch an der Unterwerfung unter die Staatslogik gescheitert, konstatiert Boris Ríos

Interview: Robert Kohl Parra, Cochabamba
Foto: IMAGO/Anadolu Agency
Mit Gasgranaten: Polizeigewalt gegen Anhänger von Morales auf den Straßen von La Paz (9.8.2022)

In welchem Kontext geschah der Aufstieg des Movimiento al Socialismo (MAS) in Bolivien, und auf welche soziale Basis konnte er sich stützen?

Der Aufstieg des MAS fiel zusammen mit dem totalen Zusammenbruch der konservativen Parteien, die sich ausschließlich dem Neoliberalismus verschrieben hatten. Mit dem Regierungserlass 21060 von 1986 wurde der Neoliberalismus institutionalisiert und gleichzeitig die bolivianische Arbeiterbewegung zerschlagen – die Staatsminen wurden geschlossen, die Bergarbeiter zwangsumgesiedelt und damit der Gewerkschaftsdachverband Central Obrera Boliviana als politische Kraft praktisch vernichtet. In diesem Vakuum wurde nicht mehr die Arbeiterklasse, sondern die Bauernbewegung und in erster Linie die Gewerkschaft der Kokabauern zum neuen Artikulationszentrum des Volkswiderstands. Der MAS unter Evo Morales hatte die politische Klugheit, die enormen sozialen Widersprüche dieser Zeit in Wahlerfolge umzuwandeln, und trat mit einem für die Region außerordentlich radikalen Programm an: verfassungsgebende Versammlung, Verstaatlichung der Bodenschätze und volle politische Einbeziehung der indigenen Bevölkerung.

Welchen Beitrag haben die Gueva­risten zu diesem »Prozess des Wandels« geleistet?

Der entscheidende Beitrag der Guevaristen lag darin, dass sie bereits seit Jahrzehnten mit der Bauernbewegung gearbeitet und politische Thesen entwickelt hatten, die später von dem MAS übernommen wurden. Besonders wichtig war das Konzept der guevaristischen Partei als »politisches Instrument« – also nicht nur eine traditionelle Partei zu gründen, sondern auch politische, militärische, wirtschaftliche und kulturelle Dimensionen einzubeziehen. Viele guevaristische Kader und Bauernführer schlossen sich dem MAS an und brachten diese organisatorische Logik mit. Auch das Konzept der Territorialkontrolle, das in der Tropenregion Cochabambas bis heute besteht, stammt direkt aus der Guerillatradition des Ejército de Liberación Nacional.

Was waren die großen Fehler des MAS, und was sind heute Hausaufgaben der bolivianischen Linken?

Der fundamentale Fehler war die Unterwerfung unter die Staatslogik. Als die Linke einmal Teil der Regierung war, hörte sie auf, kritisch zu denken. Wir haben die Grenzen des Möglichen nicht ausgetestet. Man hätte weitergehen können: Steuern auf Großvermögen, Regulierung der Agrarindustrie, Einschränkungen der Privatbanken. Aber es fehlte der politische Wille. Gleichzeitig korrumpierte die Staatsnähe die sozialen Bewegungen selbst: Aus Gewerkschaftsführern wurden Karrieristen, die auf Abgeordnetenmandate spekulierten. Zudem kam das Versagen in der politischen Bildung, denn theoretisches Wissen ohne kritische Praxis bleibt wirkungslos.

Die zweite große Hausaufgabe ist heute Selbstkritik: offen anerkennen, was nicht getan wurde, die Theorie neu entwickeln und jene sozialen Sektoren identifizieren, in denen emanzipatorisches Potential liegt. Die Vorbilder bleiben Kuba – wegen seines konstant politisierten und informierten Volkes – und Venezuela, wo unter Chávez die Volksmassen durch Bildung und Bewaffnung zum Subjekt der Revolution wurden.

Welchen Charakter hat die neue Regierung in Bolivien?

Rodrigo Paz und die ihn tragende Oligarchie haben kein modernes Projekt; sie wollen schlicht den Neoliberalismus wiederherstellen und die MAS-Führung juristisch verfolgen. Das ist kein politisches Programm, das ist Rache. Die Agraroligarchie, vor allem die Großgrundbesitzer in Santa Cruz, hat ihre Reichtümer nie durch eigene Leistung erworben, sondern durch Militärdiktaturen, geschenkte Ländereien, erlassene Kredite und staatliche Subventionen. Sie leben vom Staat, leugnen es aber und agieren mit einer vormodernen, fast präkapitalistischen Mentalität ohne langfristige Klasseninteressen. Ideologisch stützte sich der Putsch von 2019 auf eine gezielte Propagandakampagne gegen Evo und religiöse Ängste, die die städtischen Mittelschichten mobilisierte. Der Einsatz der Bibel durch Jeanine Áñez war dabei kein Zufall, sondern Teil dieses reaktionären Diskurses. Heute beginnt diese Koalition, die der Hass auf den MAS zusammenhielt, zu bröckeln.

Boris Ríos ist ein bolivianischer Soziologe und beim Movimiento Guevarista aktiv

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.04.2026, Seite 3, Ausland

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