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11.03.2026
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»Wenn wir streiken, steht die Welt still«
Frauenstreik in Berlin: 500 Frauen gegen Krieg, Ausbeutung und Gewalt
Am sonnigen Montag vormittag ist der Platz am Kottbusser Tor ordentlich gefüllt. 500 mehrheitlich junge Frauen sind gekommen, um zu streiken. Ein buntes Transparent ziert den Ort: »Frauen, streikt!« In der Frühlingsluftluft liegt eine kämpferische Stimmung: »Wenn wir streiken, steht die Welt still«, skandiert die Masse.
Verschiedene Kollektive und Initiativen hatten am 9. März zu bundesweiten Frauenstreiks aufgerufen. Ziel sei es, den 8. März um einen Streiktag zu erweitern, so die Gruppe »Enough«. Laut »Töchterkollektiv« wurde bundesweit in 80 Städten gestreikt. Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte verbindet die Initiativen etwas: Sie wollen Aufmerksamkeit für die aktuellen Angriffe auf Arbeiterinnen und Frauen schaffen – und diese Missstände bekämpfen. In den Positionspapieren der beteiligten Gruppen geht es um fehlenden Gewaltschutz, die Wahrung von Frauenrechten und ein Ende des Lohnunterschieds zwischen Männern und Frauen.
Zu der Kundgebung am Kottbusser Tor rief das Kollektiv »Frauen, streikt« auf. Ziel sei es, »den politischen Streik in Deutschland wieder zu etablieren – als politisches Druckmittel gegen die steigende Gewalt an Frauen und LGBTI+, die Zerschlagung der sozialen Infrastruktur und die Militarisierung«, heißt es in der Pressemitteilung. Dafür sollten Frauen die Lohnarbeit und die unbezahlte Sorgearbeit niederlegen und so die doppelte Ausbeutung der Frau sichtbar machen. »Das ist nur der Anfang, wir werden uns weiter organisieren und vernetzen, bis Millionen streiken und auf die Straße gehen«, sagte Mitorganisatorin Emily im Gespräch mit jW.
Die zentrale Forderung des Berliner Kollektivs lautet: 2,1 Milliarden Euro für Gewaltschutz und Frauenhäuser statt für die Polizei. Damit wolle man sich bewusst von anderen Streiks abgrenzen, die sich nach Ansicht der Organisation nicht klar genug von der Polizei als »patriarchaler Institution« distanzieren.
Die Ortswahl der Anfangskundgebung ist dabei nicht zufällig. »Das Kottbusser Tor ist zu einem Symbol geworden für eine Politik, die Gelder in Überwachung und neue Polizeiwachen steckt, anstatt in Bildung und Soziales«, hieß es in einer Rede des Kollektivs. Immer wieder ertönte die Parole: »Dieser Staat schützt mich nicht, meine Schwestern schützen mich.«
Für viele streikende Frauen steht der Kampf gegen patriarchale Gewalt im Mittelpunkt. »Ich habe heute meine Arbeit niedergelegt gegen Femizide«, sagte die Sozialarbeiterin Jessi gegenüber jW, »und für die Umsetzung der Istanbul-Konvention«. Nach deren Vorgaben fehlen in Berlin 500 Frauenhausplätze; bundesweit sind es schätzungsweise 14.000. Bereits im vergangenen September hatten geplante Kürzungen im Bereich des Gewaltschutzes breite Proteste ausgelöst. An diese Mobilisierungen knüpfen die Streikenden an.
Der Kampf gegen patriarchale Gewalt erfordert auch internationale Solidarität und Antimilitarismus. »Jin, Jiyan, AzadΫ (Frauen, Leben, Freiheit, jW), hallte immer wieder durch die Straßen Kreuzbergs. Die Parole stammt aus der kurdischen Frauenbewegung und ist global zu einem Symbol widerständiger Frauen geworden. In der Pressemitteilung kritisiert das Kollektiv den Militärhaushalt der BRD. Sondervermögen brauche es nicht für Kriegstüchtigkeit, sondern für Gleichstellung der Geschlechter. Der Streik verstehe sich auch als Aufruf zur Frauenbefreiung und zum Kampf um Selbstbestimmung auf internationaler Ebene. Ob das der Start einer neuen großen Frauenstreikbewegung war, bleibt abzuwarten.
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